"Zum ersten Mal wird jetzt in Deutschland das Sterben als eine Phase des Lebens wahrgenommen", sagt Anderheiden und verweist auf mögliche Ursachen für die bislang organisierte Verdrängung des Todes: Zum einen habe Deutschland während der NS-Zeit zu viele Tote erlebt, zum anderen sei die 68er-Bewegung eine der Lebensbejahung gewesen. Hedonismus und Frohsinn der achtziger sowie Schönheits- und Jugendkult der neunziger Jahre hätten den Tod aus kulturellen Gründen weiter tabuisiert. Der Paradigmenwechsel habe erst eingesetzt, als im Einzugsbereich der hoffähig werdenden Hospizbewegung die Selbstwahrnehmung einer immer älter werdenden Bevölkerung zum Wunsch nach größerer Selbstbestimmtheit führte.

Analog dazu wurde die Palliativmedizin stets wirkungsvoller. Sie ermöglicht heute ein nahezu schmerzfreies Sterben, parallel dazu brach die Zurückhaltung deutscher Ärzte peu à peu auf: Die Angst vor Verstößen gegen das restriktive deutsche Betäubungsmittelgesetz und damit die Furcht, jemanden versehentlich zum Sterben zu sedieren, scheint zu weichen. Vor allem im veränderten Selbstverständnis der Ärzte ist nach Auffassung der Kollegmitglieder ein kolossaler Wandel abzulesen. Die Mediziner, fasst Eckart zusammen, begriffen sich nicht mehr als Halbgötter in Weiß, die es als persönliche und berufliche Niederlage auffassen, wenn sie jemanden sterben lassen müssen. "Zu den ärztlichen Aufgaben gehört es genauso, Menschen beim Sterben zu begleiten und den Zeitpunkt zu erfassen, an dem aus der kurativen eine palliative Therapie wird." Es gehe nicht mehr darum, dass unbedingt geheilt, sondern dass mit einer Krankheit oder Behinderung gut gelebt werde. "Wir können heute besser sterben lassen, ohne zu töten."

Die Medizin lässt los. Sie lässt sterben, wo sie Leben nur künstlich verlängert. Sie lindert Schmerzen tödlicher Erkrankungen, ohne das Leben aktiv zu verkürzen. Diese Hilfe zum Sterben als Grundgedanken einer zeitgemäßen Ars Moriendi zu begreifen hieße, menschenwürdiges Sterben als würdevolles Leben zu verstehen. Im Zentrum eines gewandelten Verständnisses der Menschenwürde am Lebensende stehen das Wohlergehen des Einzelnen und die normative Frage: Wie soll nicht gestorben werden? In die Tiefenschicht des Bewusstseins sickert beständig tiefer ein, dass zur Menschenwürde körperliche, psychische und auch soziale Aspekte gehören und dass beim Sterben eines Menschen Pfleger und Palliativmediziner mindestens so wichtig sind wie der verehrte Chefarzt.

Ein Recht auf einen guten Tod innerhalb der Kunst des guten Sterbens ist weder juristisch einklagbar noch moralisch verbindlich, aber es ist zu einem konventionellen Anspruch des Zeitgenossen an sich und seine Umgebung geworden. Womöglich ergibt sich so ein Bild vom Menschen, der nicht stark und effektiv zu sein hat. Der im Alter weder rüstig noch fidel sein muss, der weiß, wer ihm wodurch Atemnot und Todesangst lindern kann und darf, um die letzte Phase des Lebens als Leben wahrnehmen, wertschätzen und gestalten zu können. Heute lässt sich unbestreitbar sagen: Der Tod wird ins Leben zurückgeholt, nicht nur jetzt im November.

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