Dokumentarfilm "More Than Honey"Kollaps der Völker

Warum sterben weltweit die Bienen? Markus Imhoofs fabelhafter Dokumentarfilm versucht eine Antwort. von 

Sie wollen nicht mehr, sie können nicht mehr, sie sterben einfach. Zu Tausenden rollen sich die Wundertiere zusammen, zurück bleibt ein großer hässlicher Haufen, schwarzer organischer Stoff. Dann kommt der Imker mit Besen, Schaufel und Eimer. Zusammenfegen, und ab ins Feuer.

Keiner weiß genau, warum fast überall auf der Welt die Bienen sterben und die »Totalverluste« zunehmen. »Nichts Neues«, sagen die Beschwichtiger, schon immer seien die Bienen gestorben. Der Schweizer Dokumentarfilmer Markus Imhoof (Das Boot ist voll), selbst Enkel eines Imkers, widerspricht ihnen. »So schlimm«, sagt er in seinem Film More Than Honey, sei es noch nie gewesen, die »Bienen sterben in einem gewaltigen Ausmaß«.

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Fünf Jahre lang ist Imhoof mit der Kamera um die Welt gereist, er war in China, in Australien und in den Vereinigten Staaten, wo er John Miller getroffen hat, den Helden seines Films. Der kalifornische Groß-Imker ist eine ehrliche Haut, er ist ziemlich sympathisch und doch ein Zyniker vor dem Herrn. Die Miller Honey Farms »beschäftigen« 500 Millionen Honigbienen und karren sie in riesigen Trucks Tausende von Meilen über den Kontinent. Miller ist ein Bestäubungs-Großindustrieller, denn ohne seine Arbeitsarmeen würden zum Beispiel die Mandelbäume keine Ernte tragen. Pünktlich zur Blütezeit reist sein Einsatzkommando an, Miller lässt die Bienen los und strahlt in die Kamera. »Hörst du das Summen? So klingt Geld. Frisch gedrucktes Geld.« Millers Lachen ist entwaffnend. »Wir sind Kapitalisten, wir wollen Wachstum, wir wollen die totale Weltherrschaft.«

Seit fünf Jahren beobachtet Miller das Bienensterben, den Grund kennt er nicht. Immer wieder »badet« er seine Völker in Antibiotika, doch die Wirkung ist begrenzt. Der übelste Feind ist die Varroa destructor, eine berüchtigte Milbe, die die Bienen »aussaugt« und ihre Flügel verkrüppelt.

Für Miller sind die Plantagenbesitzer mit schuld am »Völkerkollaps«. Hektoliterweise versprühten sie Fungizide, »und davon stirbt die Brut, das weiß doch jeder«. Klar, die Giftsprüher könnten auch nachts ihr Zeug ausbringen, wenn die Bienen wieder in den Trucks sind, aber im Dunkeln sehen sie nichts, sie verirren sich ja schon tagsüber in den endlosen Plantagen. Miller zuckt mit den Schultern. »Ich kann den Verlust nicht betrauern, er gehört zum Geschäft.« Glauben will man ihm das nicht. Schon sein Großvater sei Imker gewesen, erzählt er, und wenn der sehen würde, wie man heute mit den Bienen umgehe, dann wäre er entsetzt: »Mein Gott, ihr opfert die Seele der Bienen, ihr seid ohne Mitgefühl!«

Stress, Milbenbefall, Pestizide, überhaupt die Industrialisierung der Landwirtschaft – für Imhoof ist es die Summe all dieser Faktoren, die den Bienen das Überleben schwer macht. Aber sein Film fasziniert nicht, weil er eine große beredte Klage führt; er fasziniert, weil er die Schönheit dieser hochbegabten Tiere zeigt, ihre fantastische organisatorische Intelligenz. Erst recht die Makro-Aufnahmen von Attila Boa sind sensationell, sie sind von einem Mini-Helikopter aus gefilmt, der im Drohnenschwarm der Königin hinterherfliegt. Dennoch ist Imhoofs Film kein Tierfilm, er ist eine elaborierte Fabel, eine Bienenfabel, die das Publikum mit der Schönheit der Bilder verzaubert und eine ernsthafte zivilisatorische Beklemmung auslöst. Was wäre, wenn diese Naturwunder eines Tages nicht mehr da wären? Ohne die Bienen, sagt Imhoof, gäbe es kein Obst mehr und viel weniger Gemüse. Nur die Abgebrühten dürfen sich mit der afrikanischen Killerbiene trösten. Sie ist ein impertinentes Biest, widerstandsfähig, brandgefährlich und zuweilen tödlich. Die Killerbiene, sagt ein amerikanischer Bienenzüchter, »wird es noch geben, wenn der Mensch von der Erde verschwunden sein wird«.

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Leserkommentare
  1. Hallo Herr Assheuer,

    ich bin mir nicht ganz sicher, wie einzigartig der FIlm am Ende tatsächlich ist, zur Zeit zirkulieren schliesslich einige Dokumentationen, die scheinbar auch die selben Menschen interviewen, z.B. hier: http://www.youtube.com/wa...
    (Das Thema ist einfach zu gut, um sich diesem NICHT anzunehmen ...)

    Die BBC Dokumentation, die sich hinter dem link verbirgt, und die ich Ihnen ans Herz legen wollte, ist insofern erleuchtend, als dass sie einen erfolgreichen Imker inmitten Londons zeigt, was quasi Mobilfunk als Haupt-Ursache ausschließt, aber auch die Tatsache, das Frankreich einige Pestizide schon lange verboten hat - und trotzdem sterben die Bienen.
    Die Australischen Imker, die ihre Bienen in die USA verschicken sind auch grossartig ...

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  • Schlagworte Dokumentarfilm | Film
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