Eveline Widmer-Schlumpf "Ich bin gerne langweilig"

Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf spricht mit ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo über ihre Jugend, ihren schwierigen Weg nach Bern und das Verhältnis zwischen der Schweiz und Deutschland.

Eveline Widmer-Schlumpf

Eveline Widmer-Schlumpf

DIE ZEIT: Frau Bundespräsidentin, im Buch Die Unberirrbare wird Ihr Weg vom schönen Bündner Felsberg nach Bern als »steinig« beschrieben. Was haben Sie als steinig empfunden?

Eveline Widmer-Schlumpf: Ich bin in einem Umfeld politisch groß geworden, wo man mit offenem Visier gekämpft hat. In Bern musste ich feststellen: Hier geschieht einiges hintenrum, es gibt Intrigen, man muss mit verdeckten Attacken rechnen. Das war ganz neu für mich.

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ZEIT: Davor konnte Sie auch Ihr Vater, der jüngst verstorbene Alt-Bundesrat Leon Schlumpf, nicht warnen?

Widmer-Schlumpf: Er hat mich nie vor irgendetwas gewarnt. Er hat immer gesagt: »Du musst deine Erfahrungen selbst machen.« Dafür bin ich ihm dankbar. Er war eine sehr positive Person, ich habe ihn praktisch nie schimpfen gehört, es war immer alles lösbar. Das war seine Einstellung. Am Abend, als ich mich entscheiden musste, war ich bei meinen Eltern. Mein Vater sagte: »Ich sage dir nicht, was du machen sollst, aber egal, wie du dich entscheidest, wir stehen hinter dir.«

ZEIT: Das war der berühmte 12. Dezember 2007, als Sie sich 24 Stunden Bedenkzeit erbaten, um zu entscheiden, ob Sie die Wahl in den Bundesrat annehmen wollen. Was hätte Sie davon abhalten können?

Widmer-Schlumpf: Ich habe mir die Frage anders gestellt: Ist es jetzt möglich, Nein zu sagen? Ich habe in der Nacht rund 2.000 SMS und Mails erhalten, alle mit dem Tenor: »Du musst hier durch, das stehst du auch durch, es ist für uns, den liberalen Teil der SVP, sehr wichtig.« Die Freiheit zu entscheiden war etwas eingeschränkt.

ZEIT: Wozu brauchten Sie noch diese Nacht?

Widmer-Schlumpf: Weil ich mir zusammen mit meiner Familie Gedanken darüber machen musste, was sich für uns ändern wird. Wir sind eine Familie mit drei Kindern. Ich wusste: Wenn ich jetzt nach Bern gehe, dann wird sich für meinen Mann und mich, für meine Kinder und mich sehr viel verändern. Ich habe meine politische Karriere immer mit meinen Kindern und meinem Mann besprochen, auch den Eintritt in die Bündner Regierung. Wir lebten immer stark als Team.

ZEIT: Diese Mails und SMS waren aber nicht alle positiv. Sie hatten ein Maß an Boshaftigkeit, das Sie an die Grenzen dessen brachte, was noch auszuhalten war. Ihr eigener Ehemann hat mal gesagt, er habe in dieser Zeit seine eigene Frau fast nicht wiedererkannt.

Widmer-Schlumpf: Das war aber, nachdem ich die Wahl angenommen hatte. Diese Zeit war wirklich schlimm. Wenn mir das jemand erzählen würde, ich würde ihm nicht glauben...

ZEIT: ...dass man das durchhält?

Widmer-Schlumpf: Nein, dass es das überhaupt gibt, in dieser Aggressivität. Ich habe damals etwas gemacht, was ich vorher nie gemacht habe und nie mehr machen werde: Ich habe ein Tagebuch geführt. Davon habe ich drei Exemplare, je eines für meine drei Kinder. Die sind nur für sie bestimmt. Sie werden sie aber erst erhalten, wenn ich nicht mehr lebe, damit sie wissen, weshalb ihre Mutter ihnen damals so fremd war. Die Situation hat sich erst beruhigt, als unsere Kantonalpartei aus der Schweizer SVP ausgeschlossen wurde.

ZEIT: Hatten Sie nach dem großen Eklat nochmals Gelegenheit, mit Christoph Blocher zu sprechen?

Widmer-Schlumpf: Ja, das hatte ich.

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