Coming-outDer Traum des Konditors

Dario Negrotti ist verheiratet, hat zwei Kinder, aber etwas stimmt nicht. Oder? Die Geschichte von einem, der lernt, dass alles stimmt. von Erwin Koch

© Joel Saget/AFP/Getty Images

Lucia liebt Edgardo und umgekehrt.
Doch Enrico, Lucias Bruder, gibt sie Arturo.
Worauf Lucia – was man zwar nicht sieht, schon gar nicht vom äußersten Platz im zweiten Rang – Arturo ersticht und, das Messer noch in der Hand, ihr Kleid voller Blut, im hellen Wahn die Hochzeit mit Edgardo besingt.
Der erfährt, dass die Liebste, vom Kummer zerstört, nach ihm ruft.
Doch zu spät.

Eine Totenglocke füllt die Bühne des Stadttheaters Solothurn kurz vor halb elf Uhr nachts, es ist Freitag, 6. April 1979, und Edgardo folgt Lucia di Lammermoor in den Tod, stößt sich den Dolch ins gebrochene Herz: Vorhang.

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Und Dario Negrotti, 4552 Derendingen SO, fünfzehnjährig, zum ersten Mal in der Oper, weiß nicht, wie ihm geschieht, seine Hände zittern, es jauchzt im Bauch. Der Bub rennt zum Fahrrad und rast nach Hause, trifft die Eltern in der Küche.

Wie war es?, fragt die Mutter.

Schöneres habe ich noch nie gehört, glüht der Bub.

Um was ging es?, fragt der Vater.

Um die Liebe und so.

Um die Liebe und so!, knurrt der Vater, Arbeiter in der Kohlenhandlung seines Schwiegervaters, und trinkt das Glas leer.

Der Vater ist Italiener, Provinz Treviso, Venetien, in die Schweiz gekommen auf der Suche nach dem besseren Leben. Die Mutter, eine Einheimische, vier Kinder, hat an der Kanalgasse einen Laden und verkauft Italienisches, Mortadella, Sardellen, Oliven, Stockfisch. In Derendingen steht eine Kammgarnspinnerei, im Nachbardorf das Stahlwerk.

Dario ist ihr zweiter Sohn, im Turnverein hält er es nicht aus, in der Jungwacht nicht, der Jungwächter ist Marienritter und Christusträger, der Jungwächter liebt seine Heimat, er ist keusch an Leib und Seele.

Aber Dario singt im Schülerchor.

Er summt und singt, wenn er im Laden der Mutter Regale füllt, wenn er jätet im Garten des Großvaters.

He, wenn du noch einmal über mein Rosenbeet springst, schmier ich dir eine.

Weil der Großvater, Händler mit Kohle und Öl, Präsident des Fußballklubs, nicht will, dass sein Enkel, dieser Linkshänder und Träumer, die Oberschule des Dorfes besucht, die Klasse derer, die es weder in die Sekundar noch ans Gymnasium schaffen, befiehlt er Dario nach Solothurn ans Privatinstitut Jura, drei Jahre lang, Vater und Mutter schweigen und zahlen.

Anfang April 1979 liest Dario Negrotti, der selten Zeitung liest, in der Solothurner Zeitung: Lucia di Lammermoor, Oper in drei Akten von Gaetano Donizetti.

Was ist das?, fragt er seine Mutter. Oper?

Ein Theater aus Musik.

Das möchte ich sehen.

Du?

Ja, sagt Dario, fünfzehn.

Ohne mich, sagt Mama.

Dieses Jauchzen im Bauch, als Lucia di Lammermoor sich in den Wahnsinn singt.

Am Samstagabend sitzt jetzt Dario Negrotti vor dem Radio und hört Opern. Die Mutter kauft ihm ein Abonnement für die Spielzeit 1979/1980, Stadttheater Solothurn, Theatergasse 18, Dario, sechzehn, oft allein, lässt keine Vorstellung aus, auf dem Fahrrad fährt er hin, setzt sich ins Gestühl und glüht auf, auch bei Shakespeare, bei Dürrenmatt, Kohut, Ionesco. In der Schule hält man Vorträge über Status Quo, Pink Floyd, Abba, Porsche, Bayern München, Dario redet über Verdis Rigoletto. Auf Kassette spielt er die Stelle, da Rigoletto tapfer den Hofnarren des Herzogs von Mantua gibt und längst ahnt, dass dieser in der Nacht zuvor seine – Rigolettos – Tochter geraubt und geschändet hat, Signori, perdon, perdono, pietà, ridate a me la figlia, tutto al mondo è tal figlia per me, ridate a me la figlia, tutto al mondo ell’è per me, pietà, pietà, signori, pietà, signori, pietà.

Au, Dario, hörst du dir das freiwillig an?

Dieses Klopfen im Hals, wenn der Vorhang fällt.

La belle Hélène von Jacques Offenbach.

Das Fernsehen zeigt einen Film über Homosexuelle, Familie Negrotti-Lüthi sitzt vor dem Gerät, und der Vater, krumm und früh verbraucht, sagt: Uno così non mette piede in casa, so einer kommt mir nicht ins Haus.

Manchmal sitzt er am Tisch in der Küche, ein Glas Grappa vor sich, und weint oder streitet mit der Mutter.

Ich bin ja hier nur der Tschingg, lallt er, nur der Tschingg, einen Sack Kohle auf dem Buckel, Treppe rauf, Treppe runter, der Kohletschingg.

Dario springt nicht mehr über das Rosenbeet des Großvaters.

Als das Radio über die Roten Brigaden in Italien berichtet, über ihre Morde und Parolen, lärmt der Großvater, der ganzen Brut da unten, in diesem Dreckitalien, wäre mit einer Atombombe am besten gedient.

Ständig hackst du auf uns herum!, bricht es aus Dario, er weiß nicht, wie ihm geschieht.

Wortlos schreitet der Großvater vom Tisch und schlägt die Tür ins Schloss, niemand spricht, Dario schwitzt.

Und die Großmutter flüstert: Entschuldige dich bei Opa, dann geht es ihm wieder gut, hopp, hopp.

Dario entschuldigt sich.

Weil der Großvater Bäcker-Konditor gelernt, dann aber, nach dem Tod des Urgroßvaters, die Kohlehandlung übernommen hat, lernt Dario Negrotti, siebzehn, der nichts mehr liebt als Opern, Konditor-Confiseur. Die Mutter begleitet ihn zum Bahnhof, April 1980, sie weint, Dario steigt in den Zug, sie winkt, er fährt, wandert endlich durch die Stadt Biel zur Confiserie Suter, Marktgasse 18, wo er nun Lehrling ist während dreier Jahre. Er steigt hinauf in den fünften Stock in sein kleines Zimmer und packt den schweren Koffer aus, Unterwäsche, Hemden, Schallplatten, Verdi, Mozart, Rossini, Händel, Bizet, Donizetti, Monteverdi, Salieri, Puccini, Schubert.

Savarin, verwandt mit Baba au rhum, macht er bald meisterhaft. Das trockene Gebäck aus Hefe- oder Sandkuchenteig weicht Dario in Zuckersirup auf, tränkt es in Rum, krönt es mit geschlagener Sahne.

Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni, Pagliacci von Ruggero Leoncavallo, zwei Kurzopern, Stadttheater Bern, Samstag, 20 Uhr, 13. März 1982.

Dario gefällt ein Mädchen, erste Liebe im fünften Stock, man langweilt sich, Schluss nach drei Monaten.

Manchmal fährt Dario Negrotti, neunzehn, nach Basel ins Theater, manchmal nach Zürich ins Opernhaus, und zittert vor Glück im Gestühl.

Ist das normal?

Eigentlich will er jetzt keine Freundin mehr.

Die Abschlussprüfung, Mai 1983, besteht er mit der Note 5.4, alles gelingt, die belegten Brötchen, die Nussgipfel, die Mandelgipfel, Schnecken, Pasteten, Torten, Pralinen. Stolz reisen aus Derendingen die Eltern an und fotografieren Darios Kunst.

Und nun? Erdbeertörtchen bis an mein Ende?

Er zieht wieder ins Haus der Eltern, Kanalgasse 2, steht nachts um ein Uhr auf und fährt auf dem Rad nach Utzenstorf, arbeitet, kommt gegen Mittag zurück und legt sich ins Bett.

Ich will Schauspieler werden.

Schauspieler?, fragt die Mutter.

Singen traue ich mir nicht zu.

Wo du doch so wunderbar singst.

Dario Negrotti, zwanzig, Konditor-Confiseur, meldet sich am Konservatorium Bern zur Aufnahmeprüfung an, er übt eine Szene aus Schillers Räuber, auch Goethes Zauberlehrling, walle, walle manche Strecke, dass zum Zwecke, Wasser fließe, und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße, und den berühmten Schlussmonolog aus Die Nashörner von Eugène Ionesco. Endlich steht er auf der Bühne, zehn, fünfzehn Menschen hängen herum, Experten, die hüsteln und warten, dass Dario, die Hände feucht und kalt, loswird, was er gelernt hat, immer wieder zu Hause in Derendingen, Kanalgasse 2, was ist meine Sprache?, ist es Deutsch, das?, es muss wohl Deutsch sein, aber was ist denn Deutsch?, man kann das Deutsch nennen, wenn man will, niemand kann es bestreiten, ich bin der Einzige, der es spricht, was sage ich?, verstehe ich mich denn?, verstehe ich mich denn?, ein Ungeheuer bin ich, ein Ungeheuer, nie werde ich Nashorn, nie, nie!

Dario versucht es auch an der Schauspielakademie Zürich, verstehe ich mich denn?, ein Ungeheuer bin ich, ein Ungeheuer, nie werde ich Nashorn, nie, nie!

Die Rekrutenschule in Wangen an der Aare, Sommer, Herbst 1983, Luftschutzsoldat Dario Negrotti liegt im Schießstand, den Finger am Abzug, er schwitzt, trifft die Scheibe nie.

Normal?

Dario Negrotti, einundzwanzig, zieht nach Mühledorf, formt Nussgipfel, Mandelgipfel, Schnecken, Kuchen, Torten, er zieht nach Basel, macht Gipfel und Kuchen, geht abends in die Oper, ins Theater, Basel, Zürich, Bern, St. Gallen, Luzern, fragt, ob man einen Kulissenschieber brauche, jemanden, der den Vorhang zieht, Kostüme bügelt, Spiegel putzt, die Bühne wischt oder irgendwas.

Wenn Sie Schreiner wären, Maler oder Schneider, tut uns leid.

Er denkt an ein Leben in Italien, im Land des Vaters, der abends, krumm von der Kohle, die er seit Jahren schleppt, am Tisch sitzt, müde, stumm.

Il barbiere di Siviglia von Gioachino Rossini, dirigiert von Claudio Abbado, La Scala, Mailand, Sonntag, 20 Uhr, 6. Januar 1985.

Wieder wohnt er jetzt im Haus der Eltern, Kanalgasse 2, 4552 Derendingen SO, es ist Fastnacht, Schmutziger Donnerstag 1985, Dario, zweiundzwanzig, lernt eine Frau kennen, Judith, Textildesignerin, sie ist schön und klug.

Ich habe eine Stelle im Tessin, flüstert er in ihren Armen.

Du gehst fort?, fragt sie.

Komm mit!

Wie lange?

Zwei Jahre, vielleicht drei. Oder für immer.

Er zieht nach Paradiso, Pasticceria Münger, Judith folgt ein halbes Jahr später und findet Arbeit in einer Papeterie, in einem Kiosk, sie fahren nach Florenz, Faust von Gounod, reisen nach Venedig, Così fan tutte, Mozart. Dario kauft jedes Opernprogramm, stapelt die Hefte sorgsam im Schrank.

Du bist, haucht er, das Beste, was mir bis jetzt passiert ist.

Wart’s ab, sagt sie und gurrt.

Sie ziehen nach Lenzburg, Kanton Aargau, wohnen in der Nähe von Judiths Eltern, sie entwirft Stoffe, er formt Gipfel und Schnecken, macht Pralinen, Kuchen, Torten, steht nachts auf, fährt zur Arbeit, kommt mittags zurück und legt sich ins Bett, möchte schlafen.

Wann heiraten wir?

Zu zweit fahren sie nach Mailand, es ist Sonntag, 5. Juni 1988, und weinen im Gestühl der Scala, La Bohème, Puccini, inszeniert von Franco Zeffirelli, oh, come è bello e morbido!, non più le mani allividite, il tepore le abbellirà ... Sei tu che me lo doni?

Dario Negrotti, achtundzwanzig, ist jetzt Vertreter der Oswald Nahrungsmittel GmbH und reist von Haus zu Haus, lobt Hühnerbouillon gekörnt, Ochsenbouillon fettfrei, Gemüsebouillon Méditerranée, Backperlen, Saucen, Suppen. Am 14. Februar 1991, unterwegs am Zürichsee, geht er über eine lange steile Treppe, die zu einem Kunden führt, Oberrieden, es ist Vormittag, Dario dreht sich zum See, um die Aussicht zu genießen, und sieht, wie helles Licht aus den Wolken fällt, ein Loch im Himmel, traumfarben, ein Bühnenbild, Die Zauberflöte vielleicht, zweiter Aufzug, letzte Szene. Es ist ein guter Tag, Dario verkauft und verkauft, Sel marin aux herbes, Pepe al Limone, Sauce Café de Paris, Salsa Pomodoro Salerno, mehr als je zuvor.

Am Abend steht Judith neben der Tür, Lenzburg, Murackerstrasse 12.

Dein Vater, sagt sie, heute Vormittag ist er gestorben.

Zur Hochzeit mieten sie einen Nauen auf dem Zugersee, 29. Juni 1991, und fahren nach der Trauung hinüber zum Baumgarten, eine Kapelle spielt auf, Geige, Gitarre, Cello, man isst Trois filets, Rind, Kalb, Schwein, feiert und tanzt bis in die Nacht.

Die Mutter sagt: Dein Papa sitzt neben uns.

Hochzeitsreise nach Sizilien, vier Wochen, Aida von Verdi, Teatro Greco di Siracusa, Judith ist schwanger und trinkt keinen Wein.

Warum bist du nie eifersüchtig?

Möchtest du, dass ich es wäre?, fragt er.

Vielleicht!, sagt sie.

Jetzt singt Dario Negrotti im katholischen Kirchenchor, probt jeden Dienstagabend von acht bis zehn Uhr, eilt dann nach Hause zu Judith. Sie richtet das Kinderzimmer ein, kauft ein Bettchen, kauft Kleidchen, eine Waage, Windeln, Spielsachen, im Geburtsvorbereitungskurs liegt Dario an Judiths Seite und atmet mit ihr.

Sie flüstert: Wie kann man nur so glücklich sein!

Am 28. März 1992 reißt die Plazenta, Blut schießt aus Judiths Leib, fleischige Fetzen, Dario rennt zum Telefon, sieht den Zettel nicht, der vor ihm an der Wand hängt, darauf die Nummer des Spitals.

Luca, 4140 Gramm, 53 Zentimeter.

Eine Stunde lang, allein in einem hellen Zimmer, hält er das Kind in den Armen.

Es singt im Bauch.

Dario Negrotti, dreißig, wechselt die Stelle, wird Vertreter der Alipro AG, Halbfabrikate für Bäckereien und Konditoreien. Einen schmalen Koffer in der Hand, reist er durchs Schweizer Mittelland, preist Fruchtlinien, Backmassen, Nussfüllungen.

Du siehst müde aus, sagt Judith.

Was ist los mit dir?, fragt Judith.

Nichts!, sagt Dario.

Ich möchte ein zweites Kind, sagt sie.

Le nozze di Figaro.

Otello.

Ekle ich dich?, fragt Judith.

Manchmal, im Firmenwagen unterwegs, passiert er einen Wald, Autos stehen dort, Männer darin.

Der fliegende Holländer.

Manchmal, in Basel oder Zürich, das Köfferchen in der Hand, kommt er an einer Bar vorbei, Männer hinter der Tür.

Was ist los mit mir?

Sie ziehen nach Seengen ins Haus von Judiths Eltern, Oberdorfstrasse 11, erster Stock, fünf Zimmer, unten die Eltern, oben der Bruder.

Im Garten Rosen.

Stella, 3900 Gramm, 52 Zentimeter, 28. Januar 1995.

Tosca, Puccini.

Manchmal, im Firmenwagen unterwegs, passiert Dario Negrotti einen Wald, Autos stehen dort, Männer darin, er fährt langsamer.

Er hält nicht an.

Hält nie an.

Judith stillt Stella, Dario bringt den Müll vors Haus, Judith kocht Biologisches, Dario spielt mit Luca.

Und wenn ich doch anhielte?

Dir geht es nicht gut, sagt Judith.

Das geht vorbei, sagt Dario.

Bist du krank?

Nur müde.

Hol Hilfe, sagt sie.

Was für Hilfe?

Weil er die obligatorische Schießpflicht, zwanzig Schüsse im Jahr, vergisst und schließlich verweigert, muss er drei Tage ins Gefängnis.

Dario lobt Mandelmasse weich, Mandelmasse fest, Backmasse braun, Backmasse weiß, Streusel dunkel, Streusel weiß, Streusel hell, Streusel mittel.

Und hält nie an.

Judith sagt: Ich liebe dich, hol Hilfe.

Viermal fährt er nach Baden und setzt sich, die Hände feucht, zu einer Psychologin, erzählt von seinem Vater, der oft am Tisch saß, ein Glas vor sich, und weinte oder lärmte. Und dann schwieg, sobald der Großvater kam, dessen Säcke er trug, treppauf, treppab, dreizehn Stunden am Tag, ein Leben lang.

Einmal, in der dritten oder vierten Klasse, im Rechnen, hatten wir die Lösungen des Banknachbarn zu prüfen, ein Mädchen kontrollierte meine, ich ihre. Und als sie merkte, dass alles, was ich gerechnet hatte, falsch war, stand sie auf und brachte mein Heft dem Lehrer. Der sah es kurz an, holte aus und schlug seine Hand dem Mädchen ins Gesicht, so wütend, dass sie hinfiel und schrie. Er dachte wohl, das Heft und die Fehler darin gehörten ihr. Und ich saß da in der Bank, wartete, dass das Mädchen die Wahrheit verriet, ich wartete und schwieg und schwieg, sagte kein Wort, hatte nur Angst, ein Loch im Bauch.

Dario Negrotti, dreiunddreißig, wird wieder Konditor-Confiseur, arbeitet drei Monate in Beinwil am See, dann zwei Jahre in Reinach, Aargau, steht nachts um ein Uhr auf, kommt mittags zurück, legt sich hin, steht auf, spielt mit den Kindern, legt sich hin, wechselt schließlich in die Bäckerei der Migros.

Ein Schwein, ein Schwein bin ich, ein Schwein, ein mieses dreckiges Schwein.

Manchmal, wenn Judith mit den Kindern unterwegs ist, setzt er sich vor den Computer, www.gayromeo.com, öffnet die Hose, verwischt dann die Spuren, Dateien löschen, Cookies löschen, Verlauf löschen, Formulare löschen, Kennwörter löschen.

Judith gießt Blumen, Dario schnürt Altpapier, Judith trifft Freundinnen, Dario spielt mit den Kindern.

Kirchenchor am Dienstagabend.

Wann hast du mich zum letzten Mal gestreichelt?, fragt Judith und versucht zu lachen.

Dann streichelt er.

Bevor Dario Negrotti aus dem Haus geht, horcht er, ob jemand im Flur steht. Steht einer dort, Judiths Vater oder ihr Bruder, schließt er die Tür und wartet.

Luca, verdammt noch mal, spring nicht ständig über Opas Rosenbeet!

Das macht doch nichts, sagt Judith.

Trotzdem!

Was ist nur los mit dir?

Nichts!

Wie war die Schulreise?, fragt Dario seinen Sohn.

Ganz lustig, antwortet Judith.

Sommers fährt die Familie nach Italien, nimmt in Ancona die Fähre und reist hinüber nach Griechenland, schlägt das Zelt auf, Peloponnes, leichte Tage am Meer. Manchmal, wenn Judith es nicht sieht, schaut Dario Männern hinterher.

An einem Sonntag im März 2005, das Essen steht auf dem Tisch, Dario neben Stella, Judith neben Luca, 5707, Seengen AG, Oberdorfstrasse 11, erster Stock, sagt Judith: Ich kann nicht mehr.

Endlich stehen die Kinder auf, zehn und dreizehn Jahre alt, gehen in ihre Zimmer, Dario hört sie weinen.

Lass uns reden, sagt er.

Worüber?, sagt sie.

Dario Negrotti, zweiundvierzig, klopft an die Tür seiner Kinder: Ich gehe spazieren, kommt ihr mit?

Zu dritt spazieren sie über das weite flache Feld nach Egliswil, ein Sonntag im März, es regnet, Dario sagt: So ernst meint die Mama das nicht.

Judith schläft jetzt im Zimmer der Tochter.

Tu das nicht! Lass uns reden, Judith, lass uns retten, was zu retten ist, lass uns wegziehen, irgendwohin, und dort fangen wir neu an.

Eheberatung in Aarau, drei Mal, vier Mal, fünf Mal.

Judith schläft wieder neben Dario.

Ein kalter Kuss.

Wir fangen neu an, irgendwo, sagt er.

Ich kann nicht mehr, sagt sie.

www.gayromeo.com

Es ist niemand im Haus, als Dario Negrotti, dreiundvierzig, am 31. Mai 2006 seine Familie verlässt, Mittwoch, Oberdorfstrasse 11. Er lädt einen Koffer ins Auto, darin seine Kleider, er nimmt die Musikanlage mit, die Schallplatten, die CDs, die Programmhefte, drei Tassen mit goldenem Rand, die er einst auf einem Flohmarkt kaufte, ein paar Bücher, Die Nashörner, ein Ungeheuer bin ich, ein Ungeheuer, nie werde ich Nashorn, nie, nie!

Das alte Haus, in das er zieht, steht auf einem Hügel, umgeben von niedrigem Buchs, nachts knarren die Balken, die Bretter, oft sitzt er in der dunklen Küche, erhellt von einer Kerze, und weint.

In der Familie ein Versager, im Beruf ein Langweiler, eine Null, eine feige schwule Null.

Luca und Stella kommen alle zwei Wochen, Dario kocht, er schickt Geld, 1850 Franken im Monat, nachts steht er um ein Uhr auf, fährt zur Großbäckerei der Migros, formt Gipfel, Kuchen, Torten, kommt um elf nach Hause, legt sich hin und schläft.

Oft sitzt er am Tisch in der kleinen dämmrigen Küche.

Soll ich?

Soll ich?

Er zittert, als er in Die Männerzone tritt, Kernstrasse 57, Zürich, es ist warm und dunkel da drin, laut, sie schauen und mustern, Dario stellt sich an den Tresen und schweigt, trinkt Wasser und schweigt, geht wieder, fährt nach Hause.

Ich kann das nicht.

Nicht einmal das.

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Dario Negrotti, vierundvierzig, Konditor-Confiseur, fährt zu ihm nach Hause, die Hände feucht und kalt.

Er sagt: Es ist mein erstes Mal.

Kein Problem, sagt der Mann und küsst ihn.

Kirchenchor am Dienstagabend.

Luca und Stella alle zwei Wochen.

Wieder sitzt er am Tisch in seiner dunklen kleinen Küche, eine Kerze vor sich.

Nachts knarren die Balken, die Bretter.

Soll ich?

Wenn, dann in der Badewanne.

Den Schlüssel zum Haus könnte ich, bevor ich es tue, der Polizei schicken oder dem Spital.

Mit einem Brief, wo ich liege.

Damit mich nicht die Kinder finden.

Eine Frau, Kollegin in der Bäckerei, lacht Dario ins Gesicht, sie berührt seinen Arm, Dario schreckt zurück, sie sei, sagt sie endlich, ein bisschen verliebt in ihn.

Du bist doch solo?, fragt sie.

Das schon!

Aber schwul oder was?, lacht die Frau.

Und Dario lacht mit.

Am nächsten Tag, nach schlafloser Nacht, ruft er sie an:

Renata, du bist, abgesehen von ein paar Kerlen, der erste Mensch, der es erfährt. Ich bin schwul.

Kirchenchor am Dienstag, die Kinder alle zwei Wochen.

Dario Negrotti schmerzt der Kopf, manchmal der Bauch, das Bein, er geht zum Arzt, lässt prüfen, das Blut, das Herz, die Lunge, die Augen, den Kreislauf, den Rücken, körperlich, sagt der Arzt, sei, so weit er sehe, alles in Ordnung, aber sonst? Er gibt ihm einen Zettel, darauf die Nummer einer Psychologin.

An einem Samstag, 2009, reist er nach Derendingen, das Dorf der frühen Jahre, Darios Bruder hat Geburtstag, auch die Mutter ist dort, die zwei Schwestern, Dario erzählt, neulich sei er beim Arzt gewesen, alles in Ordnung, und der Bruder, zwei Jahre älter, scherzt, um das zu erfahren, brauche man doch nur in den Spiegel zu schauen, Dario lärmt: Deine Sprüche, ich habe sie noch nie ertragen.

Er übernachtet im Haus der Mutter, Kanalgasse 2, sitzt am Tisch, an dem der Vater einst saß und schwieg oder lärmte, und die Mutter fragt: Bub, was ist nur los mit dir?

Jetzt heult Dario Negrotti, sechsundvierzig, und schluchzt, dass es ihn schüttelt, er wimmert und schnäuzt, kann nicht reden, eine halbe Stunde lang.

Mami, ich bin schwul.

Sie steht auf, nimmt den Sohn in ihre Arme und sagt: Dann mach, dass du glücklich wirst.

Immer wieder setzt er sich ins Zimmer der Psychologin und zieht sein Leben aus.

Einmal, in der sechsten Klasse, befahl mich der Lehrer zur Wandtafel. Wir übten das Dividieren. Und ich machte einen Fehler, machte ihn zweimal, dreimal. Da traf mich von hinten seine Hand, mein Kopf schlug gegen die Tafel, eine rote Beule auf der Stirn. Zu Hause fragte die Mutter: Was ist passiert? Und ich sagte: Nichts, hab mich blöd gestoßen.

Was, Herr Negrotti, ist Ihre älteste Erinnerung?

Wir, Vater, Mutter, die ganze Familie, wir sitzen im Zug nach Venetien, unterwegs ins Dorf des Vaters, es ist Morgen, und wir gehen in den Speisewagen und warten und warten, und dann trägt der Kellner etwas auf, was ich noch nie gesehen habe, kleine weiße harte Kunstwerke, Butterröllchen.

Bleich sitzt Dario am Tisch, Judith ist gekommen, um die Scheidung zu bereden: Judith, leg die Akten weg, ich muss dir etwas sagen.

Du zitterst ja, sagt sie.

Dann lacht sie und erschrickt, dass sie lacht.

Du und schwul?

Ja.

Seit wann?

Vielleicht schon immer.

Seit wann weißt du es?

Eigentlich schon lange.

Und warum sagst du mir das erst jetzt?

Weil ich dich nicht verlieren wollte.

Mich oder die Kinder?, fragt sie.

Euch alle, meinen Lebenstraum, sagt Dario Negrotti.

Scheidung durch das Bezirksgericht Lenzburg, kein Streit, kein Anwalt, Aktenzeichen EO2010 166, 10. September 2010.

Stella sagt: Auch wenn du jetzt schwul bist, Paps, ich habe dich trotzdem lieb.

Am 1. Januar 2011, Neujahr, lädt Dario Negrotti einen Fremden ins Haus auf dem Hügel, gayromeo.com, Dario öffnet die alte schwere Tür:

Das ist er.

Bevor René, auch geschieden, auch zwei Kinder, für zehn Tage nach Frankreich verreist, Februar 2011, schenkt Dario ihm eine rote Rose. René bittet Dario, die Rose, während er fort sei, zu pflegen. Als sie zu welken beginnt, hängt Dario sie zum Trocknen auf und schenkt sie René, kaum zurück, ein zweites Mal.

René legt sie neben das Bett.

Erst jetzt, flüstert Dario in seinen Armen, merke ich, dass möglich ist, was Opern auf die Bühne bringen, Leidenschaft, Wahnsinn, Eifersucht.

Bist du wahnsinnig?, fragt René.

Noch nicht, sagt Dario.

Aber?

Eifersüchtig!

Und wie geht es Ihnen heute?, fragt die Psychologin, 28. März 2011.

Heute! Weil er heute so glücklich sei, zumindest bis auf Weiteres, möchte er ihr etwas schenken, die Arie des Tamino, Zauberflöte, Mozart, Köchelverzeichnis 620, denn anderes habe er nicht zu bieten, sagt Dario Negrotti, achtundvierzig, Konditor-Confiseur bei der Migros, schwul, zwei Kinder, verliebt, er steht auf, reibt an der Hose die Hände trocken und singt mit heller Stimme: Dies Bildnis ist bezaubernd schön, wie noch kein Auge je gesehn. Ich fühl es, wie dies Götterbild mein Herz mit neuer Regung füllt. Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen, doch fühl ich’s hier wie Feuer brennen.

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Leserkommentare
  1. ... ausgezeichnet verfasst, stimmig!
    Nur ein wenig zu lang für eine Kaffeepause

    4 Leserempfehlungen
  2. Herzlichen Dank für diesen erbaulichen Text.

    2 Leserempfehlungen
  3. Wenn ich eine solche Geschichte lese, stelle ich mir folgende Fragen:

    Wieso hat der Mann geheiratet?
    Wieso hat die Frau diesen Mann geheiratet?
    Wieso konnte er viele Jahre mit seiner Frau eine Ehe führen und ab einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich nicht mehr?
    Was passiert mit dem Rest der Familie?

    Meistens gibt es auf keine dieser Fragen eine plausible Antwort.
    Dafür ist das Erklärungsschema typischerweise fast immer dasselbe. Ich habe es in der Überschrift zusammengefasst.

    Auch hier wieder wird das ganze Leben vor dem Coming out als fremdbstimmt dargestellt. Die Kinder, z.B. wollte natürlich die Frau. Und wie sich die übrigen beteiligten Personen fühlen bleibt sehr im Dunkel.
    Stattdessen wird lange über sich selbst nachgedacht. Wie konnte es kommen, dass ich so geworden bin, wie ich bin? (Als ob das für irgendjemanden interessant wäre.)

    "Mensch Junge: Du hast Verantwortung für eine Frau und zwei Kinder übernommen. Ist Dir das nie aufgefallen?"

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Natürlich hat ein Mensch Pflichten - tendenziell je mehr, desto älter er ist. Das wächst. Aber ich glaube, es hilft nichts, dauerhaft gegen seine Natur zu handeln. Dass es geholfen hätte, wenn "Dario" seine Rolle als Familienvater klassisch weitergespielt hätte, lässt die Geschichte seiner Ehe ja auch nicht gerade vermuten. Vielleicht hat Judith noch die Chance auf eine Beziehung, bei der "es stimmt". Insofern sehe ich das mit der Pflicht nicht so eindeutig wie Sie, Herr Wendlandt. Beide Ehepartner haben nur "ein Leben", und müssen das Beste daraus machen.

    Ob ihre Vorgeschichte fremdbestimmt war oder nicht, erscheint mir in diesem Zusammenhang gar nicht so wichtig.

    Klasse geschriebener Artikel, übrigens. 31 Jahre (ziemlich) stummes Drama in fünfzehn Leseminuten. Erinnert mich an Max Frisch. Oder ist das einfach nur Schweizerisch?

    • snoek
    • 13. November 2012 15:28 Uhr

    „Wieso hat der Mann geheiratet?
    Wieso hat die Frau diesen Mann geheiratet?
    Wieso konnte er viele Jahre mit seiner Frau eine Ehe führen und ab einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich nicht mehr?
    Was passiert mit dem Rest der Familie?“

    Werden Ihnen diese Fragen nicht irgendwann einmal langweilig? Sie haben sie oft gestellt, sie sind oft beantwortet worden, auch hier im Text. Hilft alles nüscht bei Ihnen.

    „Stattdessen wird lange über sich selbst nachgedacht. Wie konnte es kommen, dass ich so geworden bin, wie ich bin? (Als ob das für irgendjemanden interessant wäre.)“

    Ja, für Sie ist das interessant, denn durch Selbstreflektion werden die von Ihnen gestellten Fragen beantwortet. Wie sich die übrigen Personen fühlen bleibt nicht im Dunkel. Es wird von der Mutter berichtet, von der Ex-Frau und der Tochter. Wie detailliert muss es für Sie sein?

    Ihr Kommentar geht latent in die Richtung, dass der Homosexuelle schuld am Unwohlsein seiner Familie trägt. Zumindest suchen Sie nach Anhaltspunkten, die in diese Richtung weisen würden. An Homosexualität ist aber niemand schuld.

  4. [...] 

    @6 Nein, er hat Verantwortung für die Kinder und NUR für die. Die Frau ist für sich selbst verantwortlich. Und um seine Kinder kümmert er sich doch vorbildhaft, das kennt man von statistisch gesehen 80% der geschiedenen (zumeist hetero) Männer ganz anders, die hauen nämlich ab und kümemrn sich weder finanziell noch emotional um ihr eigen Fleisch und Blut. Und für die Qualität der Kindeserziehung kann der Grund des Scheiterns der Ehe ja wohl kaum ausschlaggebend sein...

    [...] Gekürzt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen und Argumenten. Danke. Die Redaktion/kvk

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