Ein Horrorszenario sieht anders aus: Die Arbeitslosigkeit nimmt leicht zu, das Wirtschaftswachstum schwächt sich etwas ab, die Preise steigen moderat. Nach Einschätzung des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung kann die deutsche Wirtschaft den großen Absturz vermeiden. Um immerhin 0,8 Prozent wird das Bruttoinlandsprodukt den fünf Wirtschaftsweisen zufolge im kommenden Jahr zunehmen. Das ist weniger als in den Boomjahren 2010 oder 2011 – aber immer noch beachtlich, angesichts der Tatsache, dass im Rest Europas die Konjunktur einbricht und zuletzt auch der deutsche Aufschwung an Kraft verloren hat.

Die Prognose, die der Rat am 7. November in Berlin vorgelegt hat, ist wohl eine der wichtigsten seit seiner Gründung vor fast fünfzig Jahren. Sie gibt den Ton vor für das Wahljahr und könnte auch für die Zukunft Europas entscheidend sein. Denn wenn in Deutschland die Arbeitslosigkeit steigt, wird die Bereitschaft zur Solidarität mit den Schuldenstaaten schwinden – und ohne Hilfe aus Berlin ist der Euro zum Untergang verurteilt.

Damit sich das Szenario der Wirtschaftsweisen bewahrheitet, dürfen im Rest der Welt keine größeren Unfälle passieren. Umso spannender ist die Frage, wie realistisch das eigentlich ist.

Fest steht, dass die Stimmung in der deutschen Wirtschaft in den vergangenen Wochen merklich schlechter geworden ist. Die Auftragspolster der Unternehmen schrumpfen, allein im September ging das Volumen der Bestellungen um 3,3 Prozent zurück – vor allem weil Kunden in den Krisenstaaten der Währungsunion weniger ordern. Erstmals seit fast drei Jahren wurden in Deutschland per Saldo wieder Stellen abgebaut. Im Schlussquartal dieses Jahres könnte auch die deutsche Wirtschaftsleistung leicht schrumpfen.

Die Wirtschaftsprofessoren gehen aber davon aus, dass der Tiefpunkt bald erreicht sein wird und das Wachstum nach einer kurzen Pause wieder anzieht. Aus diesem Grund wird ihrer Meinung nach auch die Arbeitslosigkeit nur leicht zulegen – von einem Rekordtiefstand von 6,8 Prozent in diesem auf 6,9 Prozent im kommenden Jahr. Die Bundesbürger und die Bundesregierung könnten den kommenden Monaten also alles in allem mit Gelassenheit entgegensehen.

Die Argumentation der Räte: Zwar liefern die deutschen Firmen weniger Waren nach Italien oder Spanien, dafür aber steigt die Nachfrage in den Schwellenländern Asiens und in den USA. Dabei profitieren die hiesigen Unternehmen davon, dass der Wechselkurs des Euro wegen der Krise gesunken ist – denn das bedeutet, dass sich deutsche Waren in Übersee verbilligen. Das Muster ist in den Auftragszahlen bereits erkennbar, die Bestellungen aus dem außereuropäischen Ausland legten zuletzt zu.

Die gute Nachricht ist also, dass die hiesigen Betriebe ihre Abhängigkeit von den Krisenstaaten in Europa verringert haben. Die schlechte ist, dass sie dadurch in neue Abhängigkeiten geraten sind.