GesellschaftskritikÜber Kultiviertheit

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Es hat gar keinen Zweck, lange darum herumzureden: Die Bilder sind scheußlich. Joachim Gauck hatte alle guten Gründe des Geschmacks auf seiner Seite, als er beschloss, die Bundespräsidentenporträts, die sein Vorgänger Christian Wulff in Auftrag gab, nach nur vier Wochen aus der Galerie seines Amtssitzes wieder zu entfernen und in einen kleinen, wenig besuchten Empfangsraum des Berliner Schlosses Bellevue zu verbannen.

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Nur, natürlich, der Künstler ist beleidigt. Volker Henzes knallbunte Gemälde von Theodor Heuss über Richard von Weizsäcker bis zu Christian Wulff sind ja keine Entgleisung, sondern genau das, was man erwarten muss, wenn man bei ihm Bilder bestellt. Sie sind immer knallbunt, auch wenn es sich um abstrakte Gemälde oder Collagen handelt. Im Falle von Porträts erinnert die Farbenfreude aber nicht an Pop-Art, wie Gutwillige vielleicht denken könnten, sondern an Pflastermalerei, mit Malkreide.

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Die Frage, die Gaucks geschmackliche Säuberung des Bundespräsidentensitzes aufwirft, ist gar keine des Kunstverstandes, sondern eine Frage des Umgangs mit der Tradition. Müssen nicht die Lebenszeugnisse, die Bundespräsidenten im Amt hinterlassen, respektiert und hingenommen werden wie die Ablagerungen, die sich am Grund von Seen und Flüssen bilden, oder wie die Zeichen besseren oder schlechteren Wetters, die sich an den Jahresringen von Baumstämmen ablesen lassen? Ist nicht auch der gutmütige Überschwang, der Wulff dazu verleitete, lumpige hundertzehntausend Euro für zehn Porträts aus der Hand eines Schnellmalers auszugeben, der immerhin fotografische Ähnlichkeit garantierte, das wertvolle Geschichtszeichen einer Zeit, die Schnäppchen liebte?

Andererseits sind Bundespräsidenten, ihrem protokollarischen Rang nach, Monarchen und dürfen den winzigen Rest Souveränität, den ihnen die Demokratie gönnt, auch ausüben. Ganze Stadtgrundrisse umzukrempeln, Museen aus dem Boden zu stampfen ist ihnen versagt. Aber einen kleinen Einspruch zu formulieren, ähnlich der Verweigerung einer Entlassungsurkunde, wird man ihnen in ästhetischen Dingen nicht verbieten können. Nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln ist sogar ihre Pflicht, und wenn sich das Amtsgewissen angesichts von Kitsch regt – nun, wie sollte man das nennen? Man sollte es vorbildlich nennen, ein vorbildliches Zeichen von Kultiviertheit in einer Zeit, die Kultiviertheit sonst überall zu verachten lehrt.

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    • Serie Gesellschaftskritik
    • Schlagworte Christian Wulff | Joachim Gauck | Theodor Heuss | Fluss | Galerie | Kitsch
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