Vielleicht werden Mentalitätshistoriker, die eines Tages in den Archiven und Datenspeichern nach kollektiven Bewusstseinsspuren fahnden, unsere Gegenwart als die Epoche der Daueraufregung beschreiben, als die Zeit des permanenten Skandals. Denn es vergeht kein Tag, an dem diese Gesellschaft nicht mit neuen Empörungsangeboten geflutet würde. Schon wer das Wort Skandal bei Google eingibt, also die moderne Form des Existenz- und Relevanznachweises führt, erhält gut 58 Millionen Treffer. Ganz im Sinne der allgemeinen Aufregungskommunikation gefragt: Wer ist schuld? Das Netz? Hat diese »Spektakelmaschine in Echtzeit« (Sascha Lobo) den Ton bis an den Rand des Diskurs-Ruins verschärft?

Das allerdings, so muss man gleich festhalten, ist die falsche Frage. Denn zum einen würde die Netz-Verteufelung bedeuten, dass die Verantwortung des Einzelnen unsichtbar würde, der dieses so faszinierend plastische Medium auf seine Weise benutzt: manchmal eben für das absurde Spektakel, den Shitstorm ohne Sinn und Verstand, dann aber eben auch für die gesellschaftlich bedeutsame Aufklärung, die dringend benötigte Transparenz. Und zum anderen würde man sich den Blick dafür verbauen, dass die allmähliche Verwandlung der Öffentlichkeit in ein Testlabor für Erregungsvorschläge vielschichtige Ursachen besitzt. Es reicht also nicht hin, einfach nur auf das Netz zu schimpfen. Denn was sich am Beispiel der allgemeinen Skandalsucht offenbart, ist Symptom eines umfassenden Kultur- und Medienwandels, Ausdruck und Folge einer neuen publizistischen Formation.

Aus der einst vornehmlich massenmedial geprägten Mediendemokratie entsteht allmählich die Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters. Hier wird die Deutungsmacht der wenigen zum erbittert ausgefochtenen Meinungskampf der vielen. Hier wird aus dem Gatekeeping (dem journalistischen Akt des Gewichtens, des Publizierens und Verschweigens von Information an der Zugangsschleuse zur Öffentlichkeit) das permanente, oft sorglos betriebene Gateblowing: Es genügt manchmal schon ein einziger Link, ein rasch mit dem Smartphone produziertes und dann online gestelltes Filmchen, eine sekundenschnell abgesetzte Twitter-Meldung, um gerade noch geschützte, abgeschottete Informationsräume aufzusprengen – eine Form der barrierefreien Ad-hoc-Publikation, die die Zahl möglicher Skandalofferten noch einmal kräftig potenziert.

Räumliche, zeitliche und kulturelle Grenzen sind leicht passierbar geworden

In der massenmedial geprägten Mediendemokratie konnten einst publizistische Großmächte darüber entscheiden, was als wichtig zu gelten hatte. Es gab räumlich einigermaßen eingrenzbare Wirkungsfelder, klar erkennbare, physisch fassbare Machtzentren. In der digitalen Empörungsdemokratie der Gegenwart sind räumliche, zeitliche und kulturelle Grenzen leicht passierbar geworden. Wir wissen von Mitt Romneys Ausfällen bei einem Spendendinner, Günther Oettingers Englisch-Karaoke vor amerikanischem Publikum, den antisemitischen Pöbeleien des ehemaligen Dior-Designers John Galliano in einem Pariser Café. Einmal digitalisierte Dokumente der Blamage und der Demontage, Spott- und Hassvideos lassen sich rasend schnell verbreiten, ohne Aufwand kopieren, kaum noch zensieren und immer wieder präsentieren. Sie zirkulieren heute global.

Und das einst weitgehend stumme, zur Passivität verdammte Medienpublikum wird zunehmend selbst zum Akteur, zu einem neuen Player im Wettlauf um den Scoop und die Sensation. In der Empörungsdemokratie der Gegenwart besitzt fast jeder die Instrumente, um die eigenen Botschaften in die medialen Erregungskreisläufe einzuspeisen. Man braucht keine Redaktion, keinen Sender, lediglich einen Netzzugang und ein Thema, das fasziniert und alarmiert.

Nur zwei Beispiele: Ein paar Blogger waren es, die 2010 ein zunächst unbeachtet gebliebenes Radio-Interview Horst Köhlers wieder ausgruben, es als grundgesetzwidrige Rechtfertigung von Wirtschaftskriegen interpretierten und per Mail und über Twitter zahlreiche Medien auf das Thema brachten – mit der bekannten Folge des Blitzrücktritts. Und Annette Schavan wurde zunächst nur von einem anonymen Einzelnen als Plagiatorin attackiert, der sein Dossier online stellte, schließlich nachlegte; die Ministerin kämpft nun um ihr Amt – Ausgang offen.

Journalisten bekommen also eine manchmal äußerst professionell arbeitende Konkurrenz im Enthüllungsgeschäft. Und die journalistischen Skandalbehauptungen selbst, all die Aufmacher und Aufreger, auch das ist neu, werden selbst sehr rasch durch ein aktiv gewordenes Publikum skandalisierbar, was die allgemeine Erregung noch weiter steigert – im Netz, auf den Leserbriefseiten und in Protestmails, die etwa im Falle von Thilo Sarrazin, Karl-Theodor zu Guttenberg und der Israel-Lyrik von Günter Grass über kritisch berichtende Redaktionen hereinbrachen. Sichtbar wurde hier eine gespaltene Öffentlichkeit, ein plötzliches Auseinanderklaffen von Medienempörung und Publikumsempörung und eine Wut über die Wut der jeweils anderen Seite, eine Empörung zweiter Ordnung, die zum kommunikativen Normalfall werden könnte.

 Wer "Skandal!" schreit, will vor allem eins: Aufmerksamkeit

Aber die Veränderung des Diskursklimas hat auch handfeste ökonomische Gründe, nimmt doch die Konkurrenz auf dem Medienmarkt beständig zu. Wer »Skandal!« ruft, der zeichnet seine eigene Botschaft als unbedingt beachtenswert aus. Der Skandalschrei ist inzwischen so etwas wie die Ultrakurzformel eines aggressiven Werbens um Aufmerksamkeit. Erfolgreiche Aufreger sind schlicht profitabel, gerade in einer Zeit, in der etablierte Erlösmodelle nicht mehr reibungslos funktionieren, die Leserbindung schwächer wird, Auflagen sinken, Quoten einbrechen. Und schließlich lässt sich, auch das ist eine Ursache des allgemein spürbaren Klimawandels, eine Moralisierung aller Lebensbereiche beobachten, eine Neigung zum Tugendterror, der Maß und Mitte verloren hat.

Warum ist das so? Moralische Empörung suggeriert ein Ad-hoc-Verstehen, liefert die Möglichkeit, sich über den anderen zu erheben und im Moment der kollektiven Wut Gemeinschaft zu finden. Sie kommt dem allgemein menschlichen Bedürfnis nach Einfachheit, der Orientierung am Konkreten, Punktuellen und Personalisierbaren entgegen, bedient die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, dem Sofort-Urteil und der Instant-Entlarvung. Und ebendies führt uns wieder zu den neuen technischen Möglichkeiten und der radikalen Demokratisierung der Enthüllungspraxis zurück. Denn es braucht eben nur ein paar Klicks, und schon ist ein Zitat gefunden, ein Beitrag entdeckt, aus dem sich ein Widerspruch formen, der Vorwurf der persönlichen Inkonsequenz basteln lässt: Peer Steinbrück will, so sagt er, die Banken stärker kontrollieren. Hat er nicht selbst hoch bezahlte Vorträge in diesen Kreisen gehalten? Annette Schavan verteidigt sich gegen den Plagiatsvorwurf. Hat sie nicht selbst die Betrügereien eines Karl-Theodor zu Guttenberg in besonderer Schärfe attackiert?

Die Wasser-Wein-Entlarvung (»predigt Wasser, trinkt aber Wein!«), eigentlich ein archaisches Erregungsprinzip, ist heute ein Gesellschaftsspiel geworden, an dem sich jeder ohne größere zeitliche oder intellektuelle Unkosten beteiligen kann. Die Folge für Politiker und alle, die in der Öffentlichkeit stehen: Die moralische Selbstfestlegung bedeutet womöglich einen gegenwärtigen Imagegewinn, stellt aber ein zukünftiges Reputationsrisiko dar. Vorsicht also beim ethics talk, so muss man warnend hinzufügen; die eigenen Sätze werden einem vielleicht morgen schon um die Ohren gehauen.

Bei welchem Thema lohnt sich die Wut? Welche Debatten wollen wir?

Es sind die technologischen Bedingungen, die medialen Konkurrenzverhältnisse, die gesellschaftlichen Moralisierungswellen im Verbund mit allgemein menschlichen Wahrnehmungsmustern, die in der Summe eine Skandalisierungsspirale in Gang setzen und eine beständig lauernde Erregungsbereitschaft erzeugen, die sich in rascher Folge neue Opfer und Objekte sucht. Was aber wäre, wenn die stimmberechtigten Mitglieder der Empörungsdemokratie (und das sind wir alle) sich zu einem klügeren, sorgfältigeren, besser dosierten Umgang mit den eigenen Affekten entschließen und sich einer einzigen Frage stellen würden: Was ist wirklich wichtig – bei welchem Thema lohnt die Wut, bei welchem nicht? Welche Debatten könnten dann entstehen, welche Formen der kreativen Nachdenklichkeit, des ausgeruhten Argumentierens?

Eine derartige kollektive Sensibilisierung für Relevanz und eine plötzlich um sich greifende Begeisterung für die Nuance sind unrealistisch, gewiss. Aber man wird doch noch träumen dürfen, wenigstens für einen Moment. Bis zum nächsten Skandal.