GrossbritannienDie Schande der BBC

Der Missbrauchsskandal um den Entertainer Jimmy Savile bringt eine britische Institution ins Wanken. von Marian Blasberg, und

Für den Wühler Meirion Jones ist es die Story seines Lebens. Jones, 55, ist ein erfahrener britischer Journalist, ein Mann mit kantigem Gesicht. Er fällt auf in den Fluren der BBC, denn er trägt keinen Anzug, wie die meisten hier, sondern Holzfällerhemden, die aus der Hose hängen. Seit 23 Jahren arbeitet Jones beim BBC-Fernsehen, bei einer Sendung namens Newsnight, die man sich wie eine Mischung aus Tagesthemen und Monitor vorstellen muss. Wenn in den vergangenen Jahren in England ein Skandal ans Licht kam, konnte man sicher sein: Jones war irgendwie an der Enthüllung beteiligt.

Der Missbrauchsskandal des kürzlich verstorbenen legendären Entertainers der BBC, Jimmy Savile, ist aber auch für Jones etwas Besonderes. Er berührt seine eigene Vergangenheit. Als Jones ein Junge war, leitete seine Tante ein privates Internat in Duncroft bei London. Es war ein Haus für Mädchen aus schwierigen Verhältnissen. Jones war häufig zu Besuch, manchmal sah er den weißen Rolls-Royce des 30 Jahre älteren Savile auf dem Parkplatz stehen. Savile war oft da, allein oder in Begleitung anderer Fernsehstars. Die Tante freute sich, weil vom Rampenlicht nun etwas auf ihr Haus fiel.

Anzeige

Der junge Jones hingegen fand es seltsam. Mädchen stiegen allein in Saviles Wagen, 14-, vielleicht 15-Jährige, wo wollten sie hin mit diesem alten Freak? Jones fragte seine Mutter, die fragte die Tante, aber die Tante sagte: »Ach, der Jimmy, das ist ein guter Junge.« In Jones jedoch keimte damals ein Verdacht. Als er später bei der BBC anfing, hörte er immer wieder Gerüchte, die zu dem passten, was er einst beobachtet hatte. Savile, raunte man sich zu, habe eine Neigung zu Minderjährigen. Jones packte die Neugier. Er meldete sich im Internet bei Foren an, in denen sich Schülerinnen aus Duncroft trafen. Über Jahre suchte er nach etwas, das seinen Verdacht erhärtete. Dann landete er auf einer dieser E-Book-Seiten, auf denen Schriftsteller, die keinen Verlag haben, ihre Texte publizieren. Eine Autorin namens Karin Ward postete dort die ersten Fragmente eines Romans, der von ihrer Zeit in Duncroft handelte. Was er las, kam Jones vertraut vor, das alte Schulgebäude, der weiße Rolls, der Mann mit dieser seltsamen Frisur, der die minderjährige Erzählerin in den Wagen zerrte, sie befingerte und ihr Oralsex antrug, der versprach, sie und ihre Freundinnen in seine Show zu holen. Jones hatte eine Spur. Der Mann im Roman hatte keinen Namen, bloß Initialen: JS.

»Ich war 14, und es war ekelhaft«, sagt die krebskranke Frau

Jimmy Savile starb am 29. Oktober 2011, kurz vor dem 85. Geburtstag, in seiner Heimatstadt Leeds, und es war, als sei ein König verblichen. Vier Tage lang paradierten die Bürger an seinem goldenen Sarg vorbei, Tausende harrten am Straßenrand im Regen aus, als der Trauerzug zum Friedhof kroch. »Hier geht ein Mann von uns, der in unseren Herzen weiterlebt«, sprach der Pfarrer. Dann erfüllte sich Saviles letzter Wunsch: Man senkte ihn in ein um 45 Grad angeschrägtes Grab. Meeresblick für den Toten.

Es waren die Tage, in denen der Fernsehsender in Sondersendungen auf einen seiner größten Stars zurückblickte. 40 Jahre lang war Savile das Gesicht der BBC, ein Exzentriker mit blonder Eisenherzfrisur, der gern bunte Trainingsanzüge trug. Savile war der Moderator der berühmten Chart-Show Top of the Pops. Man kannte Savile als Wrestler, Radfahrer, Marathonläufer. Als Freund von Prinzessin Diana und Margaret Thatcher. Er tourte durchs Land und sammelte Millionen Spendengelder ein, mit denen er Gutes tat.

Jimmy Savile, das weiß man heute, hat Mädchen missbraucht. Täglich tauchen neue Frauen auf, die von sexuellen Übergriffen berichten, von Vergewaltigungen, die vor Jahren in Autos stattgefunden haben, in Schulen, in Internaten und in Saviles Garderobe bei der BBC. Mehr als 400 Hinweise verfolgt Scotland Yard. Die meisten der Opfer waren minderjährig, Mädchen zwischen acht und 15 Jahren, auch ein paar Jungs sind darunter. Die Polizei hat im Zuge ihrer Ermittlungen nicht nur den Musiker Gary Glitter sowie den Komiker Freddie Starr, beide Freunde Saviles, verhaftet. Sie ermittelt auch gegen 29 aktuelle oder frühere Mitarbeiter der BBC. Deshalb fragen Zeitungen, ob es im Sender einen Pädophilenring gegeben hat. Warum hat niemand etwas mitbekommen? Die altehrwürdige BBC ist in der größten Krise ihrer Geschichte.

Jimmy Savile wurde an einem Samstag begraben. Am Montag drauf stand Jones im Büro seines Chefs und erzählte ihm von Karin Wards Roman. Er bekam sechs Wochen für die Recherche. Er fand Karin Ward und überzeugte sie, die Dinge, die sie aufgeschrieben hatte – und die keineswegs ein Roman, sondern reale Erlebnisse waren –, auch vor der Kamera zu erzählen: »Ich war 14, es war ekelhaft«, sagt eine blasse, vom Krebs gezeichnete Frau mit langem, grauem Haar. Savile, sagt sie bitter, habe sein Versprechen tatsächlich eingelöst, er holte sie in die Show, und als die Lichter aus waren, holte er sie sich in seine Garderobe.

Jones fand weitere Frauen, die von ähnlichen Erlebnissen erzählten. Er erfuhr, dass die Polizei von Surrey 2007 gegen Savile ermittelt, die Nachforschungen aber irgendwann aufgegeben hatte. »Exzellent«, schrieb Jones’ Chef Peter Rippon in einer Mail, nachdem sein Mitarbeiter ihm von seinen Recherchen berichtet hatte. Der Beitrag sollte am 7. Dezember auf Sendung gehen. Doch ein paar Tage nach seiner Mail war Rippon anderen Sinnes. Er kippte den Film – angeblich aus journalistischen Gründen. Ob er allein seine Meinung änderte oder auf Anweisung von höherer Stelle, ist dieser Tage strittig – niemand will sich heute dazu äußern. Jedenfalls sendete die BBC an Weihnachten allerhand Rückblicke auf Saviles wohltätiges Leben. Als hätte es Jones’ Recherchen nie gegeben.

Gab es in der BBC ein Klima des Sexismus, das die Taten ermöglichte?

Die BBC ist der Arbeitsplatz, von dem Jones immer geträumt hatte. Nirgendwo in England kann er so frei recherchieren. Dieser Sender ist ein Mythos, »Auntie« nennen ihn die Briten voll Zuneigung, Tantchen. Dabei ist die Anstalt ein öffentlich-rechtlicher Gigant mit 23000 Mitarbeitern und 27 Radio- und Fernsehsendern, die in der ganzen Welt empfangen werden. Ihre Reporter haben Maßstäbe gesetzt, was Objektivität, Glaubwürdigkeit und Transparenz betrifft. Diesen Ruf hat der Sender sich von 1929 bis heute bewahrt. Britische Abgeordnete gerieten in übles Licht, Banken verrieten ihre Kunden, Journalisten hörten Prominente ab – nur die BBC blieb eine Instanz, der man glaubte. Das alles steht jetzt auf dem Spiel.

Jones warnte seinen Chef. Die Sache werde von selbst ans Licht kommen. »Die Geschichte«, schrieb er in einer Mail, »ist stark genug.« Sie nicht zu bringen werde dem Ruf der BBC umso größeren Schaden zufügen. Dazu, dass er recht behielt, trug Jones selbst bei. Ein Dreivierteljahr später brachte der Privatsender ITV eine große Savile-Enthüllungsstory. Dem Autor hatte Jones seine Kontakte anvertraut. In dem Film erzählt Karin Ward noch einmal, wie sie als Kind missbraucht wurde. Und es kam raus, dass die BBC das erste Interview mit Jones unterschlagen hatte. Die BBC, so schien es nun, hatte ihre Werte verraten.

Leserkommentare
  1. Das ist ein angenehmer Artikel. Unaufgeregt im Ton-unparteiisch breitet er die Geschichte vor einem aus.Und man erinnert sich an den Gründungsparteitag(?) der GRÜNEN in Karlsruhe 1980,wo eine der Forderungen die Abschaffung der Verfolgung von sexuellem Kontakt zu Kindern und Jugendlichen war.In dem Film der KANDIDAT von Alexander Kluge u.a. ist das festgehalten.

    [...]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie beim Thema. Danke, die Redaktion/se

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Fragen zur Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/ls

  2. 2. [...]

    Entfernt. Fragen zur Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/ls

    Antwort auf "Die blinden Flecken"
  3. Gehört das wirklich nicht zum Thema?

    http://www.zeit.de/2010/1...
    Kann das sein? Eine Mafia? Ein Schweigekartell? Zu dem vielleicht auch Journalisten gehörten?
    ....
    Becker und Hentig hatten Freunde in den Redaktionen, auch bei der ZEIT

    Haben die Medien genau wie die Schule versucht, die Missbrauchsfälle totzuschweigen? »Ich habe niemals geglaubt, dass es Zufall war, dass keine weiteren Artikel erschienen«, sagt ein ehemaliger Schüler, der behauptet, missbraucht worden zu sein. Auch unter Reformpädagogen wurde vermutet, dass weitere Enthüllungen auf »hoher journalistischer Ebene verhindert wurden«. Becker und vor allem Hentig hatten einflussreiche Bekannte in vielen Redaktionen, auch bei der ZEIT . Die langjährige Herausgeberin, die verstorbene Marion Gräfin Dönhoff, war mit Hentig befreundet. Sein Reformwerk, auch die Odenwaldschule, wurde in ZEIT- Artikeln wohlwollend besprochen. »Man darf seinen Lehrer auch einmal anfassen, ihn umarmen«, hieß es 1985 in der ZEIT, »es sind so Kleinigkeiten, an denen der Besucher das Klima einer Schule spürt.«

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte BBC
Service