ErdölmuseumEnergiewende 1899

Das Deutsche Erdölmuseum in der Lüneburger Heide erzählt von der Zeit, als auch Deutschland vom Öl abhängig wurde, seinen Bedarf aber noch selber deckte. von Frank Keil

Professor Georg Hunäus hat sehr smarte Augenbrauen. Auch die Brauen seiner drei Mitstreiter verraten Energie; dazu sind die Männer mit Hacke und Spaten gut gerüstet – vier kleine Figuren unter Plexiglas, die einen historischen Moment nachstellen: Im April 1858 setzte Hunäus mit seinen Leuten die erste Bohrung an. Und tatsächlich, in vierzig Meter Tiefe stießen sie auf Öl.

Damals war das hier in der Gemeinde Wietze im niedersächsischen Landkreis Celle noch alles Bauernland. Allerdings kannte jeder die Stellen, wo der Boden schwarz war und der Sand seltsam klumpig, weil er einen ganz besonderen Stoff enthielt: Öl. Seit Jahrhunderten schon – anno 1652 tauchte das Wietzer Öl erstmals in den Chroniken auf – wurden daraus Schmiermittel für Achsen und Deichseln gewonnen. Auch verkaufte man den Sand in die großen Städte. Nach Hamburg etwa, das seinen Jungfernstieg mit echtem Wietzer Ölsand befestigen ließ, was leider zur Folge hatte, dass die schöne Promenade im Mai 1842 beim Großen Brand in Flammen aufging.

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Eigentlich sollte Professor Hunäus 1858 nach Braunkohle fahnden, denn wo Öl sei, so glaubte man, müsse auch Kohle sein. Heute befindet sich genau an der Stelle, wo er damals fündig wurde, ein Museum: das Deutsche Erdölmuseum. »Wir erheben den Anspruch, singulär zu sein«, sagt Martin Salesch, der Leiter des Hauses. Viele der Exponate kommen von der Industrie, manch nachträglich Gefertigtes entstammt Lehrwerkstätten – alles Geschenke an das Haus, dem man sich verpflichtet fühlt. 1965 wurde es gegründet, ein Jahr nachdem man in Wietze die Förderung einstellte. Sie lohnte sich nicht mehr, auch weil inzwischen die Schutzzölle für deutsche Mineralölprodukte weggefallen waren.

Ein Dorf in Niedersachsen erinnert an Texas

Das alles wird sehr engagiert, mit viel Liebe zum Detail, aber auch ein bisschen rummelig präsentiert. Fast eine Wand füllt eine monumental vergrößerte Postkarte aus dem Jahr 1917. Auf ihr sieht Wietze tatsächlich so aus, als läge es in Texas: die Landschaft geprägt von einer Phalanx aus Bohrtürmen. An der Stirnseite des Raumes warten zwei sogenannte Öltheken, an denen man sich einst an der Tankstelle sein Zweitaktergemisch selbst zapfen durfte. Eine Schaufensterpuppe trägt die rote Originalkluft des legendären Bohrlochbrandlöschers Paul Adair aus Texas, unter dem Namen Red Adair auch in der B-Presse bekannt.

Das Haus gehörte der Texaco AG, bis diese es der Gemeinde Wietze übereignete, die wiederum einen Verein gefunden hat, der ihr nun die Arbeit abnimmt. Drei feste Stellen gibt es: eine Verwaltungskraft, einen Handwerker – und Herrn Salesch. So sind es vor allem Honorarkräfte und Freiwillige aus dem großen Heer der Ehrenamtlichen, die alles in Schuss halten. Allerdings, Herr Salesch seufzt, fehle ein bisschen der Nachwuchs, und die meisten seiner Museumsführer hätten bereits das siebte Lebensjahrzehnt erreicht.

Dabei möchte man in Wietze auf jeden Fall den Eindruck vermeiden, dass hier eine vergangene Industriekultur zu besichtigen ist. »14 Prozent unseres heutigen Erdöl- und Erdgasbedarfs decken wir immer noch aus heimischer Förderung«, erzählt Salesch. Gerade habe man in Speyer ein Ölfeld entdeckt. Ein ziemlich großes sogar. Und wie um den Weg in die Zukunft zu ebnen, findet sich in einer Ausstellungsecke eine Art Fototapete: Zwei Männer mit schneeweißen Schutzhelmen und sehr coolen Sonnenbrillen schauen auf ihre Monitore, ihren Sitz ergonomisch korrekt leicht nach hinten gekippt. Hunäus’ Männer heute.

Draußen streut die Herbstsonne mildes Licht auf allerlei Bohrgefährt, das sich großzügig über das museumseigene Freigelände verteilt. Die meisten Exponate stammen aus Wietzes bester Zeit. Sie begann 1899, als man anfing, professionell zu fördern. Bald wurde eine Bahnstrecke verlegt und für die am Ende zweitausend Menschen zählende Schar der Ölarbeiter eine Siedlung gebaut – während die Bauern, in Windeseile reich geworden, ihre Gehöfte mit Erkerchen und Türmchen aufrüschten und ihr flott verdientes Vermögen verprassten. Gut 80 Prozent des jährlichen Ölbedarfs, den das Deutsche Reich hatte, wurden in und um Wietze gefördert. Im Jahr 1910 lag dieser Bedarf bei 110.000 Tonnen; zwei Jahrzehnte zuvor noch waren es erst 2.500 Tonnen gewesen.

Leserkommentare
  1. 1. Nett-

    Ich habe viele Pumpen gesehen. Wusste aber nicht , dass das Erdölvorkommen so reichlich war/ist.

  2. Nachdem letztes Mal das Panzermuseum nur wenige Kilometer weiter die A7 hinauf noch einen ethischen Rundumschlag von teilweise fast blindwütiger Natur abbekommen hat, wird nun ein romantisches Stilleben aufgemacht, in dem die "Herbstsonne mildes Licht auf allerlei Bohrgerät streut".

    Das Licht muss in der Tat sehr milde gestimmt haben, denn ein paar Zeilen weiter begeht der Autor dann die selbe Untat, die er dem DPM jüngst noch vorhielt: Er verschweigt den Vernichtungskrieg - und das, obwohl Öl aus diesen Quellen sicher auch seinen Weg in Motoren und Tanks der Panzerwaffe der Nazis fand.

    Aber man soll eben nicht zu kritisch sein - während bei DPM jeder Fehler sicher auf historisch-manipulative Malevolenz zurückzuführen war, kann man echten Erdölfans nicht mal dann böse sein, wenn sie es ausdrücklich eine polierte Sprachregelung bei einem heißdiskutierten Thema propagieren. Es wäre ja auch albern anzunehmen, dass ein Erdölmuseum eine Agenda haben könnte, die zu hinterfragen wäre. Während es quasi selbstverständlich ist, dass ein Panzermuseum nur von verstaubten Militaristen für verstaubte Militaristen betrieben wird.

    Oder?

    • Tiroler
    • 18. November 2012 0:22 Uhr

    Ein Journalist sollte auch komplizierte Dinge für den Leser erklären und nicht sich damit brüsten, dass er von den Dingen nichts versteht.

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