Coming-outDer Traum des Konditors
Seite 4/5:

Ein Schwein, ein Schwein bin ich, ein Schwein

Dario Negrotti, dreiunddreißig, wird wieder Konditor-Confiseur, arbeitet drei Monate in Beinwil am See, dann zwei Jahre in Reinach, Aargau, steht nachts um ein Uhr auf, kommt mittags zurück, legt sich hin, steht auf, spielt mit den Kindern, legt sich hin, wechselt schließlich in die Bäckerei der Migros.

Ein Schwein, ein Schwein bin ich, ein Schwein, ein mieses dreckiges Schwein.

Manchmal, wenn Judith mit den Kindern unterwegs ist, setzt er sich vor den Computer, www.gayromeo.com, öffnet die Hose, verwischt dann die Spuren, Dateien löschen, Cookies löschen, Verlauf löschen, Formulare löschen, Kennwörter löschen.

Judith gießt Blumen, Dario schnürt Altpapier, Judith trifft Freundinnen, Dario spielt mit den Kindern.

Kirchenchor am Dienstagabend.

Wann hast du mich zum letzten Mal gestreichelt?, fragt Judith und versucht zu lachen.

Dann streichelt er.

Bevor Dario Negrotti aus dem Haus geht, horcht er, ob jemand im Flur steht. Steht einer dort, Judiths Vater oder ihr Bruder, schließt er die Tür und wartet.

Luca, verdammt noch mal, spring nicht ständig über Opas Rosenbeet!

Das macht doch nichts, sagt Judith.

Trotzdem!

Was ist nur los mit dir?

Nichts!

Wie war die Schulreise?, fragt Dario seinen Sohn.

Ganz lustig, antwortet Judith.

Sommers fährt die Familie nach Italien, nimmt in Ancona die Fähre und reist hinüber nach Griechenland, schlägt das Zelt auf, Peloponnes, leichte Tage am Meer. Manchmal, wenn Judith es nicht sieht, schaut Dario Männern hinterher.

An einem Sonntag im März 2005, das Essen steht auf dem Tisch, Dario neben Stella, Judith neben Luca, 5707, Seengen AG, Oberdorfstrasse 11, erster Stock, sagt Judith: Ich kann nicht mehr.

Endlich stehen die Kinder auf, zehn und dreizehn Jahre alt, gehen in ihre Zimmer, Dario hört sie weinen.

Lass uns reden, sagt er.

Worüber?, sagt sie.

Dario Negrotti, zweiundvierzig, klopft an die Tür seiner Kinder: Ich gehe spazieren, kommt ihr mit?

Zu dritt spazieren sie über das weite flache Feld nach Egliswil, ein Sonntag im März, es regnet, Dario sagt: So ernst meint die Mama das nicht.

Judith schläft jetzt im Zimmer der Tochter.

Tu das nicht! Lass uns reden, Judith, lass uns retten, was zu retten ist, lass uns wegziehen, irgendwohin, und dort fangen wir neu an.

Eheberatung in Aarau, drei Mal, vier Mal, fünf Mal.

Judith schläft wieder neben Dario.

Ein kalter Kuss.

Wir fangen neu an, irgendwo, sagt er.

Ich kann nicht mehr, sagt sie.

www.gayromeo.com

Es ist niemand im Haus, als Dario Negrotti, dreiundvierzig, am 31. Mai 2006 seine Familie verlässt, Mittwoch, Oberdorfstrasse 11. Er lädt einen Koffer ins Auto, darin seine Kleider, er nimmt die Musikanlage mit, die Schallplatten, die CDs, die Programmhefte, drei Tassen mit goldenem Rand, die er einst auf einem Flohmarkt kaufte, ein paar Bücher, Die Nashörner, ein Ungeheuer bin ich, ein Ungeheuer, nie werde ich Nashorn, nie, nie!

Das alte Haus, in das er zieht, steht auf einem Hügel, umgeben von niedrigem Buchs, nachts knarren die Balken, die Bretter, oft sitzt er in der dunklen Küche, erhellt von einer Kerze, und weint.

In der Familie ein Versager, im Beruf ein Langweiler, eine Null, eine feige schwule Null.

Luca und Stella kommen alle zwei Wochen, Dario kocht, er schickt Geld, 1850 Franken im Monat, nachts steht er um ein Uhr auf, fährt zur Großbäckerei der Migros, formt Gipfel, Kuchen, Torten, kommt um elf nach Hause, legt sich hin und schläft.

Oft sitzt er am Tisch in der kleinen dämmrigen Küche.

Soll ich?

Soll ich?

Er zittert, als er in Die Männerzone tritt, Kernstrasse 57, Zürich, es ist warm und dunkel da drin, laut, sie schauen und mustern, Dario stellt sich an den Tresen und schweigt, trinkt Wasser und schweigt, geht wieder, fährt nach Hause.

Ich kann das nicht.

Nicht einmal das.

www.gayromeo.com

Suchst du deinen Traumprinzen? Oder einfach geile Kerle zum Druck ablassen? Mit unserer umfangreichen Suche findet hier jeder Topf seinen Deckel.

Dario Negrotti, vierundvierzig, Konditor-Confiseur, fährt zu ihm nach Hause, die Hände feucht und kalt.

Er sagt: Es ist mein erstes Mal.

Kein Problem, sagt der Mann und küsst ihn.

Kirchenchor am Dienstagabend.

Luca und Stella alle zwei Wochen.

Wieder sitzt er am Tisch in seiner dunklen kleinen Küche, eine Kerze vor sich.

Nachts knarren die Balken, die Bretter.

Soll ich?

Wenn, dann in der Badewanne.

Den Schlüssel zum Haus könnte ich, bevor ich es tue, der Polizei schicken oder dem Spital.

Mit einem Brief, wo ich liege.

Damit mich nicht die Kinder finden.

Leserkommentare
  1. ... ausgezeichnet verfasst, stimmig!
    Nur ein wenig zu lang für eine Kaffeepause

  2. Herzlichen Dank für diesen erbaulichen Text.

  3. Wenn ich eine solche Geschichte lese, stelle ich mir folgende Fragen:

    Wieso hat der Mann geheiratet?
    Wieso hat die Frau diesen Mann geheiratet?
    Wieso konnte er viele Jahre mit seiner Frau eine Ehe führen und ab einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich nicht mehr?
    Was passiert mit dem Rest der Familie?

    Meistens gibt es auf keine dieser Fragen eine plausible Antwort.
    Dafür ist das Erklärungsschema typischerweise fast immer dasselbe. Ich habe es in der Überschrift zusammengefasst.

    Auch hier wieder wird das ganze Leben vor dem Coming out als fremdbstimmt dargestellt. Die Kinder, z.B. wollte natürlich die Frau. Und wie sich die übrigen beteiligten Personen fühlen bleibt sehr im Dunkel.
    Stattdessen wird lange über sich selbst nachgedacht. Wie konnte es kommen, dass ich so geworden bin, wie ich bin? (Als ob das für irgendjemanden interessant wäre.)

    "Mensch Junge: Du hast Verantwortung für eine Frau und zwei Kinder übernommen. Ist Dir das nie aufgefallen?"

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Natürlich hat ein Mensch Pflichten - tendenziell je mehr, desto älter er ist. Das wächst. Aber ich glaube, es hilft nichts, dauerhaft gegen seine Natur zu handeln. Dass es geholfen hätte, wenn "Dario" seine Rolle als Familienvater klassisch weitergespielt hätte, lässt die Geschichte seiner Ehe ja auch nicht gerade vermuten. Vielleicht hat Judith noch die Chance auf eine Beziehung, bei der "es stimmt". Insofern sehe ich das mit der Pflicht nicht so eindeutig wie Sie, Herr Wendlandt. Beide Ehepartner haben nur "ein Leben", und müssen das Beste daraus machen.

    Ob ihre Vorgeschichte fremdbestimmt war oder nicht, erscheint mir in diesem Zusammenhang gar nicht so wichtig.

    Klasse geschriebener Artikel, übrigens. 31 Jahre (ziemlich) stummes Drama in fünfzehn Leseminuten. Erinnert mich an Max Frisch. Oder ist das einfach nur Schweizerisch?

    • snoek
    • 13. November 2012 15:28 Uhr

    „Wieso hat der Mann geheiratet?
    Wieso hat die Frau diesen Mann geheiratet?
    Wieso konnte er viele Jahre mit seiner Frau eine Ehe führen und ab einem bestimmten Zeitpunkt plötzlich nicht mehr?
    Was passiert mit dem Rest der Familie?“

    Werden Ihnen diese Fragen nicht irgendwann einmal langweilig? Sie haben sie oft gestellt, sie sind oft beantwortet worden, auch hier im Text. Hilft alles nüscht bei Ihnen.

    „Stattdessen wird lange über sich selbst nachgedacht. Wie konnte es kommen, dass ich so geworden bin, wie ich bin? (Als ob das für irgendjemanden interessant wäre.)“

    Ja, für Sie ist das interessant, denn durch Selbstreflektion werden die von Ihnen gestellten Fragen beantwortet. Wie sich die übrigen Personen fühlen bleibt nicht im Dunkel. Es wird von der Mutter berichtet, von der Ex-Frau und der Tochter. Wie detailliert muss es für Sie sein?

    Ihr Kommentar geht latent in die Richtung, dass der Homosexuelle schuld am Unwohlsein seiner Familie trägt. Zumindest suchen Sie nach Anhaltspunkten, die in diese Richtung weisen würden. An Homosexualität ist aber niemand schuld.

  4. [...] 

    @6 Nein, er hat Verantwortung für die Kinder und NUR für die. Die Frau ist für sich selbst verantwortlich. Und um seine Kinder kümmert er sich doch vorbildhaft, das kennt man von statistisch gesehen 80% der geschiedenen (zumeist hetero) Männer ganz anders, die hauen nämlich ab und kümemrn sich weder finanziell noch emotional um ihr eigen Fleisch und Blut. Und für die Qualität der Kindeserziehung kann der Grund des Scheiterns der Ehe ja wohl kaum ausschlaggebend sein...

    [...] Gekürzt. Bitte belegen Sie Ihre Behauptungen mit entsprechenden Quellen und Argumenten. Danke. Die Redaktion/kvk

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Models present creations from the Felder & Felder Autumn/Winter 2013 collection during London Fashion Week, February 15, 2013. REUTERS/Olivia Harris (BRITAIN - Tags: FASHION)

    Vom Rand des Laufstegs

    Aktuelle Berichte von den Schauen in New York, London, Mailand, Paris und Berlin auf ZEIT ONLINE

    • Kochblog: Nachgesalzen

      Nachgesalzen

      Die Meisterköche Karl-Josef Fuchs, Jürgen Koch und Christian Mittermeier verraten ihre Tipps und Tricks

      • : Hinter der Hecke

        Hinter der Hecke

        Eine Schrebergarten-Kolonie ist ein eigener Kosmos. Unser Kolumnist Ulrich Ladurner erforscht ihn und seine Bewohner mit Demut, Feinsinn und Humor.

        • ZEITmagazin: Heiter bis glücklich

          Heiter bis glücklich

          Oft sind es die einfachen Dinge, die uns heiter bis glücklich stimmen. Im "Heiter bis glücklich"-Blog stellt die ZEITmagazin-Redaktion täglich ihre Entdeckungen vor.

          Service