LebenswandelHinter diesen Mauern begann sein Aufstieg
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 In der Gefängnisschule ist er Klassenbester

An seinem ersten Tag als Freigänger war er schon einmal mit dem Bus zur technischen Fakultät gefahren. Zusammen mit einem anderen Freigänger, der auch studiert, ist er über den Campus geschlendert. Er lief ein Stück über den Rasen, seine Joggingschuhe versanken im Grün. »Wie weich das ist«, er freute sich. Es war die letzte Woche vor Uni-Beginn, der Campus war fast menschenleer. »Psst, sei mal still«, hatte Maik zu seinem Freund gesagt. Er hatte sich mit geschlossenen Augen vor das Gebäude der Informatik gestellt, tief ein- und ausgeatmet und die Ruhe genossen. Im Gefängnis ist es immer laut. Türen fallen zu, Schlösser werden geöffnet, jemand schreit. Als er das erste Mal durch die Freiburger Fußgängerzone lief, dachte er: »Die Menschen sind alle so dünn. Und so viele Frauen.« In den letzten sechs Jahren hat er vor allem muskulöse Männer gesehen, seine Mitinsassen. Sechs Stunden durfte Maik an diesem ersten Tag in Freiheit draußen bleiben. Die Universität angucken, das war nur ein Punkt auf seiner Liste. Diese Liste hatte er in den Wochen davor gemacht, Unicard aufladen, Handy und Notebook anschauen, er hat fast alle Sachen erledigt. Er will jetzt alles richtig machen, anders als früher.

Richtig ins Schlingern kam sein Leben im Sommer 2006. Während der Fußballweltmeisterschaft kellnert Bachmann auf einem Weinfest in Stuttgart. Ein Besucher des Weinfestes, Anfang 40, kommt immer wieder zu ihm, trinkt ein oder zwei Gläser bei ihm, sie kommen ins Gespräch. Auch nach der Schicht gehen sie zusammen einen trinken. Er stellt sich als Reiseleiter vor, Südamerika, Spanien. An einem Abend fragt ihn der Mann, ob er nicht auch Lust hätte, Reiseleiter zu sein. Nach Brasilien, nach São Paulo zu fliegen, das klingt aufregend in den Ohren von Maik, »ein Traum, raus aus Deutschland, die Welt sehen«, dachte er damals. Heute sagt er: Wie naiv war ich? Eines Abends sitzt er mit dem Mann, den er kaum kennt, zusammen, und plötzlich ist da die Rede von einem Koffer, den Bachmann mitnehmen soll. »Ich habe mir schon gedacht, dass das nicht ganz legal sein kann.« Dass er Kokain nach Deutschland transportiert, ist ihm zu diesem Zeitpunkt nicht klar. Aber er willigt ein. Die erste Reise machen sie zusammen. In den folgenden Monaten fliegt Bachmann insgesamt drei Mal nach Brasilien. Zwei bis drei Wochen bleibt er immer im Land, von der Arbeit als Reiseleiter, wie ursprünglich geplant, ist keine Rede mehr, er hat frei, reist herum, sieht sich Manaus und São Paulo an. Er fährt durch das Land, lässt sich durch die Straßen von São Paulo treiben, fliegt von Brasilien nach New York, bleibt eine Woche dort, streift durch Bars, besteigt das Empire State Building.

Bei den Rückflügen nach Deutschland transportiert er in einem Seitenfach des Trolleys jedes Mal Kokain von »zumindest mittlerer Qualität«, wie es im Urteil steht. Um den gesamten zeitlichen Ablauf, die Hotel- und Flugbuchungen kümmert sich der Mann vom Weinfest. Per E-Mail und Telefon bekommt Bachmann in dieser Zeit Anweisungen, wann er wieder nach Brasilien fliegen und in welchem Hotel die Geldübergabe stattfinden soll. Für jeden Flug bekommt er ein paar Tausend Euro. »Hey, Maik, das ist doch nicht legal, was du da machst«, sagen seine Freunde zu ihm. Und auch seine Freundin wundert sich über das Geld – und die Reisen. Bachmann kann mit dem Geld wenigstens einen Teil seiner Schulden zurückzahlen – und er genießt die Reisen, verdrängt den Extrakoffer im Seitenfach und die Möglichkeit, aufzufliegen: »Ich weiß, es klingt verrückt, aber ich habe einfach nicht in Betracht gezogen, dass ich geschnappt werden könnte.«

Im Gefängnis lernt er Französisch

Es ist halb eins am Mittag, Maik sitzt in der Mensa, vor ihm steht ein Teller mit Hähnchenschenkel, grünen Bohnen und Kartoffelecken, um ihn herum drängen die Studenten mit ihren Tabletts in der Hand an die freien Plätze. »Diese Zeit damals mit den Reisen nach Südamerika, das war wie im Film«, sagt er. »Du sitzt im Hotel und wartest, wann kommt er denn endlich, dann plötzlich das Klopf, Klopf an der Tür. Du öffnest die Tür, und dir wird ein Koffer in die Hand gedrückt.« Hat er sich damals keine Gedanken über die Konsequenzen gemacht? Maik lacht, muss seine Kartoffelecke mit einem Schluck Cola herunterspülen. »Sagen Sie mal einem Kind, das gerade laufen gelernt hat, dass es nicht laufen soll, weil es dann hinfällt.«

Aber als Maik Bachmann fällt, ist der Sturz schmerzhaft. Am Flughafen in Paris wird er von der Polizei festgenommen. Im Gefängnis in Frankreich sind sie nicht zimperlich, er muss sich eine Zelle mit einem Junkie teilen, zweimal am Tag hat er Hofgang, er versteht kein Wort Französisch, das Essen ist schlecht, kommt in Plastik verpackt auf den Tisch. Die Tage im Gefängnis sind lang. Bei den Hofgängen spielt er mit Steinen und Flaschendeckeln zusammen mit den anderen Insassen Dame und Schach, gegen die Langeweile. Ab und zu schickt ihm seine Familie Pakete mit Wurst. Als ihn seine Mutter das erste Mal besucht, bricht er zusammen. In einem kargen Besucherraum sitzen sie sich gegenüber, ein Wachmann hockt vor der Tür, 30 Minuten haben sie Zeit. »Arschloch«, sagt Sabine Bachmann, dann nimmt sie Maik in den Arm. Er weint. Die Besuche sind jedes Mal schlimm. »Wie Stiche ins Herz«, sagt Maik.

In diesen ersten Wochen merkt er schnell, dass er etwas tun muss, um nicht durchzudrehen. Maik lernt Französisch, die Anstaltsleitung besorgt ihm die Bücher. »Da habe ich mich ziemlich reingesteigert. Ich wollte doch mit den Menschen reden können.« Zwei Jahre lang ist er in Frankreich im Gefängnis, nachdem er die Sprache beherrscht, will er weitermachen. Da ist eine zarte Neugierde nach Wissen in ihm, gerade erst geweckt, und sie will wachsen. Er will mehr lernen, absolviert französische Ausbildungskurse, macht seine mittlere Reife in Frankreich. »So dumm kann ich doch gar nicht sein«, dachte er damals, neben seiner Neugierde war nun auch noch sein Ehrgeiz geweckt.

»Strafmildernd wird gewertet, dass Maik vorher ein nahezu straffreies Leben geführt hat. Darüber hinaus hat der Angeklagte (...) einen äußerst positiven Eindruck gemacht, insbesondere, da er sich in der Haft bereits fortgebildet hat und auch für seine weitere Haftzeit plant, sich effektiv auf sein Leben nach der Haftentlassung vorzubereiten«, heißt es in einem späteren Schreiben vom Gericht.

Leserkommentare
    • Clara69
    • 15. November 2012 10:53 Uhr

    Wer den Artikel "Die Schlechterungsanstalt" im August gelesen hat, bekommt nun das Gegenbeispiel geliefert. Gut, dass das Gefängnis entgegen seinem schlechten Ruf auch Chancen eröffnet. Wer nachlesen möchte, was Gefangene über den Zeit-Artikel vom August geschrieben haben, der wir hier fündig: http://www.freiabos.de/n_Nachricht_briefe.html

    • porph
    • 16. November 2012 10:12 Uhr

    Oder wie soll man 4.695 Kilogramm verstehen? Klar, man kann sich entscheiden ob man das Komma oder den Punkt als Dezimaltrenner verwendet (wenn auch in D das Komma üblich ist); verwirrend wird es aber dann, wenn im selben Satz beide Funktionen mit dem gleichen Zeichen erfüllt werden müssen ("300.000 bis 400.000 Euro"). Oder vielleicht wurde der Wert auf den Zehntelcent genau bestimmt, wer weiß? Sind dann aber sehr günstige 4 kg Kokain :-)

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    Tja, das dachte ich auch ....

    • ludna
    • 16. November 2012 10:32 Uhr

    aber eher was für einen Film als für einen Artikel in einer Zeitung.

    Wann berichtet mal man über Leute, die jeden Tag brav auf Arbeit gehen, sich an Gesetze halten, monogam leben, sich um ihre Kinder und Eltern kümmern ? Klar viel zu langweilig.

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    • TDU
    • 16. November 2012 12:22 Uhr

    Es gibt eben Menschen zwischen gelernter und angeborener Pflichterfüllung und asozialem "Selbst" verwirklichungswillen in Form von kriminellen Handlungen. Dann gibts auch welche, die überhaupt keine Noten hatten und was aufgebaut und erreicht haben.

    Wo sollte die Geschichten solcher Menschen ihren Platz haben, wenn nicht in der "Zeit".

    • TDU
    • 16. November 2012 10:33 Uhr

    Die Arbeit war gut, aber die "Noten nicht gut genug". Damit bekommt eine Gesellschaft was sie verdient.

    Ein prima Kerl, der sich nicht im Jammern und andere sind schuld eingerichtet hat. Alles Gute fürs Leben wünsche ich ihm.

    • snoek
    • 16. November 2012 10:40 Uhr

    4.695 Kilogramm kann ein Mensch nicht tragen. Auch nicht auf Koks. Wenn doch, dann betrüge der Marktwert 234.750.000,- €.

    Vielen Dank für den Hinweis. Die Schreibweise wurde im Text geändert. Die Redaktion/ls

  1. Tja, das dachte ich auch ....

    • propac
    • 16. November 2012 11:00 Uhr

    hab mich schon zu meiner Abi Zeit gewundert, die Jungs aus dem offenen Vollzug in meiner Klasse hatten eine schöne Wohnung, Internetanschluss und immer was zu Essen auf dem Tisch. Ich hab dagegen 4 Monate auf Bafög gewartet und war nach dem Abi total verschuldet....
    Schöne neue Welt !!!!!

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    Da spricht ja der pure Neid aus Ihrem Kommentar.

    Waren Sie auch neidisch darauf, dass "die Jungs" in ihrer Freiheit doch auch erheblich eingeschränkt waren (pünktlich zum Einschließen zurück, niemals woanders übernachten, keine Reisen, keine Kneipenabende, kein Alkohol, keine Frauen, eingeschränkte Grundrechte, etc.)? Und verstehen Sie unter "schöne Wohnung" tatsächlich eine Gefängniszelle?

    Einfach bitte mal nachdenken, bevor man den "Abschicken"-Button drückt.

    Und wenn Sie von 4 Monaten Baföglücke-überbrücken "total verschuldet" waren, muss ich mich fragen, was Sie wohl für einen Lebenswandel hatten.

    *kopfschüttelnd*

    • propac
    • 16. November 2012 12:35 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

  2. »Wenn ich damals nicht erwischt worden wäre, säße ich heute vielleicht nicht in der Universität.«

    Nein, er säße auf der Veranda seiner Strandvilla irgendwo in der Südsee, umgeben von jungen Model-Nixen, eine Zigarre rauchend, in den Sonnenuntergang blickend.

    Aber Uni ist auch super - Gratulation!

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    • TDU
    • 16. November 2012 12:20 Uhr

    "Nein, er säße auf der Veranda seiner Strandvilla irgendwo in der Südsee, umgeben von jungen Model-Nixen, eine Zigarre rauchend, in den Sonnenuntergang blickend."

    Vielleicht nach einem harten Arbeistag. Ich glaube erst mal, was er sagt. Er scheint eben keine auf eine faulen und illegalen Vorteil spekulierende Mentalität zu haben. Sonst hätte ich ihn nicht einen prima Kerl genannt.

    • snoek
    • 16. November 2012 15:44 Uhr

    Das glaube ich gar nicht. Sagen wir, dass ich ein wenig Erfahung habe in Sachen Drogenschmuggel und -handel. Reich wird dadurch sicher niemand. Ganz sicher nicht, indem er ein paar Kilo in einem Koffer über internationale Flughäfen schmuggelt. Dass es so lange gut ging ist bemerkenswert.

    Wer wirklich Geld für eine Villa in der Südsee verdienen will, der darf sich mit so Kleinkram nicht die Finger schmutzig machen. Man muss, um richtig abzusahnen, ein eigenes Vertriebssystem aufbauen und Kamele* beschäftigen, die den riskanten Teil der Arbeit erledigen. Das Risiko, von anderen Drogengroßhändlern umgebracht zu werden, ist dabei natürlich außerordentlich hoch.

    *Kamele sind Leute wie dieser Maik

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