Kanzlerin Angela Merkel (l.) und Italiens Premier Mario Monti © REUTERS/Thomas Peter

Viele Italiener scheinen zu vergessen, dass unser Land die Gefahren einer übermäßigen Staatsverschuldung jahrelang ignoriert hat. Sie sind der Meinung, Deutschland komme seiner Verantwortung in Europa nicht nach, weil es eine gemeinschaftliche Schuldenhaftung ablehne und nicht bereit sei, für die Schulden anderer geradezustehen, wenn diese nicht bereit seien, gegen die Auslöser der Krise vorzugehen und eine überstaatliche Kontrollinstanz zuzulassen.

Viele Deutsche hingegen unterschätzen die erfolgreichen Bemühungen Mario Montis um längst überfällige Reformen; die lähmende Zinslast, die italienischen Unternehmern zu schaffen macht, die Opfer, die Millionen von Italienern mit Würde in Kauf nehmen. Große Teile der deutschen Öffentlichkeit maßregeln Italien mit geradezu herablassender Härte. Eine derart platte Meinungsmache kann nicht folgenlos bleiben: Südlich der Alpen hat sich ein antideutsches Gefühl breitgemacht, nördlich der Alpen lebt das alte Misstrauen gegen das als wenig verlässlich geltende Italien wieder auf. Ebenso wie die Deutschen mit ihren Vorurteilen falsch liegen, machen viele Italiener sich etwas vor, wenn sie finanzielle Solidarität fordern, ohne sich im Klaren darüber zu sein, dass wir mit der Sanierung unseres Landes noch einen langen Weg vor uns haben.

Die Ressentiments sind nicht den Regierungen Monti und Merkel anzulasten; sie arbeiten an einem gemeinsamen Weg. Trotzdem sind viele Vorurteile und Irrtümer von der Politik verstärkt und verhärtet worden. Indem sie skrupellos die Macht des Fernsehens ausnutzten, haben vergangene Mitte-Rechts-Regierungen in meinem Land eine Generation oberflächlicher Menschen geschaffen. Jahrelang haben die Italiener in einer Blase gelebt: Man brauchte nichts zu wissen. Staatsverschuldung? Etwas Abstraktes, über das man sich keine Gedanken machen musste. Die Folgen zeigen sich heute in den desaströsen Zuständen in Politik, Justiz und öffentlicher Verwaltung, in der mangelhaften wirtschaftlichen Wettbewerbsfähigkeit sowie im nachlässigen Umgang mit dem kulturellen und landschaftlichen Erbe. Aber wir sind nicht die Einzigen, die Fehler gemacht haben. Namhafte Politiker in Deutschland lassen mit ihren abfälligen Bemerkungen über Griechenland und Europa den Verdacht aufkommen, Ignoranz habe auch in der deutschen Politik an Boden gewonnen. Gleiches gilt für die Selbstgefälligkeit, mit der zweitrangige Wirtschaftsexperten oft auftreten.

Die gemeinsame europäische Zukunft ist zu wichtig, als dass sie durch derlei Widrigkeiten gehemmt werden dürfte. Und die Zeit drängt. Im Alltag beider Länder macht sich die Ignoranz schon gravierend bemerkbar: als Borniertheit, Geschichtsblindheit, Nachlässigkeit mit dem kulturellen Erbe, mediale Verdummung, unzulängliche Bildung und mangelhaftes Umweltbewusstsein. Sie verroht den politischen und zwischenmenschlichen Umgang. Der Virus des Zynismus, der Gleichgültigkeit und des Nationalismus richtet im öffentlichen Leben verheerende Schäden an, er errichtet Zäune und Grenzen und macht das Zusammenleben der Völker immer schwieriger. In ganz Europa erstarken antieuropäische Bewegungen. Ihre Erfolge in Frankreich und Italien (der letzte Neuzugang ist Beppe Grillos Fünf-Sterne-Bewegung Movimento) sind auch der allgemeinen Abgestumpftheit und dem Mangel an Zivilcourage zuzuschreiben. Wenn es so weitergeht, erkennen die Europäer einander bald nicht mehr. Was fehlt, ist eine ausreichend geschlossene Elite, die die Wähler von der Bedeutung von mehr Integration überzeugen könnte. Antieuropäische Sentiments lassen sich nicht mit nationalen Mitteln oder EU-Richtlinien bekämpfen, sondern allein mit individueller und kollektiver Bewusstseinsbildung.

Das ist auch der weitreichenden Unbildung anzulasten. Wenn jede Nation sich in ihre Schale verkriecht, sind Gleichgültigkeit und Egoismus programmiert. Kein Wunder also, dass das Misstrauen in die große überstaatliche Idee eines vereinten Europas wächst und dessen Entwicklung infrage gestellt wird. Die meisten Bürger sind sich nicht darüber im Klaren, dass Europa ein tief greifender, weit über die gemeinsame Währung und den Binnenmarkt hinausgehender historischer Prozess ist. Sie können es auch gar nicht wissen, weil sich schon seit Jahren niemand mehr die Mühe macht, es ihnen zu erklären. Ausgerechnet jetzt, da ein gemeinschaftlicher Ruck durch Europa gehen müsste, wird die Debatte durch den schleichenden Bildungsverfall verflacht. Man lernt zu wenig an Europas Schulen und Universitäten. Wenn die Regierenden in Brüssel zusammenkommen, ist der Mangel an politischer Leidenschaft für Europa förmlich greifbar. Nur sehr wenige Reden sind es wert, erinnert zu werden. Das Einzige, was in dieser Phase europäischer Realität zu zählen scheint, sind Zahlen.