So hielt der Judenhass zu Beginn des Kaiserreichs Einzug in die Parteipolitik. Die Deutschkonservativen formulierten 1892 ihre entsprechende Haltung im sogenannten Tivoli-Programm – benannt nach dem Festsaal der Berliner Tivoli-Brauerei, in dem der Parteitag stattfand –, das sich außer gegen die Sozialdemokraten auch scharf gegen die Juden wandte. Daneben fungierten die Agrarlobby und zunehmend die Nationalliberalen als Reservoir der antisemitischen Bewegung – nicht zufällig dasselbe Milieu, aus dem sich Verbände wie der ADV rekrutierten.

Bei den Wahlen 1893 erzielten die als Antisemiten antretenden Christ-Sozialen und die Reformpartei mit zusammen 16 Sitzen ihr bestes Ergebnis. 1894 fusionierten die beiden Strömungen zur Deutsch-Sozialen Reformpartei unter Max Liebermann von Sonnenberg. Doch währte der Erfolg nicht lange. Zeitgenössische Beobachter schildern die DSRP als Querulantenpartei, die sich jenseits ihrer militanten Judenfeindschaft kaum auf ein gemeinsames Programm einigen konnte. Mit der DSRP war auch der Mediziner Gustav Stille verbunden, der um die Jahrhundertwende die Antisemitischen Jahrbücher herausgab. Der Osnabrücker Historiker Hans-Jürgen Döscher zitiert in seiner Stille-Biografie einen Parteitagsbeschluss der DSRP von 1899: »Dank der Entwicklung unserer modernen Verkehrsmittel dürfte die Judenfrage im Laufe des 20. Jahrhunderts zur Weltfrage werden und als solche von den anderen Völkern gemeinsam und endgültig durch Absonderung und (wenn die Notwehr es gebietet) schließlich Vernichtung des Judenvolkes gelöst werden.«

Der Antisemitismus der Kaiserzeit ergab sich fast zwangsläufig: Je aggressiver sich der Nationalismus artikulierte, umso homogener musste sich die Nation definieren. Den französischen »Erbfeind« oder das »perfide Albion« konnte man zwar hassen, die Existenz des Gegners aber blieb grundsätzlich respektiert. Den Juden hingegen ermangelte es nicht nur an einem Staatsterritorium, sie waren sogar vollwertige Mitglieder der Gesellschaft geworden. Aus dem gängigen Freund-Feind-Schema des Nationalismus fielen sie heraus. Der Soziologe Klaus Holz kommt daher zu dem Schluss, dass die Semantik des »nationalen Antisemitismus« den Juden eine »dritte Position« zuwies, die nur durch Elimination aufzulösen war. Für diesen Befund sprechen sowohl die Hasstiraden in Claß’ »Kaiserbuch« als auch die Vernichtungsfantasien seiner Vorgänger.

1912, das Jahr des »Kaiserbuchs«, wird in der Geschichte des deutschen Antisemitismus ein Schlüsseldatum. Einerseits scheint zu diesem Zeitpunkt seine »parlamentarische Phase« gescheitert zu sein. Das Ergebniss der Reichstagswahlen im Januar ist niederschmetternd: ein Triumph der Sozialdemokraten, während sich der Stimmenanteil der Antisemiten drastisch reduziert hat. »Judenwahlen«, schäumt Claß.

Andererseits ist trotz dieser Niederlage der Siegeszug des Ressentiments kaum mehr zu übersehen. »Ihre Organisationen waren schwach, aber die Gesinnungen, die sie transportierten, überdauerten und trugen schließlich den Sieg davon«, fasst Peter Pulzer dieses Wechselspiel zusammen. Er beschreibt, wie sich der Judenhass in der Alltagskultur durchsetzte: »In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg war der Antisemitismus als Haltung [...] enttabuisiert worden. Alldeutscher, Nationalist, Imperialist oder Gegner der Demokratie zu sein, bedeutete, Antisemit zu sein.«

Wenn ich der Kaiser wär’ führt diesen Prozess beispielhaft vor. Wie in einem Brennglas bündelt das Buch alle Defekte der wilhelminischen Mentalität. Zugleich verweist es auf Kommendes. Obwohl Claß’ Forderung »Der Kaiser als Führer« 1918 endgültig enttäuscht ist, wirkt sie, gleichsam umgekehrt, nach. Aus der »Kaiserenttäuschung« erwächst eine »Führererwartung«, wie es der Historiker Martin Kohlrausch formuliert hat. Selbst für eine mögliche Niederlage des Kaiserreichs und das Verschwinden des Monarchen hat Claß 1912 schon die passende Vision formuliert: »Werden wir besiegt [...] – so wird die heutige innere Zerrissenheit sich zum Chaos steigern, das nur durch den machtvollen Willen eines Diktators zur Ordnung zurückgebracht werden kann.«

In der Geschichte des deutschen Nationalismus ist Claß ein Verbindungselement zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert. Noch als Student in Berlin hat er begeistert die Vorlesungen des Historikers Heinrich von Treitschke besucht, dessen Aufsatz Unsere Aussichten dem Antisemitismus 1879 einen weiteren Reputationsschub gab. »Mir war Treitschke der Meister, der mein Leben bestimmte«, schreibt Claß rückblickend. Nach dem Ersten Weltkrieg trifft er dann mehrmals Adolf Hitler, den das »Kaiserbuch« ebenso beeindruckt hat wie die Deutsche Geschichte, die Claß 1909 unter dem Pseudonym Einhart publizierte. Die Folgen dieser Lektüre schlagen sich in Hitlers Programm Mein Kampf deutlich nieder.

Claß’ Schriften und die Aktivitäten der Alldeutschen nehmen in der Tat bereits alle Hauptthemen der NS-Ideologie vorweg. Das alldeutsche Idealbild einer rassenbiologisch konstruierten Volksgemeinschaft, die, nach innen in strikter Hierarchie geordnet, außenpolitisch bewusst aggressiv agiert, ist keine zufällige Komposition beliebiger Ressentiments. Es bildet bereits 1912 ein untrennbares Ganzes und kann heute als Blaupause der NS-Politik und -Gesellschaftsordnung betrachtet werden.

Claß’ Vorschläge zu einer Judengesetzgebung sollten ihre Umsetzung in den Nürnberger Gesetzen finden. 1933 bereits wird er für seine Vorarbeit mit einem Reichstagsmandat der NSDAP belohnt. Als in der Nacht des 9. November 1938 die Synagogen brennen, ist diese Barbarei eine Frucht auch seines Wirkens. 1939 löst der oberste Polizeichef des »Dritten Reiches« Reinhard Heydrich den ADV mit der Begründung auf, die Verbandsziele seien umgesetzt. Das stimmt. Der Holocaust kann beginnen.