Coming-out : Der Traum des Konditors
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Ein Schwein, ein Schwein bin ich, ein Schwein

Dario Negrotti, dreiunddreißig, wird wieder Konditor-Confiseur, arbeitet drei Monate in Beinwil am See, dann zwei Jahre in Reinach, Aargau, steht nachts um ein Uhr auf, kommt mittags zurück, legt sich hin, steht auf, spielt mit den Kindern, legt sich hin, wechselt schließlich in die Bäckerei der Migros.

Ein Schwein, ein Schwein bin ich, ein Schwein, ein mieses dreckiges Schwein.

Manchmal, wenn Judith mit den Kindern unterwegs ist, setzt er sich vor den Computer, www.gayromeo.com, öffnet die Hose, verwischt dann die Spuren, Dateien löschen, Cookies löschen, Verlauf löschen, Formulare löschen, Kennwörter löschen.

Judith gießt Blumen, Dario schnürt Altpapier, Judith trifft Freundinnen, Dario spielt mit den Kindern.

Kirchenchor am Dienstagabend.

Wann hast du mich zum letzten Mal gestreichelt?, fragt Judith und versucht zu lachen.

Dann streichelt er.

Bevor Dario Negrotti aus dem Haus geht, horcht er, ob jemand im Flur steht. Steht einer dort, Judiths Vater oder ihr Bruder, schließt er die Tür und wartet.

Luca, verdammt noch mal, spring nicht ständig über Opas Rosenbeet!

Das macht doch nichts, sagt Judith.

Trotzdem!

Was ist nur los mit dir?

Nichts!

Wie war die Schulreise?, fragt Dario seinen Sohn.

Ganz lustig, antwortet Judith.

Sommers fährt die Familie nach Italien, nimmt in Ancona die Fähre und reist hinüber nach Griechenland, schlägt das Zelt auf, Peloponnes, leichte Tage am Meer. Manchmal, wenn Judith es nicht sieht, schaut Dario Männern hinterher.

An einem Sonntag im März 2005, das Essen steht auf dem Tisch, Dario neben Stella, Judith neben Luca, 5707, Seengen AG, Oberdorfstrasse 11, erster Stock, sagt Judith: Ich kann nicht mehr.

Endlich stehen die Kinder auf, zehn und dreizehn Jahre alt, gehen in ihre Zimmer, Dario hört sie weinen.

Lass uns reden, sagt er.

Worüber?, sagt sie.

Dario Negrotti, zweiundvierzig, klopft an die Tür seiner Kinder: Ich gehe spazieren, kommt ihr mit?

Zu dritt spazieren sie über das weite flache Feld nach Egliswil, ein Sonntag im März, es regnet, Dario sagt: So ernst meint die Mama das nicht.

Judith schläft jetzt im Zimmer der Tochter.

Tu das nicht! Lass uns reden, Judith, lass uns retten, was zu retten ist, lass uns wegziehen, irgendwohin, und dort fangen wir neu an.

Eheberatung in Aarau, drei Mal, vier Mal, fünf Mal.

Judith schläft wieder neben Dario.

Ein kalter Kuss.

Wir fangen neu an, irgendwo, sagt er.

Ich kann nicht mehr, sagt sie.

www.gayromeo.com

Es ist niemand im Haus, als Dario Negrotti, dreiundvierzig, am 31. Mai 2006 seine Familie verlässt, Mittwoch, Oberdorfstrasse 11. Er lädt einen Koffer ins Auto, darin seine Kleider, er nimmt die Musikanlage mit, die Schallplatten, die CDs, die Programmhefte, drei Tassen mit goldenem Rand, die er einst auf einem Flohmarkt kaufte, ein paar Bücher, Die Nashörner, ein Ungeheuer bin ich, ein Ungeheuer, nie werde ich Nashorn, nie, nie!

Das alte Haus, in das er zieht, steht auf einem Hügel, umgeben von niedrigem Buchs, nachts knarren die Balken, die Bretter, oft sitzt er in der dunklen Küche, erhellt von einer Kerze, und weint.

In der Familie ein Versager, im Beruf ein Langweiler, eine Null, eine feige schwule Null.

Luca und Stella kommen alle zwei Wochen, Dario kocht, er schickt Geld, 1850 Franken im Monat, nachts steht er um ein Uhr auf, fährt zur Großbäckerei der Migros, formt Gipfel, Kuchen, Torten, kommt um elf nach Hause, legt sich hin und schläft.

Oft sitzt er am Tisch in der kleinen dämmrigen Küche.

Soll ich?

Soll ich?

Er zittert, als er in Die Männerzone tritt, Kernstrasse 57, Zürich, es ist warm und dunkel da drin, laut, sie schauen und mustern, Dario stellt sich an den Tresen und schweigt, trinkt Wasser und schweigt, geht wieder, fährt nach Hause.

Ich kann das nicht.

Nicht einmal das.

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Dario Negrotti, vierundvierzig, Konditor-Confiseur, fährt zu ihm nach Hause, die Hände feucht und kalt.

Er sagt: Es ist mein erstes Mal.

Kein Problem, sagt der Mann und küsst ihn.

Kirchenchor am Dienstagabend.

Luca und Stella alle zwei Wochen.

Wieder sitzt er am Tisch in seiner dunklen kleinen Küche, eine Kerze vor sich.

Nachts knarren die Balken, die Bretter.

Soll ich?

Wenn, dann in der Badewanne.

Den Schlüssel zum Haus könnte ich, bevor ich es tue, der Polizei schicken oder dem Spital.

Mit einem Brief, wo ich liege.

Damit mich nicht die Kinder finden.

Kommentare

26 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Ein Kleinod

Dieser Artikel ist ein Kleinod im deutschen Journalismus. Der Text ist sehr eigenwillig (so der Stil von E. Koch), aber gerade dieser Text zieht den Leser hinein. Ich war beim Ende zu Tränen gerührt. Die Dimensionen eines falschen Lebens werden sehr fein, sehr fragil verständlich. Toller Text. Vielen Dank, Herr Koch!

Fatale Künstlichkeit

Mir hat der Text überhaupt nicht gefallen: ein stilistisch allzu offensichtliches "Anders sein wollen" könnte Menschen, die das Thema möglicherweise insbesondere auch aus eigener leidvoller Erfahrung interessiert, eher davon abhalten, sich diesen Text in seiner "gespreizten Künstlichkeit" zu eigen zu machen, denke ich.