Fehlende InnovationMeine Ex-Ikone

Apple zahlt kaum Steuern und toleriert Kinderarbeit? Das war Götz Hamann bislang eher egal. Doch jetzt reicht's. Apple ist nicht mehr innovativ. Und vergrätzt einen Fan. von 

Iphone von Apple

Iphone von Apple  |  © Jean-Sebastien Evrard/AFP/Getty Images

Wie nah das Schöne und das Hässliche, das Geniale und das Abgründige beieinanderliegen, sehe ich jeden Morgen auf meinem Nachttisch. Dort liegt mein iPhone. Natürlich denke ich nicht als Erstes an die Selbstmorde beim Zulieferer Foxconn in China, auch nicht an die Kinder, die gelegentlich zur Produktion des iPhones herangezogen wurden. Die üble Preisdrückerei des kalifornischen Computerkonzerns ist mir bekannt, aber nicht gegenwärtig, wenn ich in der Vorweihnachtszeit um Spenden für Entwicklungs- und Schwellenländer gebeten werde. Dass Apple kaum Steuern zahlt, weder in Deutschland noch in anderen Ländern, habe ich verstanden, aber ich denke nicht daran, wenn ich meine Mails auf meinem iPad oder meinem Apple-Laptop abarbeite. Auch den Zusammenhang mit den leicht heruntergekommenen U-Bahnen, mit denen ich ins Büro fahre, stelle ich nicht her.

Meine Verdrängungskünste als Konsument sind also gut entwickelt. Aber das ist es nicht allein: Unternehmen, die in unbekanntes Terrain vordringen und so große Innovationen hervorbringen, wie es Apple in den vergangenen zehn Jahren getan hat, brauchen und verdienen viel Freiraum. Denn man muss sich bewusst machen: Die Innovationsgeschwindigkeit eines solchen Unternehmens zu hemmen hat gesellschaftliche Kosten.

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Das heißt aber nicht, Missetaten zu ignorieren. Im Gegenteil: Man muss große Technologiekonzerne immer wieder und leidenschaftlich kritisieren. Aber zum Gesamtbild gehört es eben, die Verfehlungen auf einer Zeitachse einzuordnen. Hin und wieder gilt es dann, Bilanz zu ziehen. So wie jetzt: Stehen räuberisches Unternehmertum bei Apple und gesellschaftlicher Beitrag durch Innovation noch im rechten Verhältnis zueinander?

Der Konzern zahlte außerhalb der USA zuletzt knapp zwei Prozent Steuern auf seine im Ausland erzielten Milliardengewinne. Zugleich hortet er 121 Milliarden Dollar an Bargeld, Staatsanleihen und anderen Wertpapieren. Das Unternehmen weiß mit dem vielen Geld also letztlich nichts anzufangen. Kapital liegt unproduktiv herum.

Auch an anderer Stelle häufen sich die Anzeichen schwindender Innovationskraft – und es häufen sich die groben Fehler. Apple war der Konkurrenz technisch enteilt, nun liegen Tablet-Computer von Google und Microsoft mit denen von Apple gleichauf, hier und da sogar vorn. Darüber hinaus patzt Apple zu oft in seinem Softwaregeschäft: Ein neuer firmeneigener Landkartendienst bekam verheerende Kritiken. Und, ja: Wieder und wieder zensiert Apple die Software und die Medienangebote, die Dritte über die Apple-Plattform verkaufen.

Konzernverhalten und gesellschaftlicher Nutzen passen hier nicht mehr zueinander.

Was das für mich heißt? Noch gebe ich mein iPhone nicht ab. Aber wenn ich mir das nächste Tablet kaufe, wird es Apple schwer haben. Das Hässliche tritt im Schönen zu sehr zutage.

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Leserkommentare
    • iSinn
    • 15. November 2012 9:18 Uhr

    Die anderen Fabrikantenmultis und Hard/Software Hersteller sind unschuldig, und lassen NICHT in China (oder in Niedriglohnfernost) herstellen?

    Es hat schon etwas Wahres. Keine Frage, und es gibt noch eine ganze Latte an anderen Dingen, die mir nicht passen. Aber ob die anderen 90, 95% der Computer-IT-Imperien umso viel besser sind? Ich glaube nicht …

    Ich warte (nur) auf den den ersten Apple-Basher (nennt man "neudeutsch" "Hater").
    Gruss, ein "Fanboy"
    (würden "die", jetzt zu einem treuen Apple-Userseit fast 23 Jahren jetzt sagen).

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    Also mein Fujitsu PC ist in Deutschland gefertigt (Gehäuse, Mainboard und zusammengebaut) während mein BlackBerry aus Ungarn kommt (Vorgänger noch aus Kanada).
    Meine Kopfhörer sind "Made in Germany" (außer meine In-Ears).

    Sie mögen es kaum glauben, aber nicht jedes Unternehmen produziert in China - und nicht jedes Unternehmen setzt Zulieferer derart unter Druck.
    In Anbetracht der Profitmargen von Apple ist dieser Vorgang erst Recht recht zweifelhaft - aber vermutlich arbeitet man bei dieser Firma nach dem Prinzip "Geld stinkt nicht"...

    • tomari
    • 19. November 2012 8:47 Uhr

    Der Begriff Apple Bashing hat etwas religiöses. Ein solcher Artikel MUSS diesen Begriff in den Kommentaren hervorrufen. Warum Apple - ist immer die erste Reaktion. Darf man nicht kritisieren, einen der größten Konzerne unserer Zeit? Darf man nicht genau hinschauen? Auch andere Konzerne bekommen Saures, Google, Microsoft. Ist Apple so klein und arm daß jedesmal als allererstes gemeckert werden muß, warum nur mein armes Apple? Grauenvoll.

    Warum Apple Thema des Artikels ist?
    Relativ einfach, man kann das Unternehmen derzeit als das führende in dieser Branche betrachten. Wir neigen dazu auf diejenigen Kritik zu üben, die nunmal die größten sind. Und das ist auch gut so, so wird es auf die Dauer kein Unternehmen schaffen mehr und mehr Reichtum, Macht, etc. zu erlangen. Irgendwann kommt der Einbruch und ein Unternehmen wird von einem anderen abgelöst.

    Ich bin auch Apple-User und schätze das Betriebssystem und auch den iPad. Nur man kann nicht alles ignorieren und zu sagen, die anderen machen es auch, ist billig.
    http://www.anthri.anthri.de/tschuss-apple/
    Eine Teilalternative ist vermutlich Linux. Android ist es nicht. Viel zu unsicher.

    Milliarden, wie der Artikel richtig sagt. Apple macht also Billiglöhne, Kinderarbeit, hält sich nicht an Sozialstandards und zahlt keine Steuern, für NOCH MEHR PROFIT, dass niemandem etwas nützt. Das ist doch krankhaft. Es ist wie eine Fresssüchtige, die frisst und frisst und frisst bis sie kollabiert, während die Hungernden die Krümel aufsammeln müssen.

    Sorry, aber Alle verdient Kritik, und zwar saftige! Unabhängig davon, was andere Konzerne genauso oder anders machen. Denn die Tatsache, dass es noch andere Straftäter gibt, schützt einen doch nicht vor Strafe, oder? Dann sollte Apple moralisch auch kritisierbar sein, egal was Google macht.

    • hairy
    • 19. November 2012 11:07 Uhr

    Andere sind nicht entschuldigt. Und Apple sorgt bei Foxconn fuer rund 40 % des Umsatzes. Diverse Berichte zu den Zustaenden dort haben direkt mit der Produktion von Apple-Produkten zu tun. Apple erwirtschaftet die weit groesseren Profite als andere. Und Apple lebt weit mehr als andere vom positiven Mythos.

  1. welche innovationen würden denn welche formen des raubrittertums aufwiegen? gibts da irgendwelche verrechungsregeln? soundsoviele depressive industriearbeiter pro "gesellschaftlichem beitrag"? "hey - für die geile app können sich ruhig ein paar chinesen von der brücke stürzen" - oder wie muss man sich das vorstellen? bzw. von welcher gesellschaft reden sie da eigentlich?

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    • Mkdrs
    • 19. November 2012 9:53 Uhr

    Genau das war mein Gedanke. Ich finde es schon verrückt, dass sich jemand auf dem Internetauftritt einer recht seriösen Zeitung traut sowas zu schreiben. Und liest da keiner nochmal drüber? Um das im nochmal hervorzuheben: Der Autor sagt, dass man den Tod von Menschen durchaus in Kauf nehmen kann für die Innovation die die ganze gesellschaft weiterbringt. Ich glaube nicht dass man in der heutigen Zeit noch Menschenleben Opfern muss für Innovation. Vorallem im Bereich von irgendwelchen Elektronischen Geräten. Da versucht nur einer sich zu rechtfertigen...

    • hairy
    • 19. November 2012 11:23 Uhr

    aber, bezgl. "welche innovationen würden denn welche formen des raubrittertums aufwiegen?" Rein moralisch: gar keine, aber darum gehts in dem Artikel m.E. nicht so ausschliesslich. Sondern um den Gedankengang eines Konsumenten, dass er bisher Moral angesichts des schoenen und innovativen Geraets aussen vor gelassen hat. Freilich veraendert sich die Einstellung manches Konsumenten, wenn nebst den draengenderen moralischen Fragen auch noch (sic!) das Schoene und Innovative am Geraet 'weniger' wird. Und: die These, dass technische Innovation gesellschaftlichen Nutzen habe, ist ja nicht generell falsch - und eben diese These wurde auch von Apple immer wieder bemueht.

    Vielen Dank! Da sind Sie mir zuvorgekommen...
    Unglaublich, mit was für einer Frechheit solche Thesen aufgestellt werden!

    "Die Innovationsgeschwindigkeit eines solchen Unternehmens zu hemmen hat gesellschaftliche Kosten"

    Das ist die Ideologie eines modernen Kolonialismus und gehört nicht toleriert!

  2. Wenn man sich die Schlagzeilen zu Apple der letzten Monate ansieht, dann wird man feststellen, dass Apple dieses Jahr genauso viel PR zu irgendwelchen Prozessen hatte, wie zu "neuen/verbessersten" Produkten.

    Wenn Apple weiter diesen Weg beschreitet, wird der Umsatz im nächsten Jahr womoglich durch Prozesse in die Höhe getrieben und nicht durch bahnbrechende (mE überteuerte) Designprodukte.

    • SarahA
    • 19. November 2012 8:28 Uhr

    Wow... so ignorant sind Konsumenten also...
    Sie haben all das bisher in Kauf genommen + überteuerte Preise für Produkte die es anderweitig seit Jahren für weniger Geld gibt.
    Und nun wo Apple nicht mehr ganz so hipp ist, denken sie drüber nach sich anderswo umzuschauen. Traurig.

  3. Nebenbei auch ein sehr einseitig recherchierter Artikel, in dem viel zu viele Informationen fehlen! Nur mal so als Beispiel: Bei Foxconn hat sich einiges in letzter Zeit getan dank Apple! Der Verdienst ist gestiegen, es gibt bessere Arbeitsbedingungen & es wird sogar demnächst die erste Foxconn-Fabrik in den USA gebaut die dann für Apple produziert! ;)

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    Andere machen Vergleichbares. Allerdings ist die Diskrepanz zwischen dem Image, das Apple sich gibt (cooler Premiumhersteller), und den Umständen unter denen es produzieren lässt, größer als bei anderen.

    Und nur weil andere es genauso machen, wird es noch lange nicht etwas, das man unterstützen kann oder als Konsument in Kauf nehmen bzw. sogar rechtfertigen sollte.

    Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit etc., wie steht es da mit dem Argument: aber andere machen es doch genauso, wenn ein Post-Chef o.ä. vor Gericht steht? Recht hätte er, denn viele betrügen im Rahmen ihrer Möglichkeiten, doch richtig macht es das nicht. Nur scheinheilig.

    Richtig, die bauen dort eine gigantische Fabrik. Die bauen die dort nicht aus Nächstenliebe, sondern weil es günstiger ist, als in China zu produzieren. Dass die Löhne bei Foxconn steigen ist kein Verdienst von Apple, sondern der gesellschaftlichen Realität Chinas geschuldet. Die Arbeitskräfte sind dort gesucht. Wenn ein Chef nicht auf die Forderungen der Arbeiter eingeht hat er wenn er Pech hat, am nächsten Tag keine Mitarbeiter mehr.

    • jrnsg
    • 19. November 2012 22:42 Uhr

    Was Apple von den anderen unterscheidet? Die Marge. Wer im Mittel 40% Marge hat (beim iPhone je nach Generation bis zu 60%, beim iPad ca. 30), der hat eine größere Verantwortung als derjenige, der mit 5, 7 oder vielleicht 10% Marge verkauft. Ganz einfach.

  4. Eine Leserempfehlung
    • AceKi
    • 19. November 2012 8:42 Uhr

    Es scheint als das nun hipp wäre auf Apple in egal welcher Form rumzuhacken...
    Ich meinerseits benutze mein iPhone ohne großartig mir Gedanken über die Herstellung, Innovationen usw. zu machen. Wozu auch? Ich möchte ein Gerät womit ich problemlos vieles erledigen kann. Was ist es denn nun wert? Ist es überteuert? Für mich wohl kaum, aber das muss halt jeder selbst entscheiden. Mir fallen zig Gründe warum ein iMac oder ein iOS Gerät den anderen überlegen ist, aber wer will es denn hören? Und ja, ich bin auch genervt von der ewigen Klagerei auch wenn ich sie weitesgehend gerechfertigt finde. Und, das Wichtigste, was ist denn Innovation? Muss man Innovation mit eigenen Augen sehen oder findet sie auch im Verborgenen statt? Man könnte höchstens sagen, dass man vom jetzigen iPhone Design gelangweilt ist...ja da könnte man durchaus etwas machen, das hat aber rein gar nichts mit Innovation zu tun. BTW Apple gibt Miliardenbeträge für Forschung aus! Ich glaube nicht, dass sie nicht wisse, was sie mit dem ganzen Geld anfangen wollen...Die 3 Datacenter sind ja auch nicht umsonst...
    LG
    AppleFan :)

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    Wohl kaum, Apple kauft hauptsächlich Produkte und Technologien anderer Hersteller auf und vermarktet sie dann in eigenen Geräten.

    Zudem, Google gibt jedes Jahr Millionen für Projekte aus die gemeinschaftlichen und ökölogischen Nutzen haben (könnten). Wieviel investiert Apple in solche Projekte? Null.
    Ganz abgesehen davon, dass Apple immer noch eine der dreckigsten Techfirmen weltweit ist.

    Aber das zeigt der Artikel schon, Applefans haben eine sehr ausgeprägte Fähigkeit zu ignorieren, ob es nun um die Umwelt, Kinder oder einfach nur irgendwelche Menschen irgendwo geht ist ja egal. Traurige Menschheit, wenn wir schon soweit sind.

    • timonb
    • 19. November 2012 11:47 Uhr

    Ich bin überzeugter Mac-Käufer und werde das in nächster Zeit sicherlich nicht ändern. Allerdings bin ich immer überzeugter, dass Konkurrenten Tablets und Smartphones herstellen, die dem iPad (mini) bzw. iPhone in (fast) nichts mehr nachstehen.
    Dabei war ich einer, der in der Vergangenheit immer iOS-Geräte gekauft hat, immer in der Überzeugung, dass diese auch besser sind - was sie auch einmal waren.
    Wenn ich mir jetzt allerdings alleine schon das neue Nexus 4 anschaue und auch die beiden Tablets Nexus 7 und 10, dann kann ich keinen wirklichen Unterschied mehr feststellen.
    Mir scheint es, als befinde sich der Tablet- und Smartphonemarkt gerade an einem "Tipping point", an dem Apple noch minimalste Vorteile hat, diese allerdings mit der nächsten Generation nicht mehr verteidigen kann.

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  • Schlagworte Apple | Zensur | Innovation | iPad | Tablet | iPhone | Medienzensur
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