Ein Café in Sarajevo © Dado Ruvic/Reuters

Die Miniröcke sind erstaunlich kurz in Sarajevo, einer mehrheitlich muslimischen Stadt. Befragt man dazu einen führenden bosnischen Rechtsgelehrten, dann sagt der Mann lakonisch: Das werde sich ändern, »im Winter«. Es gibt einiges zu lachen bei den bosnischen Muslimen; nur die Friedhöfe an so vielen Ecken dieser Stadt erinnern daran, dass dies ein Humor zwischen Gräbern ist. Zwei Jahrzehnte ist es her, dass die Belagerung Sarajevos begann. Von den 100.000 Toten des Bosnienkriegs waren zwei Drittel Muslime.

Was fällt uns ein zu den Bosniern, die seit mehr als 500 Jahren europäische Muslime sind? Meistens nur: Srebrenica.

An den letzten lauen Abenden des Herbstes herrscht in der Altstadt von Sarajevo Partystimmung; wummernde Musik, Gläserklirren bis nachts um drei. Zu der Behauptung, der bosnische Islam werde immer radikaler, will das nicht passen. Es sind serbisch-nationalistische Quellen, die dieses Bild verbreiten, und westlich-islamophobe Webseiten tragen es dankbar weiter: Gefahr für Europa! Die meisten der etwa zwei Millionen Muslime in Bosnien-Herzegowina, so bestätigen auch Umfragen, nehmen die religiösen Regeln nicht besonders ernst, sie beten wenig und trinken viel. Gleichwohl hat das Kriegstrauma ihr ethno-religiöses Nationalbewusstsein verstärkt: Bosnjaken, so nennen sich auch die Säkularsten.

Nicht Gefahr für Europa, sondern Vorbild, Modell! So wirbt die bosnische Gemeinde für sich; sie ist – einmalig in der muslimischen Welt – wie eine Kirche organisiert, an der Spitze der Großmufti wie ein Erzbischof. Eine solche Autorität brauchten die Muslime auf europäischer Ebene, empfahl Mustafa Cerić wiederholt, damit sie statt mit Tausenden mit einer Stimme sprächen. Das gefiele Beamten, die sich nicht mehr mit Islamkonferenzen herumschlagen mögen. Der bosnische Sonderfall ist allerdings ein Produkt der Geschichte: Als die osmanische Vorherrschaft über Bosnien 1878 in die Hände der Habsburger wechselte, wollte Wien die Muslime dem Einfluss des Istanbuler Sultans entziehen, aus politischen Gründen. Die autonome Körperschaft, die damals entstand, hat sich bis heute erhalten, unterbrochen nur in der religionsfeindlichen Frühphase Jugoslawiens.

Eine Pyramide mit demokratischer Struktur: Die Basiseinheiten (»Jamat«), je etwa 100 Haushalte, wählen Räte, daraus entsteht ein 83-köpfiges Parlament, das wählt wiederum eine 15-köpfige Regierung (»Riyaset«). Der unterstehen alle Moscheen mit etwa 1400 Imamen. Imam, Hauptimam, Mufti: eine Klerikerhierarchie, territorial gegliedert. Das wirkt zu österreichisch, um es sich in Berlin-Kreuzberg vorstellen zu können. Aber könnte es nicht tatsächlich ein Beispiel sein – auch für Deutschland?

»Uns muss niemand erklären, wer Shakespeare ist«

Zweifellos ist dieser institutionalisierte Islam bestens kompatibel mit dem modernen Leben in einem säkularen Staat. Schon die Gemeindeverfassung beruft sich, neben Koran und Propheten-Praxis, auf »die Anforderungen der Zeit«. Seit dem frühen 20. Jahrhundert sind Bosniens Islamgelehrte im muslimischen wie im westlichen Denken verwurzelt; das spiegelt sich vor allem an der Fakultät für Islamische Studien wider, dem intellektuellen Rückgrat eines religiösen Rationalismus. Ein imposantes Gebäude aus der habsburgischen Epoche mit neomaurischem Dekor und lichtdurchfluteten Innenhöfen. Die Hälfte der Studierenden ist weiblich; gerade schreiben sich fröhliche Erstsemester ein, mit flammend roten Kopftüchern. Die Fakultät bildet Imame, Religionslehrer und Theologen aus. Imame müssen in Bosnien neuerdings einen akademischen Abschluss haben, um dem modernen Gläubigen genug bieten zu können. Das zwingt viele Ältere zu einem Fernstudium neben der Arbeit.

Ahmet Alibašić, 41, empfängt in einem winzigen Büro im Obergeschoss. Er ist ein Modernist; wie die meisten Dozenten hier verfügt er über ein säkulares sowie ein theologisches Diplom, ist Politik- und Islamwissenschaftler, vielsprachig, weit gereist. Durch die diversen Studienorte der Lehrkräfte, von USA, Indien, Europa bis Saudi-Arabien, herrsche an der Fakultät eine Vielfalt wie an keiner anderen Universität der muslimischen Welt, sagt Alibašić.