In Claß’ »Kaiserbuch« indes geht es nicht mehr nur um diplomatische Demarchen. Hier rückt die Staatsspitze selbst ins Visier der Kritik, da »heute in der Tat das ganze Volk mit der Art unzufrieden ist, wie es regiert wird«. Schon 1903 hat Claß auf dem Verbandstag in Plauen mit der »vorsichtigen« Außenpolitik abgerechnet. Er ist nicht nur ein Verfechter der territorialen Expansion, er fordert auch »völkische Flurbereinigungen« in den zu erobernden Gebieten und vor allem im Osten ein »Land frei von Menschen«. Manches geht selbst der in Expansionsfragen wenig zimperlichen Wirtschaft zu weit – vergeblich versucht Ruhrbaron Hugo Stinnes, mäßigend auf Claß und denVerband einzuwirken.

Claß kennt die Macht der öffentlichen Meinung. Nicht nur das »Kaiserbuch« verrät einen modernen Politikstil. Es gibt Unterschriftensammlungen und Gesetzesinitiativen des ADV, unterstützt von Politikern aus dem konservativen und nationalliberalen Lager. Während des Ersten Weltkriegs wird Claß Miteigentümer der auflagenstarken Deutschen Zeitung und gibt zusammen mit dem in Bayreuth lebenden britischen Antisemiten Houston Stewart Chamberlain die Zeitschrift Deutschlands Erneuerung heraus.

Der ADV kann zwar keine Massen mobilisieren, aber er ist, wie man heute sagt, »gut vernetzt«. Die Mitgliedschaft von Honoratioren und strategische Allianzen (etwa mit dem Bund der Landwirte oder dem Deutschen Wehrverein) machen seine Agitation unüberhörbar. Generell, so betont der für die Bertelsmann Stiftung arbeitende Historiker Peter Walkenhorst, sammelte der Radikalnationalismus eher die Gewinner der wilhelminischen Modernisierung in seinen Reihen. Unter Claß’ Vorsitz kommt der Verband in den Genuss regelmäßiger Zuwendungen seitens der rheinisch-westfälischen Industrie. Bezeichnend ist auch, dass im Umfeld des ADV etliche Akteure auftauchen, die später eine unheilvolle Rolle spielen werden. So ist gleich zu Beginn 1891 der junge Alfred Hugenberg dabei; der Flottenpropagandist Ernst zu Reventlow und auch der spätere Putschist Wolfgang Kapp sind eng mit den Alldeutschen verbandelt.

Neben dem Kampf um die Weltmachtstellung geht es mehr und mehr um den Kampf gegen das »Judentum«. Bereits kurz nachdem Claß 1908 den Vorsitz des ADV übernommen hat, sorgt er dafür, dass Juden und »jüdisch Versippte« den Verband verlassen. Seine Krisendiagnostik im »Kaiserbuch« vier Jahre später präsentiert er in einer sorgfältigen Dramaturgie. Das Eingangskapitel zählt die »Schäden, Nöte und Gefahren« auf, die Deutschland drohen, und mündet in der Bestimmung der Schuldigen: »die Juden«. Es folgt eine Reihe teils drastischer »Reformvorschläge«, bevor er das Feld der Außenpolitik sondiert und sich den »Helfern und Gegnern« der nationalen Sache widmet. Die abschließenden Forderungen an Wilhelm II. persönlich zeigen, wie selbstbewusst die »Nationale Opposition« mittlerweile geworden ist.

Vor allem mit seinem »Reformvorschlag«, die Juden allesamt unters Fremdenrecht zu stellen, kündigt Claß die im 19. Jahrhundert schrittweise vollzogene und 1871 Reichsrecht gewordene Gleichberechtigung auf. Sein Antisemitismus verbindet sich charakteristischerweise mit einem ausgeprägten Demokratie-Hass, der durch die Wahlerfolge der SPD im Januar 1912 noch befeuert wird. Hinter den Sozialisten, so lautet Claß’ Warnung, stünde ebenso wie hinter den Forderungen nach dem Frauenwahlrecht einzig »der Jude«. Zur Abhilfe schwebt ihm die Einführung eines Ständeparlaments und eines Fünf-Klassen-Wahlrechts vor, sowie ein erneutes Verbot der SPD: »Wer die jüdische Herrschaft sprengen will, muß ihre parlamentarische Schutzgarde sprengen.«

Mit seinem Versuch, die Emanzipation zu widerrufen, steht Claß in einer langen Tradition. Die Emanzipation bedeutete staatsbürgerliche Gleichstellung ohne Demutsgeste: Juden genossen als Juden die gleichen Rechte wie Nichtjuden. Der Emanzipationsprozess spiegelte eine Epoche, in der das abstrakte Recht zur notwendigen Grundlage des freien Handels und die Politik öffentlich wurde. Im Fehlschluss der Antisemiten wurde dieser Prozess nun gegen die Juden selbst gewendet: Die Zirkulation von Kapital und Waren, das abstrakte Recht, die Wahlen und überhaupt alle Modernisierungsschübe, von denen die Gesellschaft erfasst wurde, konnten nur Ausdruck des Judentums sein. Mache man die Emanzipation wieder rückgängig, so entledige man sich aller Zumutungen der Moderne insgesamt. Für den austrobritischen Historiker Peter Pulzer gehört die Emanzipationsabwehr daher zu den entscheidenden Triebfedern des Antisemitismus im 19. Jahrhundert: »Vor der Emanzipation war der Antijudaismus ein Syndrom von Einstellungen, das lange Zeit inaktiv bleiben konnte. Nach der Emanzipation war der Antisemitismus eine Bewegung mit einem Programm.«

Vor allem der Zugang der Juden zu öffentlichen Ämtern, ihre Beteiligung an politischer Macht, trieb ihre Gegner um. Schon gleich nach der Französischen Revolution, mit der die Emanzipation ihren Anfang genommen hatte, wurden Vernichtungs- und Ausrottungsfantasien laut. Gerade auch im protestantisch-liberalen Milieu: So lässt sich die Spur des Claßschen Antisemitismus bis in die Zeit um 1800 zurückverfolgen, bis zu den Pamphleten von Carl Wilhelm Friedrich Grattenauer und Friedrich Rühs, von fanatischen Deutschtümlern wie »Turnvater« Jahn, Ernst Moritz Arndt oder Hartwig von Hundt-Radowsky, der in seinem Bestseller Judenspiegel bereits 1819 eine Art Holocaust vorschlug.

Dergleichen setzte sich fort: 1860 bot Gutsbesitzer Heinrich Nordmann, der sich H. Naudh nannte, in seiner Schrift Die Juden und der deutsche Staat ein prototypisches Beispiel der Emanzipationsabwehr. Da das Judentum in seinem »Wesen dem Fundamente des christlichen Staates, der christlichen Moral feindlich« sei, könnten Juden unmöglich Ämter ausüben. Ohnehin sei das Judentum dem deutschen Volk »zuwider« und daher geeignet, »die mit ihm behafteten Aemter und Staatskörper unansehnlich zu machen«. Es sei als Ganzes eine »Kriegserklärung« und die »Vergötterung des nützlichen Unrechts«.

Schon lange ging es nicht nicht mehr um Religion, sondern um »Rasse«: »Die Religion ist einerlei, im Blute liegt die Schweinerei!« Der aus der Linken kommende Hamburger Journalist und Politiker Wilhelm Marr, der den Begriff Antisemitismus popularisierte, ließ im Titel seiner bekanntesten Schrift keinen Zweifel: Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum, nicht vom konfessionellen Standpunkt aus betrachtet. Vor den Wahlen zum Preußischen Abgeordnetenhaus 1879 gab er die Parole aus: »Wählt keine Juden!« Im selben Jahr gründete er die Antisemitenliga. Auch die »Antisemitenpetition« der Vereine deutscher Studenten 1880/81 forderte den Ausschluss der Juden von staatlichen Ämtern.