Umgang mit dem Tod : Der Tod kehrt ins Leben zurück
Seite 3/3:

Die Medizin lässt sterben, wo sie Leben nur künstlich verlängert.

"Zum ersten Mal wird jetzt in Deutschland das Sterben als eine Phase des Lebens wahrgenommen", sagt Anderheiden und verweist auf mögliche Ursachen für die bislang organisierte Verdrängung des Todes: Zum einen habe Deutschland während der NS-Zeit zu viele Tote erlebt, zum anderen sei die 68er-Bewegung eine der Lebensbejahung gewesen. Hedonismus und Frohsinn der achtziger sowie Schönheits- und Jugendkult der neunziger Jahre hätten den Tod aus kulturellen Gründen weiter tabuisiert. Der Paradigmenwechsel habe erst eingesetzt, als im Einzugsbereich der hoffähig werdenden Hospizbewegung die Selbstwahrnehmung einer immer älter werdenden Bevölkerung zum Wunsch nach größerer Selbstbestimmtheit führte.

Analog dazu wurde die Palliativmedizin stets wirkungsvoller. Sie ermöglicht heute ein nahezu schmerzfreies Sterben, parallel dazu brach die Zurückhaltung deutscher Ärzte peu à peu auf: Die Angst vor Verstößen gegen das restriktive deutsche Betäubungsmittelgesetz und damit die Furcht, jemanden versehentlich zum Sterben zu sedieren, scheint zu weichen. Vor allem im veränderten Selbstverständnis der Ärzte ist nach Auffassung der Kollegmitglieder ein kolossaler Wandel abzulesen. Die Mediziner, fasst Eckart zusammen, begriffen sich nicht mehr als Halbgötter in Weiß, die es als persönliche und berufliche Niederlage auffassen, wenn sie jemanden sterben lassen müssen. "Zu den ärztlichen Aufgaben gehört es genauso, Menschen beim Sterben zu begleiten und den Zeitpunkt zu erfassen, an dem aus der kurativen eine palliative Therapie wird." Es gehe nicht mehr darum, dass unbedingt geheilt, sondern dass mit einer Krankheit oder Behinderung gut gelebt werde. "Wir können heute besser sterben lassen, ohne zu töten."

Die Medizin lässt los. Sie lässt sterben, wo sie Leben nur künstlich verlängert. Sie lindert Schmerzen tödlicher Erkrankungen, ohne das Leben aktiv zu verkürzen. Diese Hilfe zum Sterben als Grundgedanken einer zeitgemäßen Ars Moriendi zu begreifen hieße, menschenwürdiges Sterben als würdevolles Leben zu verstehen. Im Zentrum eines gewandelten Verständnisses der Menschenwürde am Lebensende stehen das Wohlergehen des Einzelnen und die normative Frage: Wie soll nicht gestorben werden? In die Tiefenschicht des Bewusstseins sickert beständig tiefer ein, dass zur Menschenwürde körperliche, psychische und auch soziale Aspekte gehören und dass beim Sterben eines Menschen Pfleger und Palliativmediziner mindestens so wichtig sind wie der verehrte Chefarzt.

Ein Recht auf einen guten Tod innerhalb der Kunst des guten Sterbens ist weder juristisch einklagbar noch moralisch verbindlich, aber es ist zu einem konventionellen Anspruch des Zeitgenossen an sich und seine Umgebung geworden. Womöglich ergibt sich so ein Bild vom Menschen, der nicht stark und effektiv zu sein hat. Der im Alter weder rüstig noch fidel sein muss, der weiß, wer ihm wodurch Atemnot und Todesangst lindern kann und darf, um die letzte Phase des Lebens als Leben wahrnehmen, wertschätzen und gestalten zu können. Heute lässt sich unbestreitbar sagen: Der Tod wird ins Leben zurückgeholt, nicht nur jetzt im November.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

Verlagsangebot

Lesen Sie weiter.

Noch mehr faszinierende Wissenschaftsthemen jetzt im digitalen ZEIT WISSEN-Abo.

Hier sichern

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Felix78

Sie schreiben mir aus der Seele.
Als mein Vater vor einigen Jahren starb, versuchte eines seiner Enkelchen ihm unbedingt noch Nahrung aufzuzwingen. Als ich das sah, sage ich spontan: "Wenn es bei mir mal soweit ist, dann lasst mich gehen".
Ich habe nicht gewußt, ob das richtig war was ich da sagte, oder war es nur Ausdruck meines gespaltenen Verhältnisses zu meinem Vater.
Gestern sah ich einen Beitrag in dem genau dies thematisiert wurde. Die Verweigerung von Nahrung ist ein logischer, natürlicher Vorgang. Der Sterbende hat keinen Hunger mehr. Der Körper will langsam und in Ruhe aufhören zu funktionieren. Das Gehirn, der Stoffwechsel oder der Blutkreislauf stellen ihre Funktionen ein. Diesen Vorgang in Ruhe geschehen zu lassen wäre für mich wichtig.
"Sterben tut jeder ganz für sich allein". Begleiten ja, Schmerzen nehmen, ja, aber nicht mehr. Das ist meine Meinung.

Vielen Dank ...

... für ihre tröstenden Worte, aber der Genpool meiner Familie, zu dem ich auch gehöre, wird von meinen Nichten und Neffen weitergetragen, das ist doch schon etwas für jemanden, der nicht die Chuzpe hatte sich an Frau und Kind zu binden.Über mein Einfluss auf das Leben Anderer mache ich mir keine Illusionen, ich gebe ihnen aber den Rat mal auf einen echten Flohmarkt zu gehen.Haushaltsauflösungen und Entrümpelungen speisen diesen Ort mit jeder Menge Hinterlassenschaften, die früher einem Menschen viel bedeutet haben.Während ich diesen Text schreibe, trage ich eine Armbanduhr, die irgendjemand vor 60 Jahren zum 25.Firmenjubiläum bekommen hat(hinten ist eine Gravur drauf)....ich habe sie 1998 für 10,-DM auf einem Flohmarkt gekauft ! Soviel zur Wertschätzung eines Vermächtnis ! Trotzdem, vielen Dank für ihre aufmunternden Worte !

Problem?

Es sind nicht die Dinge oder Geschehnisse, die uns Angst machen, sondern unsere Meinung über sie. Die Dinge können wir im Kern nicht ändern, unsere Meinung über sie aber sehr wohl. So ist auch der Tod nur dann ein Problem, wenn wir ihn als Problem betrachten. Das viel mehr Bedenkenswerte ist das Sterben, denn das ist in den meisten Fällen so oder anders gestaltbar.

sterben gestallten

wenn ich etwas aus meiner tätigkeit gelernt habe ist es das ich definitiv eine patientenverfügung erstellen werde wenn ich in das alter komme.

den wenn man im sterben liegt eine magensonde hat sich nicht mehr aüßern kann und die lunge nur noch brodelt dann nen krampf anfall bekommt und daraufhin zweimal reanimiert wird bis man es dann letzt endlich im krankenhaus geschaft hat...

soetwas möchte ich niemals am eigenen leib erfahren, doch leider ist dies letzens geschehen da keine patienten verfügung zur hand, und der zuständige betreuer nicht erreichbar war