Eine Frau, Kollegin in der Bäckerei, lacht Dario ins Gesicht, sie berührt seinen Arm, Dario schreckt zurück, sie sei, sagt sie endlich, ein bisschen verliebt in ihn.

Du bist doch solo?, fragt sie.

Das schon!

Aber schwul oder was?, lacht die Frau.

Und Dario lacht mit.

Am nächsten Tag, nach schlafloser Nacht, ruft er sie an:

Renata, du bist, abgesehen von ein paar Kerlen, der erste Mensch, der es erfährt. Ich bin schwul.

Kirchenchor am Dienstag, die Kinder alle zwei Wochen.

Dario Negrotti schmerzt der Kopf, manchmal der Bauch, das Bein, er geht zum Arzt, lässt prüfen, das Blut, das Herz, die Lunge, die Augen, den Kreislauf, den Rücken, körperlich, sagt der Arzt, sei, so weit er sehe, alles in Ordnung, aber sonst? Er gibt ihm einen Zettel, darauf die Nummer einer Psychologin.

An einem Samstag, 2009, reist er nach Derendingen, das Dorf der frühen Jahre, Darios Bruder hat Geburtstag, auch die Mutter ist dort, die zwei Schwestern, Dario erzählt, neulich sei er beim Arzt gewesen, alles in Ordnung, und der Bruder, zwei Jahre älter, scherzt, um das zu erfahren, brauche man doch nur in den Spiegel zu schauen, Dario lärmt: Deine Sprüche, ich habe sie noch nie ertragen.

Er übernachtet im Haus der Mutter, Kanalgasse 2, sitzt am Tisch, an dem der Vater einst saß und schwieg oder lärmte, und die Mutter fragt: Bub, was ist nur los mit dir?

Jetzt heult Dario Negrotti, sechsundvierzig, und schluchzt, dass es ihn schüttelt, er wimmert und schnäuzt, kann nicht reden, eine halbe Stunde lang.

Mami, ich bin schwul.

Sie steht auf, nimmt den Sohn in ihre Arme und sagt: Dann mach, dass du glücklich wirst.

Immer wieder setzt er sich ins Zimmer der Psychologin und zieht sein Leben aus.

Einmal, in der sechsten Klasse, befahl mich der Lehrer zur Wandtafel. Wir übten das Dividieren. Und ich machte einen Fehler, machte ihn zweimal, dreimal. Da traf mich von hinten seine Hand, mein Kopf schlug gegen die Tafel, eine rote Beule auf der Stirn. Zu Hause fragte die Mutter: Was ist passiert? Und ich sagte: Nichts, hab mich blöd gestoßen.

Was, Herr Negrotti, ist Ihre älteste Erinnerung?

Wir, Vater, Mutter, die ganze Familie, wir sitzen im Zug nach Venetien, unterwegs ins Dorf des Vaters, es ist Morgen, und wir gehen in den Speisewagen und warten und warten, und dann trägt der Kellner etwas auf, was ich noch nie gesehen habe, kleine weiße harte Kunstwerke, Butterröllchen.

Bleich sitzt Dario am Tisch, Judith ist gekommen, um die Scheidung zu bereden: Judith, leg die Akten weg, ich muss dir etwas sagen.

Du zitterst ja, sagt sie.

Dann lacht sie und erschrickt, dass sie lacht.

Du und schwul?

Ja.

Seit wann?

Vielleicht schon immer.

Seit wann weißt du es?

Eigentlich schon lange.

Und warum sagst du mir das erst jetzt?

Weil ich dich nicht verlieren wollte.

Mich oder die Kinder?, fragt sie.

Euch alle, meinen Lebenstraum, sagt Dario Negrotti.

Scheidung durch das Bezirksgericht Lenzburg, kein Streit, kein Anwalt, Aktenzeichen EO2010 166, 10. September 2010.

Stella sagt: Auch wenn du jetzt schwul bist, Paps, ich habe dich trotzdem lieb.

Am 1. Januar 2011, Neujahr, lädt Dario Negrotti einen Fremden ins Haus auf dem Hügel, gayromeo.com, Dario öffnet die alte schwere Tür:

Das ist er.

Bevor René, auch geschieden, auch zwei Kinder, für zehn Tage nach Frankreich verreist, Februar 2011, schenkt Dario ihm eine rote Rose. René bittet Dario, die Rose, während er fort sei, zu pflegen. Als sie zu welken beginnt, hängt Dario sie zum Trocknen auf und schenkt sie René, kaum zurück, ein zweites Mal.

René legt sie neben das Bett.

Erst jetzt, flüstert Dario in seinen Armen, merke ich, dass möglich ist, was Opern auf die Bühne bringen, Leidenschaft, Wahnsinn, Eifersucht.

Bist du wahnsinnig?, fragt René.

Noch nicht, sagt Dario.

Aber?

Eifersüchtig!

Und wie geht es Ihnen heute?, fragt die Psychologin, 28. März 2011.

Heute! Weil er heute so glücklich sei, zumindest bis auf Weiteres, möchte er ihr etwas schenken, die Arie des Tamino, Zauberflöte, Mozart, Köchelverzeichnis 620, denn anderes habe er nicht zu bieten, sagt Dario Negrotti, achtundvierzig, Konditor-Confiseur bei der Migros, schwul, zwei Kinder, verliebt, er steht auf, reibt an der Hose die Hände trocken und singt mit heller Stimme: Dies Bildnis ist bezaubernd schön, wie noch kein Auge je gesehn. Ich fühl es, wie dies Götterbild mein Herz mit neuer Regung füllt. Dies Etwas kann ich zwar nicht nennen, doch fühl ich’s hier wie Feuer brennen.