LebenswandelHinter diesen Mauern begann sein Aufstieg
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 "Heute bin ich der, der ich immer sein wollte"

2008 lässt er sich nach Deutschland verlegen. Erst kommt er nach Stuttgart in die JVA, nach ein paar Monaten beantragt er den Wechsel nach Freiburg. Denn dort gibt es ein ganzes Bildungszentrum, eine Gefängnisschule mit eigenen Lehrern und Klassenräumen, man kann auch Abitur machen. Plötzlich hat Maik Bachmann wieder ein Ziel. Er ist Klassenbester und Klassensprecher. Parallel zum Unterricht macht er noch einen Fernkurs der Studiengemeinschaft Darmstadt: »Mit Persönlichkeitstraining zum Erfolg«. Über 1100 Euro kostet der gesamte Kurs, 60 Prozent bezahlt er selber, den Rest übernehmen seine Mutter und seine Großeltern. Er lernt in diesem Kurs vor allem auch etwas über seine Stärken und Schwächen. Disziplin, Konsequenz, Führungsstärke hat er, schwer fällt ihm, Verständnis für jemanden zu haben, der nicht so leistungsstark ist. Und mit Emotionen hat er manchmal Probleme. Den Kurs besteht er mit 1,1. In seinem Abschlusszeugnis werden ihm »hohe Zielstrebigkeit und hohes Durchhaltevermögen« bescheinigt. Eines Tages entdeckt er einen Computerraum – extra für Studenten. »Da will ich rein«, dachte er, sein nächstes Ziel stand fest.

Als Jugendlicher hatte er immer davon geträumt, Computerexperte zu werden. Also beginnt Maik Bachmann parallel zu den Abiturprüfungen einen Vorkurs an der Fernuniversität Hagen als Vorbereitung auf ein Informatik-Studium. Der Stoff ist nicht einfach für ihn, in jeder freien Minute sitzt er im Arbeitsraum der JVA vor dem Computer oder lernt in seiner Zelle. Abends hängt er zwei Schilder an die Tür. »Bitte keine Abendfreizeit«, daneben eines von der Fernuniversität Hagen: »Bitte nicht stören«. Die Schließer wissen so, dass er abends in seiner Zelle bleiben möchte, um in Ruhe zu lernen. Was für andere Insassen Pin-up-Girls oder Fotos von Freunden, Familie oder der Lieblingsband sind, ist für Maik die Universität Hagen. Ein Plakat an der Wand, der Rucksack in der Ecke, auch der Jahreskalender trägt das blau-weiße Label der Fernuniversität.

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»Wenn ich nicht so viel gelernt hätte, würde ich heute nicht viel verstehen«, sagt er. Es ist Nachmittag mittlerweile, die Erstsemester sitzen in Kleingruppen zusammen. Vorn steht Fabian, er ist Mathe-Tutor. Doch bevor es um die Grundlagen der Mengenlehre gehen soll, stellen sich alle vor. Maik Bachmann sagt: Ich habe mein Abitur auf dem »zweiten Bildungsweg gemacht.« Bald möchte er ihnen auch von seiner Vergangenheit erzählen, aber noch nicht beim ersten Treffen. Und er sagt auch: »Ich bin 29 Jahre alt.« Alle hier sind unter 20, nur ein anderer ist 32. Maik ist der Erste, der die Hand hebt, als die Aufgaben an der Tafel vorgerechnet werden sollen. Er läuft nach vorn, der Gang federnd. Er trägt Joggingschuhe.

"Heute bin ich der, der ich immer sein wollte"

Seine Kleidung hat er meist per Katalog bestellt, in den letzten sechseinhalb Jahren ging es kaum anders. Leider hatte er noch keine Zeit, zum Friseur zu gehen oder ins Solarium. Die Uni sei der größte Heiratsmarkt, hat er gehört.

Es ist jetzt 17 Uhr. Maik sitzt in einem Café. Sein erster Café-Besuch seit sechs Jahren. »Das ist ja wie in Paris«, sagt er. Der Raum hat hohe Decken, mit Stuck und dunklen Möbeln und Tischen mit Marmorplatten. Maik trinkt eine heiße Schokolade und guckt nervös immer wieder auf die Uhr. Bis 18 Uhr darf er draußen bleiben. »Komme ich nur eine Minute zu spät, ist es vorbei mit dem Ausgang.«

Im Sommer des nächsten Jahres wird er ganz entlassen. Dann möchte er mit einem Freund, den er aus dem Gefängnis kennt, zusammen in eine Wohngemeinschaft ziehen. Der Freund wird als Gipser auf dem Bau arbeiten, und er wird weiter studieren. »Und richtig durchstarten.« Er grinst.

Gestern hat er sich bei Facebook angemeldet. Er hat seinen Bruder gegoogelt und sein Facebook-Profil gefunden. »Na, bist du überrascht?«, hat er ihm geschrieben. In den letzten Jahren hatten sie kaum Kontakt. Auch seine Exfreundin ist bei Facebook. Seit der Trennung hat er sie nicht mehr kontaktiert. »Aus Respekt. Ich war nicht immer nett zu ihr.« Vier Jahre lang waren sie zusammen, sie trennte sich von ihm während seiner Zeit im Gefängnis in Frankreich. Auf dem Profilbild sehe sie immer noch so aus wie damals, findet Maik. Schön halt. Er überlegt, ihr irgendwann zu schreiben, vielleicht, wenn er ganz draußen ist. Er möchte sich entschuldigen und sagen, dass es ihm leid tut: »Ich war damals ein ganz anderer Mensch. Heute bin ich der, der ich immer sein wollte.«

*Name von der Redaktion geändert

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Leserkommentare
    • Clara69
    • 15. November 2012 10:53 Uhr

    Wer den Artikel "Die Schlechterungsanstalt" im August gelesen hat, bekommt nun das Gegenbeispiel geliefert. Gut, dass das Gefängnis entgegen seinem schlechten Ruf auch Chancen eröffnet. Wer nachlesen möchte, was Gefangene über den Zeit-Artikel vom August geschrieben haben, der wir hier fündig: http://www.freiabos.de/n_Nachricht_briefe.html

    • porph
    • 16. November 2012 10:12 Uhr

    Oder wie soll man 4.695 Kilogramm verstehen? Klar, man kann sich entscheiden ob man das Komma oder den Punkt als Dezimaltrenner verwendet (wenn auch in D das Komma üblich ist); verwirrend wird es aber dann, wenn im selben Satz beide Funktionen mit dem gleichen Zeichen erfüllt werden müssen ("300.000 bis 400.000 Euro"). Oder vielleicht wurde der Wert auf den Zehntelcent genau bestimmt, wer weiß? Sind dann aber sehr günstige 4 kg Kokain :-)

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    Tja, das dachte ich auch ....

    • ludna
    • 16. November 2012 10:32 Uhr

    aber eher was für einen Film als für einen Artikel in einer Zeitung.

    Wann berichtet mal man über Leute, die jeden Tag brav auf Arbeit gehen, sich an Gesetze halten, monogam leben, sich um ihre Kinder und Eltern kümmern ? Klar viel zu langweilig.

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    • TDU
    • 16. November 2012 12:22 Uhr

    Es gibt eben Menschen zwischen gelernter und angeborener Pflichterfüllung und asozialem "Selbst" verwirklichungswillen in Form von kriminellen Handlungen. Dann gibts auch welche, die überhaupt keine Noten hatten und was aufgebaut und erreicht haben.

    Wo sollte die Geschichten solcher Menschen ihren Platz haben, wenn nicht in der "Zeit".

    • TDU
    • 16. November 2012 10:33 Uhr

    Die Arbeit war gut, aber die "Noten nicht gut genug". Damit bekommt eine Gesellschaft was sie verdient.

    Ein prima Kerl, der sich nicht im Jammern und andere sind schuld eingerichtet hat. Alles Gute fürs Leben wünsche ich ihm.

    • snoek
    • 16. November 2012 10:40 Uhr

    4.695 Kilogramm kann ein Mensch nicht tragen. Auch nicht auf Koks. Wenn doch, dann betrüge der Marktwert 234.750.000,- €.

    Vielen Dank für den Hinweis. Die Schreibweise wurde im Text geändert. Die Redaktion/ls

  1. Tja, das dachte ich auch ....

    • propac
    • 16. November 2012 11:00 Uhr

    hab mich schon zu meiner Abi Zeit gewundert, die Jungs aus dem offenen Vollzug in meiner Klasse hatten eine schöne Wohnung, Internetanschluss und immer was zu Essen auf dem Tisch. Ich hab dagegen 4 Monate auf Bafög gewartet und war nach dem Abi total verschuldet....
    Schöne neue Welt !!!!!

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    Da spricht ja der pure Neid aus Ihrem Kommentar.

    Waren Sie auch neidisch darauf, dass "die Jungs" in ihrer Freiheit doch auch erheblich eingeschränkt waren (pünktlich zum Einschließen zurück, niemals woanders übernachten, keine Reisen, keine Kneipenabende, kein Alkohol, keine Frauen, eingeschränkte Grundrechte, etc.)? Und verstehen Sie unter "schöne Wohnung" tatsächlich eine Gefängniszelle?

    Einfach bitte mal nachdenken, bevor man den "Abschicken"-Button drückt.

    Und wenn Sie von 4 Monaten Baföglücke-überbrücken "total verschuldet" waren, muss ich mich fragen, was Sie wohl für einen Lebenswandel hatten.

    *kopfschüttelnd*

    • propac
    • 16. November 2012 12:35 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

  2. »Wenn ich damals nicht erwischt worden wäre, säße ich heute vielleicht nicht in der Universität.«

    Nein, er säße auf der Veranda seiner Strandvilla irgendwo in der Südsee, umgeben von jungen Model-Nixen, eine Zigarre rauchend, in den Sonnenuntergang blickend.

    Aber Uni ist auch super - Gratulation!

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    • TDU
    • 16. November 2012 12:20 Uhr

    "Nein, er säße auf der Veranda seiner Strandvilla irgendwo in der Südsee, umgeben von jungen Model-Nixen, eine Zigarre rauchend, in den Sonnenuntergang blickend."

    Vielleicht nach einem harten Arbeistag. Ich glaube erst mal, was er sagt. Er scheint eben keine auf eine faulen und illegalen Vorteil spekulierende Mentalität zu haben. Sonst hätte ich ihn nicht einen prima Kerl genannt.

    • snoek
    • 16. November 2012 15:44 Uhr

    Das glaube ich gar nicht. Sagen wir, dass ich ein wenig Erfahung habe in Sachen Drogenschmuggel und -handel. Reich wird dadurch sicher niemand. Ganz sicher nicht, indem er ein paar Kilo in einem Koffer über internationale Flughäfen schmuggelt. Dass es so lange gut ging ist bemerkenswert.

    Wer wirklich Geld für eine Villa in der Südsee verdienen will, der darf sich mit so Kleinkram nicht die Finger schmutzig machen. Man muss, um richtig abzusahnen, ein eigenes Vertriebssystem aufbauen und Kamele* beschäftigen, die den riskanten Teil der Arbeit erledigen. Das Risiko, von anderen Drogengroßhändlern umgebracht zu werden, ist dabei natürlich außerordentlich hoch.

    *Kamele sind Leute wie dieser Maik

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