Umgang mit dem TodDer Tod kehrt ins Leben zurück

Lange haben wir den Tod verdrängt. Nun kehrt er ins Leben zurück. Ein Essay von Christian Schüle

Ein Wandel hat die Republik erfasst: Der Tod kehrt ins Leben zurück. Die Gesellschaft formuliert bisher ungewohnte Aussagen über Leid, Schmerz und Trauer und entwirft neue Bilder und Begriffe vom Leben und Sterben. Allgemeinverbindliche Regelungen gibt es nicht mehr, Weltanschauungen spielen dabei kaum noch eine Rolle. An diesem gewandelten Umgang mit dem Skandal der Sterblichkeit kann man ein verändertes Menschenbild ablesen: Der Mensch von heute lässt sich seinen Tod nicht mehr aus der Hand nehmen. Kulturhistorisch betrachtet, ist in Deutschland eine kleine Revolution im Gange.

Als äußeres Spiegelbild soziokultureller Veränderungen in der deutschen Gesellschaft kann auf ideale Weise der Hamburger Friedhof Ohlsdorf dienen. Er ist kein Friedhof im klassischen Sinn, kein christlich umflorter Gottesacker. Er ist ein Parkfriedhof, ein Naturpark mit Toten, der nun der Pluralisierung und Partikularisierung der Gesellschaft Rechnung trägt. Da gibt es einen Bereich für totgeborene Kinder, eine Rasenfläche für anonyme Beisetzungen, einen urwaldartigen Ruheforst mit Urnengräbern um Stieleichen, Rotbuchen und Waldkiefern. Da gibt es das erste Gemeinschaftsgrabfeld von Aids-Toten genauso wie den von einem privaten Verein betriebenen "Garten der Frauen" im Geiste der Frauenbewegung, in dem prominente und nicht prominente Damen ruhen und in dem Muße, Poesie und die Ästhetik des Arrangements das Gefühl einer postmortalen Heimat hervorrufen. Während Einzel- wie Familiengräber an Bedeutung verlieren und klassische Begräbnisse den immer beliebter werdenden Feuerbestattungen weichen, entstehen, wie der Hamburger Kulturwissenschaftler Norbert Fischer sie nennt, "gruppenspezifische Miniaturlandschaften": Begräbnisanlagen jener sozialen Gemeinschaft, der sich der Tote zu Lebzeiten zugehörig fühlte. Das können Grabanlagen von HSV- oder Schalke-04-Anhängern sein, von Kirchengemeindemitgliedern und Kegelvereinen. Freundeskreise und Fans bestimmter Bands sind im Tode vereint wie vorher im Clubhaus oder in der Südkurve.

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Familien sind zersplittert, Lebensformen diversifiziert, Angehörige sind oft weit voneinander entfernt, Singlehaushalte Normalität. Die Begräbniskultur ist daher auch nicht mehr das letzte Hochamt einer bürgerlichen Zivilisation mit verbindlichem Regelsatz. In ihr findet ein Leben in der Unverbindlichkeit von Projekten und im Patchwork widersprüchlicher Lebensstile seinen Ausdruck, wobei es durchaus dem Zufall geschuldet ist, in welchem sozialen Verbund jemand sich am Lebensende befindet. Mehr und mehr fungiert der Friedhof auch nur noch als funktionaler Bestattungsort. Trauer und Gedenken wandern entweder in den öffentlichen Raum, wo sich, wie im Falle des Todes von Lady Diana oder Robert Enke, Emotionen kollektiv entladen und spontan sozialromantische Gemeinschaften stiften. Oder sie werden konserviert in der immateriellen Ewigkeit des WWW-Gedächtnisses, wo man den Verstorbenen per "Digital-Memorial" auf virtuellen Friedhöfen kommerzieller Portale "Internet-Gedenkstätten" errichtet.

Marterl oder Memorials für Unfalltote an Straßen wachsen sich zu Erinnerungsorten aus. Die Kirche hat nicht mehr den Alleinvertretungsanspruch auf Tod und Trauer, Seelsorge ist nicht mehr das Kerngeschäft gestresster Priester. Die profane Gegenbewegung wider die Einsamkeit und die Atomisierung hat sozialromantische Züge und lautet: Zurück in die Natur, zur Zeremonie, zum Ritual. "Der Tod ist der letzte existenzielle Bereich, in dem es zu einer gesellschaftlichen Befreiung gekommen ist", befindet der Kulturanthropologe Fischer in Analogie zur sexuellen Revolution post 1968. Er muss das wissen: Seit 25 Jahren forscht er über Begräbnis- und Trauerformen.

In mehreren Genres und Formensprachen ist Alter und Vergänglichkeit mittlerweile auch im Wahrnehmungsraum der Massenmedien angekommen – eine ganz neue Botschaft an die werberelevante Zielgruppe bis 49. Eine sich dem Imperativ des unbedingten Fortschritts ausliefernde Gesellschaft, die im Strudel des demografischen Defizits zugleich Gefahr läuft, ihre Reproduktion zu verpassen, beginnt allmählich, so scheint es, das Leben auch vom Tode her zu denken. In dieser Enttabuisierung steckt eine große Chance zur Veränderung. Denn wer mit dem Tod nicht umgehen kann, kann auch andere existenzielle Krisen nicht bewältigen.

Noch immer ist der Tod der blinde Fleck eines Lebens im Betriebssystem der allgemeinen Optimierung, noch immer bleibt er die größte narzisstische Kränkung des auf seine Autonomie pochenden Individuums. In keinem Rechtsgebiet ist eigenständig definiert, was genau der Tod ist. Die Wissenschaften sind sich uneinig, wann exakt der Mensch tot ist – nicht einmal Pathophysiologen vermögen festzuschreiben, was Sterben eigentlich ist. Nach Grundgesetz Artikel 2.2 hat jeder Mensch das Recht auf ein gutes Leben; das Recht auf einen guten Tod ist nirgendwo verbrieft. Jedes Nachdenken über einen solchen setzt deshalb bei einer zeitgemäßen Auslegung des Begriffs Menschenwürde und der intellektuellen Neubestimmung dessen an, was ein "würdevoller Tod" sei. Zwischen würdevollem Leben und würdevollem Sterben besteht freilich ein bedeutsamer Unterschied.

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  • Quelle DIE ZEIT, 8.11.2012 Nr. 46
  • Schlagworte Ethik | Sterbehilfe
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