Coming-outDer Traum des Konditors
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Dario gefällt ein Mädchen, erste Liebe im fünften Stock

Weil der Großvater Bäcker-Konditor gelernt, dann aber, nach dem Tod des Urgroßvaters, die Kohlehandlung übernommen hat, lernt Dario Negrotti, siebzehn, der nichts mehr liebt als Opern, Konditor-Confiseur. Die Mutter begleitet ihn zum Bahnhof, April 1980, sie weint, Dario steigt in den Zug, sie winkt, er fährt, wandert endlich durch die Stadt Biel zur Confiserie Suter, Marktgasse 18, wo er nun Lehrling ist während dreier Jahre. Er steigt hinauf in den fünften Stock in sein kleines Zimmer und packt den schweren Koffer aus, Unterwäsche, Hemden, Schallplatten, Verdi, Mozart, Rossini, Händel, Bizet, Donizetti, Monteverdi, Salieri, Puccini, Schubert.

Savarin, verwandt mit Baba au rhum, macht er bald meisterhaft. Das trockene Gebäck aus Hefe- oder Sandkuchenteig weicht Dario in Zuckersirup auf, tränkt es in Rum, krönt es mit geschlagener Sahne.

Cavalleria rusticana von Pietro Mascagni, Pagliacci von Ruggero Leoncavallo, zwei Kurzopern, Stadttheater Bern, Samstag, 20 Uhr, 13. März 1982.

Dario gefällt ein Mädchen, erste Liebe im fünften Stock, man langweilt sich, Schluss nach drei Monaten.

Manchmal fährt Dario Negrotti, neunzehn, nach Basel ins Theater, manchmal nach Zürich ins Opernhaus, und zittert vor Glück im Gestühl.

Ist das normal?

Eigentlich will er jetzt keine Freundin mehr.

Die Abschlussprüfung, Mai 1983, besteht er mit der Note 5.4, alles gelingt, die belegten Brötchen, die Nussgipfel, die Mandelgipfel, Schnecken, Pasteten, Torten, Pralinen. Stolz reisen aus Derendingen die Eltern an und fotografieren Darios Kunst.

Und nun? Erdbeertörtchen bis an mein Ende?

Er zieht wieder ins Haus der Eltern, Kanalgasse 2, steht nachts um ein Uhr auf und fährt auf dem Rad nach Utzenstorf, arbeitet, kommt gegen Mittag zurück und legt sich ins Bett.

Ich will Schauspieler werden.

Schauspieler?, fragt die Mutter.

Singen traue ich mir nicht zu.

Wo du doch so wunderbar singst.

Dario Negrotti, zwanzig, Konditor-Confiseur, meldet sich am Konservatorium Bern zur Aufnahmeprüfung an, er übt eine Szene aus Schillers Räuber, auch Goethes Zauberlehrling, walle, walle manche Strecke, dass zum Zwecke, Wasser fließe, und mit reichem, vollem Schwalle zu dem Bade sich ergieße, und den berühmten Schlussmonolog aus Die Nashörner von Eugène Ionesco. Endlich steht er auf der Bühne, zehn, fünfzehn Menschen hängen herum, Experten, die hüsteln und warten, dass Dario, die Hände feucht und kalt, loswird, was er gelernt hat, immer wieder zu Hause in Derendingen, Kanalgasse 2, was ist meine Sprache?, ist es Deutsch, das?, es muss wohl Deutsch sein, aber was ist denn Deutsch?, man kann das Deutsch nennen, wenn man will, niemand kann es bestreiten, ich bin der Einzige, der es spricht, was sage ich?, verstehe ich mich denn?, verstehe ich mich denn?, ein Ungeheuer bin ich, ein Ungeheuer, nie werde ich Nashorn, nie, nie!

Dario versucht es auch an der Schauspielakademie Zürich, verstehe ich mich denn?, ein Ungeheuer bin ich, ein Ungeheuer, nie werde ich Nashorn, nie, nie!

Die Rekrutenschule in Wangen an der Aare, Sommer, Herbst 1983, Luftschutzsoldat Dario Negrotti liegt im Schießstand, den Finger am Abzug, er schwitzt, trifft die Scheibe nie.

Normal?

Dario Negrotti, einundzwanzig, zieht nach Mühledorf, formt Nussgipfel, Mandelgipfel, Schnecken, Kuchen, Torten, er zieht nach Basel, macht Gipfel und Kuchen, geht abends in die Oper, ins Theater, Basel, Zürich, Bern, St. Gallen, Luzern, fragt, ob man einen Kulissenschieber brauche, jemanden, der den Vorhang zieht, Kostüme bügelt, Spiegel putzt, die Bühne wischt oder irgendwas.

Wenn Sie Schreiner wären, Maler oder Schneider, tut uns leid.

Er denkt an ein Leben in Italien, im Land des Vaters, der abends, krumm von der Kohle, die er seit Jahren schleppt, am Tisch sitzt, müde, stumm.

Il barbiere di Siviglia von Gioachino Rossini, dirigiert von Claudio Abbado, La Scala, Mailand, Sonntag, 20 Uhr, 6. Januar 1985.

Wieder wohnt er jetzt im Haus der Eltern, Kanalgasse 2, 4552 Derendingen SO, es ist Fastnacht, Schmutziger Donnerstag 1985, Dario, zweiundzwanzig, lernt eine Frau kennen, Judith, Textildesignerin, sie ist schön und klug.

Ich habe eine Stelle im Tessin, flüstert er in ihren Armen.

Du gehst fort?, fragt sie.

Komm mit!

Wie lange?

Zwei Jahre, vielleicht drei. Oder für immer.

Er zieht nach Paradiso, Pasticceria Münger, Judith folgt ein halbes Jahr später und findet Arbeit in einer Papeterie, in einem Kiosk, sie fahren nach Florenz, Faust von Gounod, reisen nach Venedig, Così fan tutte, Mozart. Dario kauft jedes Opernprogramm, stapelt die Hefte sorgsam im Schrank.

Du bist, haucht er, das Beste, was mir bis jetzt passiert ist.

Wart’s ab, sagt sie und gurrt.

Sie ziehen nach Lenzburg, Kanton Aargau, wohnen in der Nähe von Judiths Eltern, sie entwirft Stoffe, er formt Gipfel und Schnecken, macht Pralinen, Kuchen, Torten, steht nachts auf, fährt zur Arbeit, kommt mittags zurück und legt sich ins Bett, möchte schlafen.

Wann heiraten wir?

Zu zweit fahren sie nach Mailand, es ist Sonntag, 5. Juni 1988, und weinen im Gestühl der Scala, La Bohème, Puccini, inszeniert von Franco Zeffirelli, oh, come è bello e morbido!, non più le mani allividite, il tepore le abbellirà ... Sei tu che me lo doni?

Dario Negrotti, achtundzwanzig, ist jetzt Vertreter der Oswald Nahrungsmittel GmbH und reist von Haus zu Haus, lobt Hühnerbouillon gekörnt, Ochsenbouillon fettfrei, Gemüsebouillon Méditerranée, Backperlen, Saucen, Suppen. Am 14. Februar 1991, unterwegs am Zürichsee, geht er über eine lange steile Treppe, die zu einem Kunden führt, Oberrieden, es ist Vormittag, Dario dreht sich zum See, um die Aussicht zu genießen, und sieht, wie helles Licht aus den Wolken fällt, ein Loch im Himmel, traumfarben, ein Bühnenbild, Die Zauberflöte vielleicht, zweiter Aufzug, letzte Szene. Es ist ein guter Tag, Dario verkauft und verkauft, Sel marin aux herbes, Pepe al Limone, Sauce Café de Paris, Salsa Pomodoro Salerno, mehr als je zuvor.

Leserkommentare
  1. ... ausgezeichnet verfasst, stimmig!
    Nur ein wenig zu lang für eine Kaffeepause

  2. Herzlichen Dank für diesen erbaulichen Text.

  3. Wenn ich eine solche Geschichte lese, stelle ich mir folgende Fragen:

    Wieso hat der Mann geheiratet?
    Wieso hat die Frau diesen Mann geheiratet?
    Wieso konnte er viele Jahre mit seiner Frau eine Ehe führen und ab einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich nicht mehr?
    Was passiert mit dem Rest der Familie?

    Meistens gibt es auf keine dieser Fragen eine plausible Antwort.
    Dafür ist das Erklärungsschema typischerweise fast immer dasselbe. Ich habe es in der Überschrift zusammengefasst.

    Auch hier wieder wird das ganze Leben vor dem Coming out als fremdbstimmt dargestellt. Die Kinder, z.B. wollte natürlich die Frau. Und wie sich die übrigen beteiligten Personen fühlen bleibt sehr im Dunkel.
    Stattdessen wird lange über sich selbst nachgedacht. Wie konnte es kommen, dass ich so geworden bin, wie ich bin? (Als ob das für irgendjemanden interessant wäre.)

    "Mensch Junge: Du hast Verantwortung für eine Frau und zwei Kinder übernommen. Ist Dir das nie aufgefallen?"

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Natürlich hat ein Mensch Pflichten - tendenziell je mehr, desto älter er ist. Das wächst. Aber ich glaube, es hilft nichts, dauerhaft gegen seine Natur zu handeln. Dass es geholfen hätte, wenn "Dario" seine Rolle als Familienvater klassisch weitergespielt hätte, lässt die Geschichte seiner Ehe ja auch nicht gerade vermuten. Vielleicht hat Judith noch die Chance auf eine Beziehung, bei der "es stimmt". Insofern sehe ich das mit der Pflicht nicht so eindeutig wie Sie, Herr Wendlandt. Beide Ehepartner haben nur "ein Leben", und müssen das Beste daraus machen.

    Ob ihre Vorgeschichte fremdbestimmt war oder nicht, erscheint mir in diesem Zusammenhang gar nicht so wichtig.

    Klasse geschriebener Artikel, übrigens. 31 Jahre (ziemlich) stummes Drama in fünfzehn Leseminuten. Erinnert mich an Max Frisch. Oder ist das einfach nur Schweizerisch?

    • snoek
    • 13. November 2012 15:28 Uhr

    „Wieso hat der Mann geheiratet?
    Wieso hat die Frau diesen Mann geheiratet?
    Wieso konnte er viele Jahre mit seiner Frau eine Ehe führen und ab einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich nicht mehr?
    Was passiert mit dem Rest der Familie?“

    Werden Ihnen diese Fragen nicht irgendwann einmal langweilig? Sie haben sie oft gestellt, sie sind oft beantwortet worden, auch hier im Text. Hilft alles nüscht bei Ihnen.

    „Stattdessen wird lange über sich selbst nachgedacht. Wie konnte es kommen, dass ich so geworden bin, wie ich bin? (Als ob das für irgendjemanden interessant wäre.)“

    Ja, für Sie ist das interessant, denn durch Selbstreflektion werden die von Ihnen gestellten Fragen beantwortet. Wie sich die übrigen Personen fühlen bleibt nicht im Dunkel. Es wird von der Mutter berichtet, von der Ex-Frau und der Tochter. Wie detailliert muss es für Sie sein?

    Ihr Kommentar geht latent in die Richtung, dass der Homosexuelle schuld am Unwohlsein seiner Familie trägt. Zumindest suchen Sie nach Anhaltspunkten, die in diese Richtung weisen würden. An Homosexualität ist aber niemand schuld.

  4. [...] 

    @6 Nein, er hat Verantwortung für die Kinder und NUR für die. Die Frau ist für sich selbst verantwortlich. Und um seine Kinder kümmert er sich doch vorbildhaft, das kennt man von statistisch gesehen 80% der geschiedenen (zumeist hetero) Männer ganz anders, die hauen nämlich ab und kümemrn sich weder finanziell noch emotional um ihr eigen Fleisch und Blut. Und für die Qualität der Kindeserziehung kann der Grund des Scheiterns der Ehe ja wohl kaum ausschlaggebend sein...

    [...] Gekürzt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen und Argumenten. Danke. Die Redaktion/kvk

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