PrivatisierungRussen gehen auf Einkaufstour in Griechenland

Russische Investoren schlagen in Griechenland zu. Sie kaufen nicht nur Hotels, sondern wollen auch in den Energiemarkt einsteigen. Die EU ist skeptisch. von 

Strand in Chalkidiki in Griechenland  (Archiv)

Strand in Chalkidiki in Griechenland (Archiv)  |  © George Foteades/Getty Images

Eigentlich spielen an diesem Abend die Clubs in der griechischen Fußball-Superliga um die Meisterschaft. Aber diesmal spielen die Russen mit: In Thessaloniki sitzt oben, auf der Ehrentribüne, Iwan Ignatjewitsch Sawidis.

Ein Oligarch aus Russland.

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Unruhig rutscht er auf dem Sitz herum, bis der PAOK Thessaloniki sich mit einem hart erkämpften 1:0 von den Fans verabschiedet. PAOK ist sein Verein. Vor knapp drei Monaten hat er die Mehrheit an dem griechischen Traditionsclub gekauft.

Nach dem Spiel sitzt Sawidis in seinem getäfelten Büro direkt unter der Tribüne. Ein Kraftpaket, klein, untersetzt, drahtig. Der Russe trägt Designerhemd, Lederjacke, Jeans und Designerschuhe, dazu einen grauen Fünftagebart. Er hält nicht viel von langem Höflichkeitenaustausch, sondern setzt sich sofort an den Tisch: »Los geht’s.«

Bei sich zu Hause in Moskau ist der 53-Jährige der wohl einflussreichste Russe griechischer Herkunft. Ein Geschäftsmann aus Rostow, der sich in den achtziger Jahren vom Arbeiter in einer Tabakfabrik bis zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Agrokom-Gruppe hochgearbeitet hat. Heute gehört der Tabak- und Fleischkonzern seiner Frau, und Herr Sawidis konzentriert sich auf die Politik und seine Auslandsgeschäfte.

Für die Russen ist die hellenische Krise eine große Gelegenheit. Im nahen Zypern sind sie schon seit fast 20 Jahren große Investoren, jetzt wenden sie sich dem Nachbarland zu, wo reihenweise Industriebetriebe und Immobilien zum Verkauf stehen. Für den Investor Sawidis ist Griechenland »eine hochemotionale Sache«, ein Land, dem er helfen will, wieder profitabel zu werden. Der sonnendurchflutete Staat im Süden biete ihm außerdem die perfekte »Balance zwischen Geschäft und Seelenheil«. Er hat nicht nur in den Fußball investiert, sondern auch zum Beispiel in die Restaurierung einiger Kirchen.

Engagement mit Tradition

Es ist ein Engagement mit Tradition. In der Neuzeit verstand sich das orthodoxe Russland als Beschützer der orthodoxen Griechen gegen das übermächtige Osmanische Reich. Der erste Präsident des unabhängigen Griechenlands, Ioannis Kapodistrias, war vor 1827 außenpolitischer Staatssekretär im Dienste des Zaren. In Athen gab es eine »russische Partei«, die für eine enge Anlehnung an Sankt Petersburg lobbyierte. Griechen wanderten nach Russland aus und machten Karriere.

Iwan Sawidis, der griechische Russe, saß viele Jahre lang für die Partei Einiges Russland von Wladimir Putin in der Duma. Er kennt den russischen Präsidenten gut und kritisiert, dass alle Entscheidungen über Griechenland heute in der EU getroffen würden. Und da bestimme Deutschland. »Das hat Griechenland sehr geschadet«, sagt er. Russland hingegen wolle Griechenland schützen, sagt Sawidis. Und Russland habe viel zu bieten.

Was? »Schnee und Frost«, sagt er und lächelt. »Dazu Öl und Gas und viel Geld.«

In Griechenland steht die staatliche Energieindustrie zum Verkauf. Auf Druck der EU muss die Regierung ihre Aktienmehrheit am griechischen Gasversorger Depa, am Gasnetzbetreiber Desfa und die Beteiligung am Ölkonzern Hellenic Petroleum (Elpe) verkaufen. Die Russen gehören neben Japanern, Italienern und Aserbaidschanern zu den wichtigsten Bietern.

Gazprom ist schon lange im griechischen Geschäft. Es waren Russen, welche die Gaspipeline von Bulgarien in südliche Richtung nach Athen bauten. Heute liefert der russische Monopolist drei Viertel der griechischen Erdgasimporte.

Nun droht der russische Anteil durch Importe aus Aserbaidschan und dem Nordirak gesenkt zu werden. Das könnte Gazprom nur durch eine Übernahme der Depa und womöglich auch noch des Gasnetzes rechtzeitig verhindern.

Hier ist Europas Problem: Auf der einen Seite wollen EU und EZB eine schnelle Privatisierung griechischer Staatsbetriebe, um den Athener Haushalt zu entschulden. Auf der anderen Seite könnten die Europäer damit die griechische Energieindustrie russischer Kontrolle ausliefern. Dann würde ein neuer russischer Offshorepark entstehen, ein zweites Zypern.

Leserkommentare
  1. wer in Griechenland investieren darf?
    Wenn dann hätte man das früher bedenken sollen und sich ggfs. über Sicherungsrechte für die Hilfsgelder entsprechendeEinflussmöglichkeiten schaffen.
    Hat man entgegen wirtschaftlicher Vernunft nicht gewollt, da darf man jetzt nicht weinen.

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    ...das die Russkis den Griechen das Geld nicht verschenken anstatt für ihr Geld Gewinn zu erwarten.

    • Zack34
    • 15. November 2012 7:28 Uhr
  2. Verdammter Mist aber auch!

    Da hat man Griechenland endlich em Rand der Pleite und sie müssen ihr Land verhökern - und jetzt hat der Russe dickere Geldkoffer als die Spezeln...

    "Man ist besorgt..." ;-)

    ---

    Ganz ernsthaft - wovor hat man Angst?

    Daß russische Konzerne die Staatsbetriebe noch gnadenloser ausnehmen als westlich Investoren?

    Daß russische Konzerne die Löhne noch mehr senken als westliche Konzerne?

    Daß russischen Konzernlenkern die Grundversorgung der Griechen noch gleichgültiger ist als westlichen CEO's?

  3. Nun, hätte man den Russen in den 90ern nicht arrogant die Tür vor der Nase zugeschlagen, sondern sie näher an Europa herangeholt, müßte man heute vielleicht nicht besorgt sein.

    Ach ja, der gute alte Trick 17 mit Selbstüberlistung.

  4. Die EU, insbesondere die "Pleite-Länder" erinnern an einen Sale-Wühltisch.

    Hätte die EU sich doch denken können, dass die Russen "zuschlagen".

    Die EU ist besorgt. Schlechter Witz. Die EU sollte sich lieber darum sorgen, dass ihr Länder angehören, die einem Dritte-Welt-Land gleichen und es nur noch eine Frage der Zeit ist, bis es tatsächlich zu gravierenden Aufständen kommt. Wobei... wenn die Russen sich in Griechenland "um Ruhe und Ordnung" kümmern - wie praktisch wäre das?

  5. ...kaufen können, warum sollten es dann Russen nicht tun ?

    Und wenn deutsche Investoren keine griechischen Hotels kaufen, muss es doch jemand anderes tun ?

    Und wenn deutsche Firmen Großgeschäfte mit Gazprom machen, warum sollten es dann griechische Firmen oder der Staat nicht, vgl.

    http://www.handelsblatt.c...

  6. ...das die Russkis den Griechen das Geld nicht verschenken anstatt für ihr Geld Gewinn zu erwarten.

  7. Ich habe da einen Vorschlag an Vladimir Putin bei seinem bevorstehenden Besuch in Griechenland:
    Russland sollte Griechenland anbieten, zu einem Mitglied in der GUS - Gemeinde zu werden. Russland hatte einen Zugang zum Mittelmeer und Griechenland einen starken Partner an seiner Seite.

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    Vorsicht, solche "Ideen" könnten glatt eine Gratisaufenthalt in Guantanamo bedeuten...

    Fragen Sie mal Herr Kurnatz, der kennt sich damit aus...

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