MedienWir Tugendterroristen

Im digitalen Zeitalter neigt die Mediendemokratie zur dauernden Empörung: Permanent droht der Skandal. Warum ist das so? von Bernhard Pörksen

Vielleicht werden Mentalitätshistoriker, die eines Tages in den Archiven und Datenspeichern nach kollektiven Bewusstseinsspuren fahnden, unsere Gegenwart als die Epoche der Daueraufregung beschreiben, als die Zeit des permanenten Skandals. Denn es vergeht kein Tag, an dem diese Gesellschaft nicht mit neuen Empörungsangeboten geflutet würde. Schon wer das Wort Skandal bei Google eingibt, also die moderne Form des Existenz- und Relevanznachweises führt, erhält gut 58 Millionen Treffer. Ganz im Sinne der allgemeinen Aufregungskommunikation gefragt: Wer ist schuld? Das Netz? Hat diese »Spektakelmaschine in Echtzeit« (Sascha Lobo) den Ton bis an den Rand des Diskurs-Ruins verschärft?

Das allerdings, so muss man gleich festhalten, ist die falsche Frage. Denn zum einen würde die Netz-Verteufelung bedeuten, dass die Verantwortung des Einzelnen unsichtbar würde, der dieses so faszinierend plastische Medium auf seine Weise benutzt: manchmal eben für das absurde Spektakel, den Shitstorm ohne Sinn und Verstand, dann aber eben auch für die gesellschaftlich bedeutsame Aufklärung, die dringend benötigte Transparenz. Und zum anderen würde man sich den Blick dafür verbauen, dass die allmähliche Verwandlung der Öffentlichkeit in ein Testlabor für Erregungsvorschläge vielschichtige Ursachen besitzt. Es reicht also nicht hin, einfach nur auf das Netz zu schimpfen. Denn was sich am Beispiel der allgemeinen Skandalsucht offenbart, ist Symptom eines umfassenden Kultur- und Medienwandels, Ausdruck und Folge einer neuen publizistischen Formation.

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Aus der einst vornehmlich massenmedial geprägten Mediendemokratie entsteht allmählich die Empörungsdemokratie des digitalen Zeitalters. Hier wird die Deutungsmacht der wenigen zum erbittert ausgefochtenen Meinungskampf der vielen. Hier wird aus dem Gatekeeping (dem journalistischen Akt des Gewichtens, des Publizierens und Verschweigens von Information an der Zugangsschleuse zur Öffentlichkeit) das permanente, oft sorglos betriebene Gateblowing: Es genügt manchmal schon ein einziger Link, ein rasch mit dem Smartphone produziertes und dann online gestelltes Filmchen, eine sekundenschnell abgesetzte Twitter-Meldung, um gerade noch geschützte, abgeschottete Informationsräume aufzusprengen – eine Form der barrierefreien Ad-hoc-Publikation, die die Zahl möglicher Skandalofferten noch einmal kräftig potenziert.

Räumliche, zeitliche und kulturelle Grenzen sind leicht passierbar geworden

In der massenmedial geprägten Mediendemokratie konnten einst publizistische Großmächte darüber entscheiden, was als wichtig zu gelten hatte. Es gab räumlich einigermaßen eingrenzbare Wirkungsfelder, klar erkennbare, physisch fassbare Machtzentren. In der digitalen Empörungsdemokratie der Gegenwart sind räumliche, zeitliche und kulturelle Grenzen leicht passierbar geworden. Wir wissen von Mitt Romneys Ausfällen bei einem Spendendinner, Günther Oettingers Englisch-Karaoke vor amerikanischem Publikum, den antisemitischen Pöbeleien des ehemaligen Dior-Designers John Galliano in einem Pariser Café. Einmal digitalisierte Dokumente der Blamage und der Demontage, Spott- und Hassvideos lassen sich rasend schnell verbreiten, ohne Aufwand kopieren, kaum noch zensieren und immer wieder präsentieren. Sie zirkulieren heute global.

Und das einst weitgehend stumme, zur Passivität verdammte Medienpublikum wird zunehmend selbst zum Akteur, zu einem neuen Player im Wettlauf um den Scoop und die Sensation. In der Empörungsdemokratie der Gegenwart besitzt fast jeder die Instrumente, um die eigenen Botschaften in die medialen Erregungskreisläufe einzuspeisen. Man braucht keine Redaktion, keinen Sender, lediglich einen Netzzugang und ein Thema, das fasziniert und alarmiert.

Nur zwei Beispiele: Ein paar Blogger waren es, die 2010 ein zunächst unbeachtet gebliebenes Radio-Interview Horst Köhlers wieder ausgruben, es als grundgesetzwidrige Rechtfertigung von Wirtschaftskriegen interpretierten und per Mail und über Twitter zahlreiche Medien auf das Thema brachten – mit der bekannten Folge des Blitzrücktritts. Und Annette Schavan wurde zunächst nur von einem anonymen Einzelnen als Plagiatorin attackiert, der sein Dossier online stellte, schließlich nachlegte; die Ministerin kämpft nun um ihr Amt – Ausgang offen.

Journalisten bekommen also eine manchmal äußerst professionell arbeitende Konkurrenz im Enthüllungsgeschäft. Und die journalistischen Skandalbehauptungen selbst, all die Aufmacher und Aufreger, auch das ist neu, werden selbst sehr rasch durch ein aktiv gewordenes Publikum skandalisierbar, was die allgemeine Erregung noch weiter steigert – im Netz, auf den Leserbriefseiten und in Protestmails, die etwa im Falle von Thilo Sarrazin, Karl-Theodor zu Guttenberg und der Israel-Lyrik von Günter Grass über kritisch berichtende Redaktionen hereinbrachen. Sichtbar wurde hier eine gespaltene Öffentlichkeit, ein plötzliches Auseinanderklaffen von Medienempörung und Publikumsempörung und eine Wut über die Wut der jeweils anderen Seite, eine Empörung zweiter Ordnung, die zum kommunikativen Normalfall werden könnte.

Leserkommentare
    • F Holm
    • 18. November 2012 16:14 Uhr

    Ich habe diesen Trend der "Skandalisierung" in allen Laendern mit modernen Medien beobachtet, daher Widerspruch.
    Deutschland steht Journalistentechnisch mit seinen im internationalen Vergleich recht demokratisch gepraegten Medien sogar noch gut da (vergleiche Buch "Am Besten nichts Neues" T.Schimmeck).
    Ich denke es ist, wie der Autor sehr gut nachvollziehbar darstellt, ein genereller Trend des sich individuellen vermarktens. Forciert von Medien die mit Personenkult, vereinfachten/oberflaechigen sowie billigen Informationen Gewinn anstreben. Bild/The Sun/Murdoch laesst gruessen

    Antwort auf "Warum ist das so???"
    • Anna L.
    • 18. November 2012 16:18 Uhr

    Mir ist der Artikel zu einseitig auf *Skandalgeschrei* ausgelegt.

    Diese Entwicklung, gerade im Hinblick auf Skandale, entstand m.M. nach auch, weil der seriöse Journalismus seiner Aufgabe (zu recherchieren, zu ananlysieren, aufzuklären), nicht mehr ausreichend nachkommt. Die Objektivität wurde aufgegeben zugunsten leicht durchschaubarer Manipulation.
    Beispiel KTG: Welches Medium hätte das denn
    aufregungsfrei in die Öffentlichkeit gezerrt? der Münchner Merkur?
    Was ist so furchtbar daran, einen Skandal als das in die Öffentlichkeit zu treiben was es ist, eben ein Skandal? (Hochstapler in höchsten Ämtern)

    Mir gefällt die hier beklagte Entwicklung ausgesprochen gut - auch wenn sie oft genug übers Ziel hinausschießt.
    Und es ist ja nicht so, dass nur Shitstorm und Entrüstungsrituale an Bedeutung gewinnen. Oder nur das hemmungslose Mitteilungsbedürfnis geschwätziger Mitmenschen.

    Nicht selten kommen Info´s, Hintergrundwissen und Sichtweisen ans Licht, welches die *Meinungsmacher* mit Deutungshoheit liebend gern eben dort nicht sehen wollen.
    Allein die einseitige, oft auch oberflächliche Berichterstattung bezüglich EURO-Krise ist da bezeichnend.

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    eine wunderbare Antwort.

  1. >> Vielleicht werden Mentalitätshistoriker, die eines Tages in den Archiven und Datenspeichern nach kollektiven Bewusstseinsspuren fahnden, unsere Gegenwart als die Epoche der Daueraufregung beschreiben ... <<

    ... diese Mentalitätshistoriker das aber auch bleiben lassen, wissen sie doch mit Sicherheit, dass es zuerst die Aufregung und dann das Internet gab:
    Was früher in Kantinen, Teeküchen, Kneipen, Bussen, Bahnen und zu Hause am Esstisch besprochen wurde, hat den Weg in die breite Öffentlichkeit gefunden.

    Und das ist auch gut so, denn der Bürger hat eine Stimme erhalten.

  2. Gutenberg hat die ersten Gatekeeper zu seiner Zeit entmachtet: Die Gelehrten und die Kirche. Das Resultat war eine Explosion von frei publizierten Ideen, die zum Zeitalter der Aufklärung führten. Der Prozess entwickelte eine ungeheure Dynamik: Jeder Mensch konnte sich von der unmoralischen Natur der Institutionen, die den Kern der Gesellschaftsordnung bildeten, überzeugen, und zwar mit Hilfe der einzigen Institution auf der sich jeder Mensch verlassen kann, der Logik.

    Die Prinzipien, mit dem man den Wahrheitsgehalt einer Philosophie feststellen kann, wurden bei Kant am deutlichsten: Wenn es eine moralisch korrekte Verhaltensweise gibt, dann muss sie für alle Menschen zu jeder Zeit (universell) gelten und sich nicht widersprechen.

    Diese Revolution hatte ihre höchsten Ziele nicht erreich. Die heutige Gesellschaft hat die Ideale der Aufklärung längst zurückgelassen. Heute ist Moral kein Kriterium für politische Aktionen (obwohl die meisten Menschen instinktiv moralisch handeln). Was öffentlich als Moral verkauft wird ist in der Tat subjektive Lust und Laune: Es wird getan, was als zweckdienlich empfunden wird. Dieser Ansatz folgt keinem logisch etablierten, universellem Prinzip, ergo kann er nicht zu moralischem Verhalten führen.

    Was seinerzeit der Bruchdruck geleistet hat tut heute das Internet. Die Gatekeeper sind noch da, aber es war noch nie so leicht diese Tore einfach zu umgehen. Artikel wie dieser lassen vermuten, dass auch die Gatekeeper den Knall gehört haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ist das Stichwort, an das auch ich bei der Lektüre des Artikels denken musste. Ich stimme Ihnen voll zu, wie ich auch für den Artikel danke, der meine (ungeordneten und lückenhaften) Gedanken zu diesem Thema zusammengefasst hat wie es selbst nicht gekonnt hätte.

    Ich habe vor einigen Wochen noch ein anderes Zitat gehört, das ich den Zusammenhang mit der neuen, digitalen Empörungskultur stellen möchte: Kofi Annan, eben zurück von einem seiner - leider Gottes vergeblichen - Einsätze in Syrien, sprach im Interview von "finger pointing and name calling" im Zusammenhang mit dem schrecklichen Bürgerkrieg dort.

    Mit dem Finger aufeinander zeigen und in herabsetzender Weise über einander reden - das sind in der Tat "Disziplinen", die durch die neuen Medien ganz nach vorne gekommen sind. (Dies war allerdings auch schon in der Ära nach Gutenberg so, besonders in der Zeit der Flugblätter, wie im 30-jährigen Krieg.)

  3. Skandal: Ungefähr 56.100.000 Ergebnisse

    Eine gute Nachricht: Ungefähr 1.870.000 Ergebnisse

    Gute Nachrichten haben einfach keine Chance. Selbst wenn eine gute Nachricht es in die Schlagzeilen schafft, dann wird schon ein Skandal vermutet.

    Für mich ist das ein Zeichen von großem Mißtrauen gegenüber den Nachrichtenlieferanten, den Journalisten.

    • lyriost
    • 18. November 2012 17:34 Uhr

    Ohne die "Tugendterroristen" wäre Guttenberg noch Minister. Wer will das wollen?

    • Kelhim
    • 18. November 2012 17:46 Uhr

    Recherche und das Aufdecken von Widersprüchen sind gut und demokratieförderlich, doch die Zunahme an "Skandalen" in den vergangenen zehn Jahren hat nicht damit zu tun, dass mehr recherchiert und aufgedeckt würde, sondern damit, dass mehr aufgeblasen und zu einem "Skandal" gemacht wird, was eigentlich keiner ist. Helmut Schmidt nannte es einmal die "Empörungsmaschinerie", weil sie fließbandartig produziert werden, um die hungrige Meute zu bedienen.

    Aber der Verfall der Diskurs- und Nachrichtenkultur hört beim Aufbauschen von Nichtigkeiten nicht auf: Respektlosigkeit macht sich breit. Als Thilo Sarrazin sein Buch vorstellte (worüber ich mich sehr ärgerte), rissen viele Medien um Interviews und Auftritte, weil Aufmerksamkeit winkte. Nachdem Guttenberg zurücktrat (was ich angemessen fand), beschäftigte er noch wochen- und monatelang die Online-Medien, weil die Nennung seines Namens Klicks und einen wohligen Schauer bei den Lesern versprach. Nachdem Christian Wulff zurücktrat (was ich angemessen fand), verfolgten ihn Reporter bis zu seinem Haus in Großburgwedel und zeichneten ihn die Menschen ein Bild von ihm als Paradebeispiel für Dummheit und Gier. Bevor Joachim Gauck zu seinem Nachfolger gewählt wurde (worüber ich mich freute), rissen Blogger genauso wie Talkshows Fetzen seiner Reden aus ihrem Kontext.

    Was viele Medien und ihre Konsumenten <em>gleichermaßen</em> unter "Transparenz" und "Aufklärung" verstehen, spottet jeder Beschreibung. Differenzierung und Anstand sind out.

  4. ist das Stichwort, an das auch ich bei der Lektüre des Artikels denken musste. Ich stimme Ihnen voll zu, wie ich auch für den Artikel danke, der meine (ungeordneten und lückenhaften) Gedanken zu diesem Thema zusammengefasst hat wie es selbst nicht gekonnt hätte.

    Ich habe vor einigen Wochen noch ein anderes Zitat gehört, das ich den Zusammenhang mit der neuen, digitalen Empörungskultur stellen möchte: Kofi Annan, eben zurück von einem seiner - leider Gottes vergeblichen - Einsätze in Syrien, sprach im Interview von "finger pointing and name calling" im Zusammenhang mit dem schrecklichen Bürgerkrieg dort.

    Mit dem Finger aufeinander zeigen und in herabsetzender Weise über einander reden - das sind in der Tat "Disziplinen", die durch die neuen Medien ganz nach vorne gekommen sind. (Dies war allerdings auch schon in der Ära nach Gutenberg so, besonders in der Zeit der Flugblätter, wie im 30-jährigen Krieg.)

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