EnergiepolitikVor dem Strompreisknall

In der kommenden Woche werden die Preiserhöhungen für Normalverbraucher sichtbar – doch die Politik tut nichts, um armen Leuten zu helfen. von 

In Neustadt am Rübenberge wird er genau um zehn Prozent steigen. Im thüringischen Nordhausen um zwölf. Und in Hilden im Bergischen Land sogar um fast 18 Prozent. Landauf, landab geht der Strompreis Anfang des Jahres durch die Decke. Eine neue Wutwelle baut sich gerade auf. Stromwut!

Dass die Kilowattstunden für Normalverbraucher vielerorts teurer werden, wie das Portal preisvergleich.de schon am vergangenen Wochenende meldete, ist zwar an sich nicht neu; Strom wird schließlich dauernd teurer. Neu ist aber, dass es nicht nur die steigende Umlage zur Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien ist, die den Preis für Haushaltskunden in die Höhe schnellen lässt, sondern dass Kostentreiber in der gleichen Größenordnung hinzukommen. Unterm Strich summiert sich die von Januar an fällig werdende Zusatzlast deshalb auf gut 2,7 Cent pro Kilowattstunde, einschließlich Mehrwertsteuer sogar auf fast 3,3 Cent. Der gegenwärtige Durchschnittspreis von rund 26 Cent pro Kilowattstunde erhöht sich so um fast 13 Prozent. Einen solchen Satz hat der Strompreis noch nie gemacht. Deutschland steht vor einem Strompreisknall.

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Wer hätte vor einigen Jahren gedacht, dass Elektrizität die Öffentlichkeit tatsächlich einmal dermaßen elektrisieren könnte. Die vorerst letzte Empörungswelle schwappte vor drei Wochen durchs Land. Damals, Mitte Oktober, wurde amtlich, dass die EEG-Umlage von Januar an um knapp 1,7 Cent pro Kilowattstunde steigen wird. Die Energiewende, das wichtigste innenpolitische Vorhaben der schwarz-gelben Regierung, geriet dadurch in den hässlichen Verdacht, ein unsoziales Projekt zu sein: Hartz-IV-Empfänger zahlten Zahnärzten ihre Solaranlage, hieß es an den Stammtischen.

Die Gemüter haben sich seitdem wieder etwas beruhigt. Doch nun sickert durch, dass die 1,7 Cent von Mitte Oktober nur die halbe Wahrheit sind, dass viele Verbraucher in Wirklichkeit eher mit einer doppelt so hohen Preiserhöhung rechnen müssen. Das ganze Ausmaß der Kostenwelle, die da in Deutschlands Haushalte hineinschwappt, wird bis Ende nächster Woche bekannt. Bis dahin, sechs Wochen vor dem 1. Januar, müssen die so genannten Grundversorger bekannt geben, wie viel mehr sie von Jahresanfang an für Haushaltsstrom zu verlangen gedenken. Grundversorger sind laut Gesetz jene Energieversorgungsunternehmen, die »die meisten Haushaltskunden in einem Netzgebiet« beliefern. Es sind Stadtwerke oder Regionalversorger wie die E.on edis.

Bis zu 150 Euro mehr pro Jahr wird der ein oder andere Versorger einer dreiköpfigen Familie mit einem durchschnittlichen Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden in Zukunft abverlangen. »Happig« nennt das Holger Krawinkel, Energieexperte bei der Verbraucherzentrale Bundesverband. Zwar können Stromverbraucher zu einem billigeren Lieferanten wechseln; geraten sie dabei allerdings in die Fänge eines unseriösen Stromanbieters, können sie vom Regen in die Traufe kommen.

Der Preisschock trifft alle. Richtig weh tut er indes nur den Armen, die einen hohen Anteil ihres niedrigen Einkommens für Strom aufwenden müssen. Nicht alle werden die Rechnung künftig ohne Weiteres zahlen können, prophezeit Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Dass die Politik das Problem beharrlich verdränge, dafür habe er kein Verständnis – zumal die Energiewende scheitern werde, wenn sie die Gesellschaft weiter spalte. Ihm dränge sich »fast der Verdacht auf, dass einige sich das wünschen«, sagt Schneider.

Tatsächlich hat die Politik bisher kaum etwas unternommen, um arme Menschen vor den Folgen weiter steigender Strompreise zu bewahren – während sie industrielle Großstromverbraucher großzügig mit Privilegien beglückte. Wird nächste Woche das ganze Ausmaß der neuen Preiswelle bekannt, dann wird der Strompreis deshalb wieder Gegenstand politischen Streits werden: Lebensmittel oder Luxusgut, wird es dann heißen – und die Energiewende bekommt neue Kratzer.

Leserkommentare
  1. Das wird sehr spannend! Wer hat, dem wird gegeben... Offenbar gibt es hohe Vergünstigungen für energieintensive Unternehmen? Müsste ja auch für Privatpersonen gelten... Also, raus mit der Festtagsbeleuchtung à la Las Vegas, mobile Elektroheizungen in allen Zimmer, keine Minute ohne Stromverbrauch! "Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin energieintensiv und möchte im Rahmen der Energiewende einen Bonus-Mengenrabatt als vorbildlicher Energieverbraucher in Anspruch nehmen."

    Wenn unsere Vertreter nicht bald handeln und die Bundesbank diese zunehmend unerträglich werdende Inflation weiterhin zulässt, dann wird es innenpolitisch sehr spannend.

    PS. Ein Windenergieunternehmen warb mal mit 8% Zinsen. Die Spekulation mit Strom ist m.E. ebenso unmoralisch wie mit Nahrungsmitteln, Boden, Wasser, Wohnraum, Infrastruktur - mit allem, was Daseinsgrundlage ist!

  2. Vorweg:
    Subventionen sind meistens von Übel und sicherlich auch die für die überwiegende Zahl der "energieintensiven" Unternehmen.

    Aber:
    150 €, das ist nichtmal eine Packung Zigaretten pro Woche.

    Und:
    Stromkosten sollten Teil des Warenkorbes sein, steigt der Preis, steigt der Wert des Warenkorbes, tu er das nicht ist das ein politisches Problem.

    Energie wird kostbarer, das ist ein Fakt, sie MUSS teurer werden, das mittlerweile sogar die Grünen in das Horn "Subventioniert Energieverbrauch" blasen ist einfach nur grotesk.

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