Bertolt Brecht"Ich bitte Helli, folgendes zu veranlassen"

Das unwiderstehliche Scheusal und seine wichtigste Frau: Der Briefwechsel zwischen Bertolt Brecht und Helene Weigel liegt jetzt erstmals vollständig vor. von Fritz J. Raddatz

Zuvörderst ein Intim-Leporello; kleiner Wegweiser für verworrene Lebenswege. Im Juli 1917 verliebt sich der 19-jährige Brecht, der sich noch forsch Bert nennt, in Paula Banholzer, der er mehrere Kosenamen verleiht: Paul Bittersüß, Bie. Gleichzeitig hat er zwei weitere Liebesabenteuer. Im Juli 1919 kommt beider Sohn Frank zur Welt, der 1943 als deutscher Soldat an der sogenannten Ostfront fallen wird. Seit 1920 lebt Brecht mit Marianne Zoff zusammen, die er im November 1922 heiratet. Die gemeinsame Tochter Hanne wird im März 1923 geboren (wir Späteren kennen sie als Hanne Hiob – sie wird die Nazizeit in der Obhut des Ufa-Stars Theo Lingen überdauern). Kurz nach der Geburt lernt Brecht bei Freund Feuchtwanger die junge Schriftstellerin Marieluise Fleißer kennen, mit der er ein Verhältnis beginnt.

Das berühmte Gedicht Erinnerung an die Marie A. – und hätte Brecht nur dieses eine wundersame Meisterwerk verfasst, er wäre damit bereits im Olymp der deutschen Literatur – galt keiner dieser diversen Geliebten. Es war Marie Rose Aman, eine der »Nebenfrauen« zu Bie, der er es ungenannt widmete. Die fast unheimliche Melodie des Gedichts erinnert durchaus an die spätere Ballade vom ertrunkenen Mädchen – »die Gott allmählich vergaß; erst ihr Gesicht, dann die Hände und ganz zuletzt ihr Haar«. Hier singt Gott Brecht.

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Und auch den Kuß, ich hätt ihn längst vergessen
Wenn nicht die Wolke dagewesen wär
Die weiß ich noch und werd ich immer wissen
Sie war sehr weiß und kam von oben her.
Die Pflaumenbäume blühn vielleicht noch immer
Und jene Frau hat jetzt vielleicht das siebte Kind
Doch jene Wolke blühte nur Minuten
Und als ich aufsah, schwand sie schon im Wind.

Nun will die Fama, dass Brecht dieses Gedicht im Zug geschrieben habe, und zwar im D-Zug von München nach Berlin, der ihn zu Helene Weigel trug.

Auftritt Helene Weigel. Die aus begütertem Wiener Hause stammende Schauspielerin – sie beschäftigte schon als junge Unbekannte ein Dienstmädchen – lernt Brecht durch Vermittlung des Jugendfreunds Arnolt Bronnen im September 1923 in Berlin kennen, kurz vor Erscheinen der Buchausgabe von Trommeln in der Nacht. Einem Werk, das er »Bie Banholzer« gewidmet hat. Brecht wohnt häufig bei Helene Weigel in ihrem Atelier in der Berliner Spichernstraße 16 (das sie ihm ab Februar 1925 überlässt). Im März 1924 gibt es auf Capri zwischen den Eheleuten Marianne Zoff/Bertolt Brecht eine Auseinandersetzung – Marianne wirft ihm Untreue vor, die Brecht vehement leugnet. Vier Wochen später besucht ihn Helene Weigel in Florenz: schwanger. Am 3. November 1924 wird Sohn Stefan geboren (der Hegel-Forscher stirbt 2009 in New York). Im selben Monat lernt Brecht seine neue Geliebte Elisabeth Hauptmann kennen, der er zu Weihnachten 1925 das Hauptmanuskript von Mann ist Mann schenkt. Am 22. November 1927 wird die Ehe mit Marianne Zoff geschieden, im April 1929 heiraten Weigel und Brecht (am 28. Oktober 1930 wird Tochter Barbara geboren, die bis auf den heutigen Tag das Brecht-Imperium leitet). Brecht hat gefunden, was er für sein später so benanntes »gestisches Theater« braucht und was es eigentlich nicht gibt: einen bewegten Spiegel, der in Mimik, Vokalisierung und Körperhaltung sein Denken verlebendigt. Schon 1928 schrieb Alfred Kerr über Helene Weigel als Leokadja Begbick in Brechts Mann ist Mann: »Frau Weigel, Marketenderin, tut sich hervor: durch einen festen Dauerschrei; straffes Gegell; Peitschenton; Schenkelprofil; Prallsprung. Wacker.«

Falls Sterne geboren werden können: Hier ist eine interstellare Konstellation geboren, die der bewundernswert akribisch edierte Briefband dokumentiert. Die erstmals komplett vorgelegte Korrespondenz Brecht/Weigel gleicht einer Rhapsodie: Anschwellend, zart, abschwellend, dräuend, aufgischtend, mal dröhnen Kommandos wie Pauken, mal wispern die Schlagzeugbesen, und mal streichelt der Violinbogen. Wir erleben das Wunder einer Lebensliebe ohne Lebenslüge. Da Brecht selber zeitlebens auf eindrucksvolle Weise biblisches Vokabular verwendete, ist es vielleicht nicht frivol, von einer biblischen Bindung zu sprechen: an die Frau, die er liebte und betrog; die Schauspielerin, die er bewunderte und beherrschte; die Gefährtin, der er vertraute wie wohl keinem anderen Menschen. Helene Weigel war Bertolt Brechts Lebensmensch. Sie gehörten einander; unauflöslich ineinander verwoben im unzerstörbaren Spinnennetz aus Zartheit, Hass, Verfallenheit und Beutegier.

Allerdings – wie in allen Beziehungen Brechts zu Frauen, deren (Mit-)Arbeit er wie selbstverständlich in Anspruch nahm – »gehörte« die Weigel ihm etwas mehr als umgekehrt er ihr. Schon ganz früh ist der Ton seiner Briefe harsch-verlangend: Helene Weigel hat »Schwamm und Bürste« zu ordnen, Briefe (an Piscator und Herbert Ihering) abzuschreiben, »ruf auch sogleich Ullstein an« oder »erkundige dich« oder »schicke mir« oder »bitte hinterleg die genaue Adresse des Schuhmachers für mich« klingt die Tonleiter dieser seltsamen Liebesgregorianik. Selbst für den inzwischen achtjährigen Sohn Frank, das kränkelnde Kind von Paula Banholzer, muss Frau Weigel einen Arzt besorgen; und wenn Brecht aus Augsburg avisiert: »ich werde zu Deinen letzten Proben da sein«, finden wir in den mustergültigen Anmerkungen den Hinweis »Brecht ist nicht anwesend bei den Endproben« (zu Molières George Dandin im Theater am Schiffbauerdamm, in welchem Stück Helene Weigel die Claudine spielt).

Leserkommentare
  1. Leider hat bb auch seine angeschlagene Gesundheit nicht beachtet und die verschiedenen Ensembles seiner "Fan"-Gemeinden ein letztes Mal mit seinem allzu frühen Tod geschockt.
    Ende der 60er Jahre galt bb als gefährlicher Kommunist, gleichwohl hat mein damaliger Deutschlehrer aus den Kalendergeschichten den "tapferen Sokrates" vorgelesen. Gleich nach der Stunde hab ich mir das TB gekauft, rasch weitere, bald die erste Gesamtausgabe - für 98 DM. Notabene: Die Brecht-Lektüre war einer der Gründe, weshalb ich seinerzeit aus dem Kapuziner-Internat gegangen "wurde".

  2. Aber politisch und menschlich ein Stück Dreck. Passt alles in einen einzigen Menschen. Was lehrt uns das? Wir sollten von unseren Künstlern nicht auch noch erwarten, vorbildliche Menschen zu sein. Das bedeutet auch, daß man die Kunst eines Grass oder Handke sauber von der politischen Wirrköpfigkeit trennen muß.

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