Aber die Veränderung des Diskursklimas hat auch handfeste ökonomische Gründe, nimmt doch die Konkurrenz auf dem Medienmarkt beständig zu. Wer »Skandal!« ruft, der zeichnet seine eigene Botschaft als unbedingt beachtenswert aus. Der Skandalschrei ist inzwischen so etwas wie die Ultrakurzformel eines aggressiven Werbens um Aufmerksamkeit. Erfolgreiche Aufreger sind schlicht profitabel, gerade in einer Zeit, in der etablierte Erlösmodelle nicht mehr reibungslos funktionieren, die Leserbindung schwächer wird, Auflagen sinken, Quoten einbrechen. Und schließlich lässt sich, auch das ist eine Ursache des allgemein spürbaren Klimawandels, eine Moralisierung aller Lebensbereiche beobachten, eine Neigung zum Tugendterror, der Maß und Mitte verloren hat.

Warum ist das so? Moralische Empörung suggeriert ein Ad-hoc-Verstehen, liefert die Möglichkeit, sich über den anderen zu erheben und im Moment der kollektiven Wut Gemeinschaft zu finden. Sie kommt dem allgemein menschlichen Bedürfnis nach Einfachheit, der Orientierung am Konkreten, Punktuellen und Personalisierbaren entgegen, bedient die Sehnsucht nach Eindeutigkeit, dem Sofort-Urteil und der Instant-Entlarvung. Und ebendies führt uns wieder zu den neuen technischen Möglichkeiten und der radikalen Demokratisierung der Enthüllungspraxis zurück. Denn es braucht eben nur ein paar Klicks, und schon ist ein Zitat gefunden, ein Beitrag entdeckt, aus dem sich ein Widerspruch formen, der Vorwurf der persönlichen Inkonsequenz basteln lässt: Peer Steinbrück will, so sagt er, die Banken stärker kontrollieren. Hat er nicht selbst hoch bezahlte Vorträge in diesen Kreisen gehalten? Annette Schavan verteidigt sich gegen den Plagiatsvorwurf. Hat sie nicht selbst die Betrügereien eines Karl-Theodor zu Guttenberg in besonderer Schärfe attackiert?

Die Wasser-Wein-Entlarvung (»predigt Wasser, trinkt aber Wein!«), eigentlich ein archaisches Erregungsprinzip, ist heute ein Gesellschaftsspiel geworden, an dem sich jeder ohne größere zeitliche oder intellektuelle Unkosten beteiligen kann. Die Folge für Politiker und alle, die in der Öffentlichkeit stehen: Die moralische Selbstfestlegung bedeutet womöglich einen gegenwärtigen Imagegewinn, stellt aber ein zukünftiges Reputationsrisiko dar. Vorsicht also beim ethics talk, so muss man warnend hinzufügen; die eigenen Sätze werden einem vielleicht morgen schon um die Ohren gehauen.

Bei welchem Thema lohnt sich die Wut? Welche Debatten wollen wir?

Es sind die technologischen Bedingungen, die medialen Konkurrenzverhältnisse, die gesellschaftlichen Moralisierungswellen im Verbund mit allgemein menschlichen Wahrnehmungsmustern, die in der Summe eine Skandalisierungsspirale in Gang setzen und eine beständig lauernde Erregungsbereitschaft erzeugen, die sich in rascher Folge neue Opfer und Objekte sucht. Was aber wäre, wenn die stimmberechtigten Mitglieder der Empörungsdemokratie (und das sind wir alle) sich zu einem klügeren, sorgfältigeren, besser dosierten Umgang mit den eigenen Affekten entschließen und sich einer einzigen Frage stellen würden: Was ist wirklich wichtig – bei welchem Thema lohnt die Wut, bei welchem nicht? Welche Debatten könnten dann entstehen, welche Formen der kreativen Nachdenklichkeit, des ausgeruhten Argumentierens?

Eine derartige kollektive Sensibilisierung für Relevanz und eine plötzlich um sich greifende Begeisterung für die Nuance sind unrealistisch, gewiss. Aber man wird doch noch träumen dürfen, wenigstens für einen Moment. Bis zum nächsten Skandal.