Am Abend steht Judith neben der Tür, Lenzburg, Murackerstrasse 12.

Dein Vater, sagt sie, heute Vormittag ist er gestorben.

Zur Hochzeit mieten sie einen Nauen auf dem Zugersee, 29. Juni 1991, und fahren nach der Trauung hinüber zum Baumgarten, eine Kapelle spielt auf, Geige, Gitarre, Cello, man isst Trois filets, Rind, Kalb, Schwein, feiert und tanzt bis in die Nacht.

Die Mutter sagt: Dein Papa sitzt neben uns.

Hochzeitsreise nach Sizilien, vier Wochen, Aida von Verdi, Teatro Greco di Siracusa, Judith ist schwanger und trinkt keinen Wein.

Warum bist du nie eifersüchtig?

Möchtest du, dass ich es wäre?, fragt er.

Vielleicht!, sagt sie.

Jetzt singt Dario Negrotti im katholischen Kirchenchor, probt jeden Dienstagabend von acht bis zehn Uhr, eilt dann nach Hause zu Judith. Sie richtet das Kinderzimmer ein, kauft ein Bettchen, kauft Kleidchen, eine Waage, Windeln, Spielsachen, im Geburtsvorbereitungskurs liegt Dario an Judiths Seite und atmet mit ihr.

Sie flüstert: Wie kann man nur so glücklich sein!

Am 28. März 1992 reißt die Plazenta, Blut schießt aus Judiths Leib, fleischige Fetzen, Dario rennt zum Telefon, sieht den Zettel nicht, der vor ihm an der Wand hängt, darauf die Nummer des Spitals.

Luca, 4140 Gramm, 53 Zentimeter.

Eine Stunde lang, allein in einem hellen Zimmer, hält er das Kind in den Armen.

Es singt im Bauch.

Dario Negrotti, dreißig, wechselt die Stelle, wird Vertreter der Alipro AG, Halbfabrikate für Bäckereien und Konditoreien. Einen schmalen Koffer in der Hand, reist er durchs Schweizer Mittelland, preist Fruchtlinien, Backmassen, Nussfüllungen.

Du siehst müde aus, sagt Judith.

Was ist los mit dir?, fragt Judith.

Nichts!, sagt Dario.

Ich möchte ein zweites Kind, sagt sie.

Le nozze di Figaro.

Otello.

Ekle ich dich?, fragt Judith.

Manchmal, im Firmenwagen unterwegs, passiert er einen Wald, Autos stehen dort, Männer darin.

Der fliegende Holländer.

Manchmal, in Basel oder Zürich, das Köfferchen in der Hand, kommt er an einer Bar vorbei, Männer hinter der Tür.

Was ist los mit mir?

Sie ziehen nach Seengen ins Haus von Judiths Eltern, Oberdorfstrasse 11, erster Stock, fünf Zimmer, unten die Eltern, oben der Bruder.

Im Garten Rosen.

Stella, 3900 Gramm, 52 Zentimeter, 28. Januar 1995.

Tosca, Puccini.

Manchmal, im Firmenwagen unterwegs, passiert Dario Negrotti einen Wald, Autos stehen dort, Männer darin, er fährt langsamer.

Er hält nicht an.

Hält nie an.

Judith stillt Stella, Dario bringt den Müll vors Haus, Judith kocht Biologisches, Dario spielt mit Luca.

Und wenn ich doch anhielte?

Dir geht es nicht gut, sagt Judith.

Das geht vorbei, sagt Dario.

Bist du krank?

Nur müde.

Hol Hilfe, sagt sie.

Was für Hilfe?

Weil er die obligatorische Schießpflicht, zwanzig Schüsse im Jahr, vergisst und schließlich verweigert, muss er drei Tage ins Gefängnis.

Dario lobt Mandelmasse weich, Mandelmasse fest, Backmasse braun, Backmasse weiß, Streusel dunkel, Streusel weiß, Streusel hell, Streusel mittel.

Und hält nie an.

Judith sagt: Ich liebe dich, hol Hilfe.

Viermal fährt er nach Baden und setzt sich, die Hände feucht, zu einer Psychologin, erzählt von seinem Vater, der oft am Tisch saß, ein Glas vor sich, und weinte oder lärmte. Und dann schwieg, sobald der Großvater kam, dessen Säcke er trug, treppauf, treppab, dreizehn Stunden am Tag, ein Leben lang.

Einmal, in der dritten oder vierten Klasse, im Rechnen, hatten wir die Lösungen des Banknachbarn zu prüfen, ein Mädchen kontrollierte meine, ich ihre. Und als sie merkte, dass alles, was ich gerechnet hatte, falsch war, stand sie auf und brachte mein Heft dem Lehrer. Der sah es kurz an, holte aus und schlug seine Hand dem Mädchen ins Gesicht, so wütend, dass sie hinfiel und schrie. Er dachte wohl, das Heft und die Fehler darin gehörten ihr. Und ich saß da in der Bank, wartete, dass das Mädchen die Wahrheit verriet, ich wartete und schwieg und schwieg, sagte kein Wort, hatte nur Angst, ein Loch im Bauch.