50. BandjubiläumNicht Stones. Steine!

Wie hat sich die Band eigentlich in Deutschland benommen? Da müssen wir schon noch einmal Uschi Obermaier fragen. von Moritz von Uslar

Uschi Obermaier auf einem Archivfoto von 2007

Uschi Obermaier auf einem Archivfoto von 2007  |  © Johannes Simon/Getty Images

Wer herauszubringen versucht, was die Rolling Stones in den letzten bald fünf Jahrzehnten in Deutschland so getrieben haben, der spricht naturgemäß mit alten Menschen: Einer sitzt im Rollstuhl; einer kann leider nicht mehr ans Telefon kommen: Alzheimer; eine wichtige Zeugin ist vor Jahrzehnten nach Los Angeles ausgewandert; einer, den die Rolling Stones in den siebziger Jahren stets wie einen Koffer mit sich führten, hat sich in Augsburg verschanzt, seinem alten Freund Keith Richards hat er versprochen, bis an sein Lebensende mit keinem Journalisten zu sprechen, und daran hält er sich; einer saß in den letzten Jahren sogar im Gefängnis.

Diejenigen, mit denen sich heute noch ganz gut plaudern lässt, heißen: Fritz Rau, Konzertveranstalter, 82 Jahre alt; Uschi Obermaier, ehemals Fotomodell, Freundin des Kommunarden Rainer Langhans und »Pin-up der Revolution«, 66; und Michael Graeter, Klatschreporter, 72. Wer einen dieser Zeitzeugen spricht, der ahnt ein wenig von dem Wunder, dass diese Band aus den prähistorischen Zeiten des Rock heute noch am Leben ist.

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Die Geschichte der Rolling Stones in Deutschland – in wenigen Sätzen erzählt sie sich wie folgt: Am 11. September 1965 stehen die »Steine«, wie sie in deutschen Zeitungen damals genannt werden, in der Münsterland-Halle zum ersten Mal in Deutschland auf der Bühne. Zwei Auftritte: einer um 18, einer um 20 Uhr. Die Tournee hatte in Berlin in Krawallen geendet. Das Konzert wird nach zwanzig Minuten abgebrochen, Fans stürmen die Bühne, die Band flüchtet sich ins Hotel. Die Berliner Waldbühne wird komplett zerlegt. Dem Chaos in Berlin waren Krawalle in Essen und Hamburg vorausgegangen. Die Zeitschrift Bravo hatte die Rolling Stones als »härteste Band der Welt« auf Deutschlandtournee geschickt. Der so rührende wie verständlicherweise empörte Kommentar der B.Z. vom 16. September 1965 lautete: »Die Folgen der Beat-Begeisterung müssen nun die Operettenfreunde büßen: Die Waldbühne sah gestern so gründlich verwüstet aus, dass keine Hoffnung besteht, sie für den Zigeunerbaron wieder in einen zivilisierten Zustand zu versetzen.« Die Jahre 1973, 74 und 75 verbringen die Rolling Stones, so oft sie können, in München. Mick Jagger, damals mit dem High-Society-Modell Bianca verheiratet, und Keith Richards, mit dem Modell Anita Pallenberg liiert, teilen sich die sehr hübsche und sehr wilde Uschi Obermaier als Liebhaberin. In den legendären Musicland Studios, im Arabella-Haus in München-Bogenhausen gelegen – damals mit die modernsten Aufnahmestudios der Welt –, nehmen die Rolling Stones Teile der Alben It’s Only Rock’n’Roll (1974) und Black and Blue (1976) auf. Das Kapitel »Rolling Stones und Deutschland in den achtziger Jahren« wird von den Besuchen Mick Jaggers in der Münchner Discothek P1 auf den Punkt gebracht: 1985 gelingt es Michael Graeter von der Abendzeitung, den Rolling-Stones-Boss beim Champagnertrinken mit zwei Frauen abzulichten. Großes Hallo.

War da mehr? Kann einer der Überlebenden sich doch noch an einen hübschen Schwank erinnern und die Rolling-Stones-Geschichtsschreibung um eine Anekdote bereichern?

Treffen mit dem Konzertveranstalter Fritz Rau im Altersheim Rosenhof in Kronberg im Taunus. Hier residiert die großbürgerliche und gut situierte Frankfurter Oberschicht. Rau empfängt in seinem Apartment zwischen Goldenen Schallplatten und gerahmten Grußbotschaften seiner Stars (Joan Baez, Udo Lindenberg, Peter Maffay) – ein vollbärtiger, breiter Mann in einem großen Ledersessel. 1962 stieg Rau beim American Folk Blues Festival des Konzertveranstalters Horst Lippmann ein und brachte Bluesmusiker wie Willie Dixon, John Lee Hooker, Muddy Waters und Sam Hopkins nach Deutschland, in den siebziger und achtziger Jahren schickte er Stars wie Eric Clapton, Santana und die Rolling Stones quer durch Europa. Rau ruft nach seiner Haushälterin: »Brigitte! Wann essen wir zu Mittag?« Wie immer, um halb zwölf. Es geht von diesem Mann, der sich große Verdienste um den Pop in Europa erworben hat, immer noch eine tolle Energie aus: »Ich habe in meinem Leben genug Krach und Rock ’n’ Roll gehabt, jetzt genieße ich die Ruhe.«

Als musikalische Wurzel, die ihn bis heute mit den Rolling Stones verbindet, nennt Rau den Blues. Es war jener neue Sound aus Amerika, der dem jungen Mann, der im »Dritten Reich« als Hitlerjunge gedient hatte, zum Aufbruch und zu einem neuen Lebensgefühl verhalf: »Der Jazz und der Blues haben mich an Körper, Geist und Seele entnazifiziert.« Umgekehrt zitiert Rau Keith Richards, von dem jener berühmte Ausspruch stammt: »Im Grunde genommen sind wir bis heute eine Londoner Vorstadt-Bluesband.« Wo hat er die Rolling Stones zum ersten Mal getroffen? Lächeln beim Mann im Ledersessel: »1962 gastierten wir mit dem American Folk Blues Festival in Manchester. Der Backstage-Bereich wurde von drei blutjungen, ziemlich wild aussehenden Kerlen besucht: Mick, Keith und Brian. Die wollten mit ihren Helden, den Bluesmusikern aus Chicago, abhängen. Damals waren die Rolling Stones noch nicht gegründet.« Und was hat er mit den wilden Kerlen gemacht? Der polternde Mann im Ledersessel: »Ich habe sie des Backstage-Bereichs verwiesen, das war mein Job!« 1970 sitzen Rau und Mick Jagger dann in einem Büro in Frankfurt, um die erste gemeinsame Deutschlandtournee zu besprechen, Jagger erinnert Rau an ihre erste gemeinsame Begegnung: »Ich habe Sie damals für einen typischen Deutschen gehalten, für ein Arschloch.«

Rau nennt als gemeinsamen Klassenfeind die restaurative Gesellschaft, die damals in Deutschland und England herrschte. Und hebt den Generationsunterschied hervor, der zwischen ihm und den Stones liegt: »Wir waren die Vorläufer, die 58er, nicht die 68er. Wenn wir einen Joint geraucht haben, dann gingen wir auf die Toilette. Die Stones haben den Joint den Bürgern ins Gesicht geblasen.« Waren die Stones wild? »I wo! Jagger ist ein Bürgersohn vom Schlimmsten, der klassische britische Gentleman mit tadellosem Benehmen. Der Keith ist etwas rauer.« Rau erinnert sich an ausgedehnte Gespräche mit Richards über das »Dritte Reich«: »Der Keith ist Jude, das müssen Sie wissen, mit der deutschen Geschichte hat er seine Probleme gehabt. Ich habe mit Keith über deutschen Kadavergehorsam gesprochen und ihn auf die Tragödie der Versailler Verträge hingewiesen, das hat ihn alles sehr interessiert.« Jahrzehnte später wird Keith Richards in einem Interview bemerken: »Fritz half mir, die Deutschen besser zu verstehen.« Wenn Rau an die Konzerte der siebziger Jahre denkt, dann fällt ihm eine Maßnahme ein, die er als Konzertveranstalter durchgesetzt hat: Er flog mit den Stones stets am Abend nach dem Konzert in die nächste Stadt, nie am nächsten Tag. Warum? Erklärung Rau: »Ein Musiker, der von der Bühne kommt, ist zwei, drei Stunden lang auf Adrenalin. Wenn Sie den in ein Hotelzimmer sperren, dann flippt der aus, dann feiert der bis sechs Uhr früh. Und sie kriegen ihn am nächsten Tag nicht in ein Flugzeug verladen und pünktlich zum nächsten Konzert.« So ging es bei Rau immer direkt von der Bühne ins Flugzeug, von der 73er-Tour an ins Privatflugzeug von Ahmet Ertegün, dem Chef von Atlantic Records. Im Flugzeug, nicht im Hotelzimmer feierten die Rolling Stones ihre Partys. Raus Hauptaufgabe als Konzertveranstalter bestand darin, Sondergenehmigungen für den späten Abflug und die späte Landung zu erwirken. Noch heute erhält Rau zu jedem Geburtstag Glückwünsche von den Rolling Stones: »Congratulations to the Godfather.« Zum Abschied zeigt der Pate im Ruhestand ein Silbertablett mit der Aufschrift: »To Fritz with thanks from the Rolling Stones. Rock ’n’ Rau forever.«

Leserkommentare
  1. Ich verrate es: Er ist müde, hundemüde, schlüpft aus grauen Filzpantoffeln, die er geordnet unter das knarrende Bett stellt, sieht sich irgendwo im Spiegel und denkt, "hätte ich doch lieber nicht hingeschaut.." Schlägt die Zeit-Online noch einmal auf, liest einen Artikel über sich, irgendwas mit Steinen oder ähnlich, muß herzhaft und lange gähnen und schläft sofort ein. Am Morgen wacht er auf, wartet bis er sich "entfaltet" hat und denkt dann: "Mist, schon wieder so ein blöder Tag, an dem ich diesen Mick Jagger spielen muss..."

  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zum Artikelthema leisten möchten. Danke, die Redaktion/ls

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    ... konstruktive Beiträge zum jeweiligen Thema, dann muß man nicht deren Substanzlosigkeit kritisieren. So was!

  3. sitzt im Rollstuhl.'

    Sie dürften aber vermutlich alle künstliche Hüftgelenke haben - oder?

  4. Dieses Sir zeigt doch, wie sehr sie britisches Establishment sind. Nicht mal meine Großmutter würde heute noch Angst bekommen. Im Gegenteil, sie wäre wahrscheinlich von den adrett gekleidetem älteren Herrn auf der Bühne angetan. Nur, ob er mit 70 immer noch "I cant get no satisfaction" singen muss, darf man sich wohl fragen oder ob es nicht mittlerweile heißen müsste: "I cant get no satisfaction, anymore" Das sind keine Rockstars mehr, das sind ehemalige Rockstars. Ich habe die live gesehen, da waren sie gerade 50. Da war das noch ansehbar. Heute würde ich keine 150 Euro für ein Ticket ausgeben. Da geh ich lieber 10mal in ein kleines Konzert einer interessanten Band.

    Eine Leserempfehlung
    • TDU
    • 19. November 2012 14:10 Uhr

    Mal wieder ein unterhaltsamer Artikel zum Thema. Danke. Fritz Rau ist auch immer interessant. In deutscher Szene als reicher Mann getadelt, scheint er doch für die Blues- und Rockmusik engagiert wie wenige auf diesem Level in der Branche.

  5. ... konstruktive Beiträge zum jeweiligen Thema, dann muß man nicht deren Substanzlosigkeit kritisieren. So was!

    Antwort auf "[...]"
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    Nur weil ein In-Epigone ein paar Zeilen abdrückt, sind diese noch lange nicht sakrosankt. Schon gar nicht solche, wie diese hier, die nur einen auf Möchtegern-Adabei machen.

  6. Nur weil ein In-Epigone ein paar Zeilen abdrückt, sind diese noch lange nicht sakrosankt. Schon gar nicht solche, wie diese hier, die nur einen auf Möchtegern-Adabei machen.

    Antwort auf "Bringen Sie ..."

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