LebenswandelHinter diesen Mauern begann sein Aufstieg

Mit 23 Jahren geht Maik Bachmann als Kokainschmuggler ins Gefängnis. Sechs Jahre später kommt er frei – mit dem Abitur in der Tasche. Jetzt will er studieren. Was muss passieren, damit sich Potenzial entfaltet? von 

Wie eine Katze läuft Maik Bachmann* durch die Straßen. Eine, die gerade erst wieder auf die Füße gefallen ist, sich kurz geschüttelt hat – und jetzt, da sie sicheren Boden unter den Pfoten spürt, losläuft, federnd leicht, mit erhobenem Kopf. Es ist ein trüber Oktobermorgen in Freiburg, es riecht nach Winter. Maik kennt den Weg, in Gedanken ist er ihn schon sehr oft gegangen. Vorbei an dem alternativen Kino, den schmucken Altbauhäusern, in denen auch viele Freiburger Professoren wohnen, dann links über die Eisenbahnbrücke. Hier bleibt er kurz stehen, lässt den Blick schweifen. In der Ferne ragt der Turm des Freiburger Münsters in den grauen Himmel. Vor sechseinhalb Jahren verlor er den Boden unter den Füßen. Heute, am 15. Oktober, ist er wieder gelandet. Passgenau, auf beiden Füßen. Es ist sein zweiter Tag in Freiheit, nach sechseinhalb Jahren im Gefängnis. Jetzt läuft Maik wieder, sein Ziel heißt Universität.

Die Geschichte von Maik ist die Geschichte eines Aufsteigers. Sein Aufstieg beginnt am 11. Dezember 2006. An diesem Tag wird der 23-Jährige Maik Bachmann am Flughafen Charles de Gaulle in Paris, von São Paulo kommend, festgenommen, im Seitenfach seines Trolleys der Marke Tumi findet die französische Polizei Kokain, 4,695 Kilogramm mit einem deutschen Straßenverkaufswert von ungefähr 300.000 bis 400.000 Euro. Fast sieben Jahre später wird er sagen: »Wenn ich damals nicht erwischt worden wäre, säße ich heute vielleicht nicht in der Universität.« Das Gericht in Stuttgart verurteilt ihn zu sechs Jahren und sechs Monaten Freiheitsstrafe wegen unerlaubter Einfuhr von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge in drei Fällen.

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Sehr lange lief in Maik Bachmanns Leben zwar nicht alles normal, aber es war doch ganz in Ordnung. Er wächst in einem kleinen Ort in Schwaben auf, Uhlbach, einem Vorort von Stuttgart. 3.000 Einwohner leben dort, direkt hinter der elterlichen Wohnung schmiegt sich der Ort an die Weinberge. Seine Mutter ist 18, als er geboren wird, 13 Jahre später trennen sich seine Eltern, von da an lebt er mit seinem jüngeren Bruder bei seiner alleinerziehenden Mutter, die längst »mehr Freundin als Mutter« ist für ihn. Sabine Bachmann arbeitet als Nageldesignerin, viel Geld ist nicht da, aber es reicht. Maiks Vater zieht nach Wien und sieht seine Kinder selten, dafür ist Maik oft bei seinen Großeltern.

Er geht auf die Hauptschule. »Schule hat mich einfach nicht so sehr interessiert«, sagt er. Ein Gymnasium käme ohnehin nicht infrage: Keiner in seiner Familie war dort, und auch seine Noten sind nur mittelmäßig. Fragt man Sabine Bachmann nach ihrem Sohn, sagt sie: »Ich wollte meine Kinder nicht unter Druck setzen. Sie sollen das machen, was sie für richtig halten.« Seinen Großeltern wäre es am liebsten, wenn er bei Daimler am Fließband arbeitete, Hauptsache, etwas Festes, Sicheres. »Du bist nichts Besseres«, sagen sie oft zu ihm.

Maik häuft 10.000 Euro Schulden an

Maik aber will mehr, anders sein. Er fährt leidenschaftlich gerne Motorrad, auch Wettkämpfe, fliegt für die internationale Motorradmeisterschaft in die USA. Er mag die Schnelligkeit, den Wind, die Weite. Das Leben auf dem schwäbischen Land ist ihm zu eng. Leben heißt doch Veränderung, findet er. Irgendwie dachte er wohl auch: Ich kann doch was Besseres sein.

Er macht seinen Abschluss an der Hauptschule mit 3,0. Danach bekommt er einen Ausbildungsplatz im Bereich Bürokommunikation. »Okay war das«, sagt er, aber viel Spaß habe ihm das nicht gemacht, »nur die Arbeit mit den Computern war toll.« In seinem Zeugnis schreibt sein Chef: »Besonderes Interesse und Geschick hat Herr Bachmann bei der Erstellung und Pflege unserer Internet-Seiten gezeigt.« Übernommen wird er nach seiner Ausbildung aber nicht, die Noten sind nicht gut genug.

Maik lebt vom Arbeitslosengeld, jobbt immer wieder als Erntehelfer, er steht in einer Tankstelle hinter der Kasse, reinigt den Hof im Esslinger Krankenhaus, er versucht sich als Promoter, kellnert. »Früher war ich ein Chaot, ich hatte keine Linie«, sagt er. Rund 1000 Euro im Monat verdient er in dieser Zeit, das Geld ist immer schnell weg. Er ist ein Lebemann, geht gerne aus, feiert viel. 2006 hat er einen Unfall, sein alter BMW ist kaputt, muss repariert werden. Auch das ist teuer. Er leiht sich Geld, erst bei seiner damaligen Freundin, dann bei anderen, irgendwann hat er rund 10.000 Euro Schulden.

Sechs Jahre später steht Maik Bachmann in der Eingangshalle der technischen Fakultät in Freiburg. Mit Maik stehen andere Studenten in der Halle, warten darauf, dass es endlich losgeht. Ein Großteil ist männlich, viele von ihnen tragen Rucksäcke. Maik fällt hier nicht auf, nur die Gesichter der anderen sind jünger, die meisten haben gerade erst Abitur gemacht. Heute geht sein Informatikstudium los, eine Einführungsveranstaltung in Mathematik. Maik sitzt im Hörsaal schräg hinten, direkt neben dem Beamer, von dort hat er einen guten Blick auf die Leinwand, er will alles mitbekommen. Vorne steht Daniel, Fachschaftsmitglied mit Zopf und Ziegenbärtchen, und erklärt den Erstsemestern, was sie in der nächsten Woche erwartet, wirbt für die Ersti-Fahrt in die Vogesen. »Wer da mitfährt, der bricht sein Studium nicht ab«, sagt Daniel. »Wir schreiben zwar auch Rundmails, aber die wichtigsten Informationen gibt es nur dort.« Er lacht. Maik hört konzentriert zu, knackt mit seinen Fingern. An den Abendveranstaltungen kann er nicht teilnehmen, um 18 Uhr muss er sich bei der JVA zurückmelden. Die nächsten zehn Monate ist er im offenen Vollzug. Er wohnt in einem Haus, schräg gegenüber von der JVA, teilt sich das Zimmer mit einem anderen Freigänger.

Leserkommentare
    • Clara69
    • 15. November 2012 10:53 Uhr

    Wer den Artikel "Die Schlechterungsanstalt" im August gelesen hat, bekommt nun das Gegenbeispiel geliefert. Gut, dass das Gefängnis entgegen seinem schlechten Ruf auch Chancen eröffnet. Wer nachlesen möchte, was Gefangene über den Zeit-Artikel vom August geschrieben haben, der wir hier fündig: http://www.freiabos.de/n_...

    3 Leserempfehlungen
    • porph
    • 16. November 2012 10:12 Uhr

    Oder wie soll man 4.695 Kilogramm verstehen? Klar, man kann sich entscheiden ob man das Komma oder den Punkt als Dezimaltrenner verwendet (wenn auch in D das Komma üblich ist); verwirrend wird es aber dann, wenn im selben Satz beide Funktionen mit dem gleichen Zeichen erfüllt werden müssen ("300.000 bis 400.000 Euro"). Oder vielleicht wurde der Wert auf den Zehntelcent genau bestimmt, wer weiß? Sind dann aber sehr günstige 4 kg Kokain :-)

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    Tja, das dachte ich auch ....

    • ludna
    • 16. November 2012 10:32 Uhr

    aber eher was für einen Film als für einen Artikel in einer Zeitung.

    Wann berichtet mal man über Leute, die jeden Tag brav auf Arbeit gehen, sich an Gesetze halten, monogam leben, sich um ihre Kinder und Eltern kümmern ? Klar viel zu langweilig.

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    • TDU
    • 16. November 2012 12:22 Uhr

    Es gibt eben Menschen zwischen gelernter und angeborener Pflichterfüllung und asozialem "Selbst" verwirklichungswillen in Form von kriminellen Handlungen. Dann gibts auch welche, die überhaupt keine Noten hatten und was aufgebaut und erreicht haben.

    Wo sollte die Geschichten solcher Menschen ihren Platz haben, wenn nicht in der "Zeit".

    • TDU
    • 16. November 2012 10:33 Uhr

    Die Arbeit war gut, aber die "Noten nicht gut genug". Damit bekommt eine Gesellschaft was sie verdient.

    Ein prima Kerl, der sich nicht im Jammern und andere sind schuld eingerichtet hat. Alles Gute fürs Leben wünsche ich ihm.

    • snoek
    • 16. November 2012 10:40 Uhr

    4.695 Kilogramm kann ein Mensch nicht tragen. Auch nicht auf Koks. Wenn doch, dann betrüge der Marktwert 234.750.000,- €.

    Vielen Dank für den Hinweis. Die Schreibweise wurde im Text geändert. Die Redaktion/ls

    Eine Leserempfehlung
  1. Tja, das dachte ich auch ....

    • propac
    • 16. November 2012 11:00 Uhr

    hab mich schon zu meiner Abi Zeit gewundert, die Jungs aus dem offenen Vollzug in meiner Klasse hatten eine schöne Wohnung, Internetanschluss und immer was zu Essen auf dem Tisch. Ich hab dagegen 4 Monate auf Bafög gewartet und war nach dem Abi total verschuldet....
    Schöne neue Welt !!!!!

    12 Leserempfehlungen
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    Da spricht ja der pure Neid aus Ihrem Kommentar.

    Waren Sie auch neidisch darauf, dass "die Jungs" in ihrer Freiheit doch auch erheblich eingeschränkt waren (pünktlich zum Einschließen zurück, niemals woanders übernachten, keine Reisen, keine Kneipenabende, kein Alkohol, keine Frauen, eingeschränkte Grundrechte, etc.)? Und verstehen Sie unter "schöne Wohnung" tatsächlich eine Gefängniszelle?

    Einfach bitte mal nachdenken, bevor man den "Abschicken"-Button drückt.

    Und wenn Sie von 4 Monaten Baföglücke-überbrücken "total verschuldet" waren, muss ich mich fragen, was Sie wohl für einen Lebenswandel hatten.

    *kopfschüttelnd*

    • propac
    • 16. November 2012 12:35 Uhr

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

  2. »Wenn ich damals nicht erwischt worden wäre, säße ich heute vielleicht nicht in der Universität.«

    Nein, er säße auf der Veranda seiner Strandvilla irgendwo in der Südsee, umgeben von jungen Model-Nixen, eine Zigarre rauchend, in den Sonnenuntergang blickend.

    Aber Uni ist auch super - Gratulation!

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    • TDU
    • 16. November 2012 12:20 Uhr

    "Nein, er säße auf der Veranda seiner Strandvilla irgendwo in der Südsee, umgeben von jungen Model-Nixen, eine Zigarre rauchend, in den Sonnenuntergang blickend."

    Vielleicht nach einem harten Arbeistag. Ich glaube erst mal, was er sagt. Er scheint eben keine auf eine faulen und illegalen Vorteil spekulierende Mentalität zu haben. Sonst hätte ich ihn nicht einen prima Kerl genannt.

    • snoek
    • 16. November 2012 15:44 Uhr

    Das glaube ich gar nicht. Sagen wir, dass ich ein wenig Erfahung habe in Sachen Drogenschmuggel und -handel. Reich wird dadurch sicher niemand. Ganz sicher nicht, indem er ein paar Kilo in einem Koffer über internationale Flughäfen schmuggelt. Dass es so lange gut ging ist bemerkenswert.

    Wer wirklich Geld für eine Villa in der Südsee verdienen will, der darf sich mit so Kleinkram nicht die Finger schmutzig machen. Man muss, um richtig abzusahnen, ein eigenes Vertriebssystem aufbauen und Kamele* beschäftigen, die den riskanten Teil der Arbeit erledigen. Das Risiko, von anderen Drogengroßhändlern umgebracht zu werden, ist dabei natürlich außerordentlich hoch.

    *Kamele sind Leute wie dieser Maik

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