RuhrgebietIn der Grauzone

James Bond ist in Wattenscheid geboren. Wie er wurde, was er ist: Nachforschungen im Ruhrgebiet. von Markus Brügge

Hier muss es gewesen sein, im Schatten der mächtigen Sandsteinkirche. Hier muss er gespielt haben, in kurzen Hosen, mit den anderen Jungs: Bond. James Bond. Hier wird er Murmeln geflitscht haben, bis die Nonnen ihn zurück in den Kindergarten riefen: »James, kommse getz rein, oda wat?!«

Falls jemand sich wundert, warum die Nonnen Ruhrpottdialekt sprachen: Der kleine James wurde nicht im Vereinigten Königreich geboren. Seine Wiege stand in – Wattenscheid. Der britischste aller Briten ist ein Sohn des Ruhrgebiets, ein Kraut. So jedenfalls will es die fiktive Bond-Biografie von John Pearson. Der Autor war ein Freund und Mitarbeiter von Bond-Erfinder Ian Fleming. Und weil Fleming mit biografischen Details zu 007 ziemlich geknausert hatte, dichtete Pearson dem Geheimagenten 1973 einen umfangreichen Lebenslauf auf den durchtrainierten Leib. Dazu gehörte auch der Geburtsort Wattenscheid: Laut Pearson sollte James’ Vater Andrew im Auftrag einer britischen Besatzungsbehörde den Krupp-Konzern zerschlagen, und so wohnte die Familie fünf Jahre in Wattenscheid. Am 11. November 1920 brachte Monique Bond, geborene Delacroix, hier ihren Sohn zur Welt.

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Es muss eine strenge Kindheit gewesen sein. Andrew Bond war Brigadegeneral – ein militärisch-knapper Mann, der großen Wert auf Disziplin gelegt haben dürfte. Am nächsten kamen seinen Vorstellungen vermutlich die Erziehungsmethoden katholischer Nonnen. »Man hatte immer mal wieder ein Pflaster auf dem Mund kleben«, erinnert sich Heinz-Werner Kessler an seine Zeit im Kindergarten St. Gertrud von Brabant. Kessler, heute Gymnasiallehrer kurz vor der Pensionierung, ist Erster Vorsitzender des Wattenscheider Heimat- und Bürgervereins und kennt sich bestens aus mit der Geschichte seiner Stadt.

Um die Jahrhundertwende boomte Wattenscheid regelrecht: Durch Kohleabbau war die Kleinstadt zu Reichtum und vielen neuen Bewohnern gelangt, die in der Bergarbeitersiedlung lebten. Vom Kindergarten aus konnte der kleine James Bond den Förderturm der Zeche »Holland« sehen – und bestimmt nutzte er das Zechengelände auch als Abenteuerspielplatz. »Die Polizei hat immer wieder Jungs verscheucht, die sich dort illegal herumtrieben«, erzählt Heinz-Werner Kessler. Ein ideales Training für die zahllosen Verfolgungsjagden, die sich der erwachsene Bond dann mit Schurken lieferte.

Der Bergbau prägte die Stadt nicht nur, er färbte sie auch: »Damals war die Luft ständig voller Rußpartikel, die sich überall ablagerten.« Baute Klein Bond einen Schneemann, war der binnen kürzester Zeit grau. So lernte James, dass die Welt meist weder schwarz noch weiß ist – und hatte später wenig Skrupel, sich mit seinen Spionagemethoden selbst in Grauzonen zu bewegen.

Der Umgang mit Einheimischen könnte es gewesen sein, der 007 den etwas rauen, für einen Briten eher untypischen Charme verlieh. Den harten, aber herzlichen Ton kann man heute zum Beispiel in Pütz Bierstuben erleben, unweit von James’ einstigem Kindergarten. Dort sitzen Heinz und Dieter bei Pils und Korn und erinnern sich an ihre wilde Kindheit. »Andauernd waren wir draußen auffe Straße, pöhlen«, erzählt Dieter und meint damit Fußball spielen. Pearsons Biografie erwähnt, dass der junge Bond obendrein recht rauflustig gewesen sei und immer wieder Wattenscheider Jungs zum Kampf aufgefordert habe. Vielleicht mit einem herzhaften »Wat willze?! Ein’ auffe Fresse?!«.

Dabei stand sein Elternhaus eigentlich in einer noblen Gegend – hochherrschaftlich, schreibt John Pearson, habe die Familie gewohnt. Es ist anzunehmen, dass James’ Kinderzimmer ins Grüne wies, denn die höchste Villendichte hat in Wattenscheid die Parkstraße: Im Schatten einer Kastanienallee stehen schmucke Bauten aus der Kaiserzeit mit kunstvoll geschmiedeten Gartenzäunen und sandsteinernen Rosen am Giebel, einige ziert sogar ein Wappen. Hier sieht der Ort am wenigsten nach Ruhrpott aus, und die Autos in den Einfahrten sind groß und teuer.

Während man so durch die Wattenscheider Parkstraße läuft, gleitet plötzlich ein nachtschwarzer Jaguar vorbei – und ein Verdacht keimt auf: Wo steckt James Bond eigentlich heute? In Flemings letztem Roman ist er am Ende verschollen. Doch wer sagt, dass 007, amtsmüde und in seinen frühen Vierzigern, den eigenen Tod nicht nur vortäuschte?

Etliche Indizien sprechen dafür, dass er sich damals in seine Geburtsstadt absetzte: So hat der örtliche Kampfsportverein Okinawa-te schon 50 Mal die deutsche Karate-Meisterschaft gewonnen. 50 Mal! Wie sollte das möglich sein ohne Bond als Trainer, der mit allen Nahkampftechniken bestens vertraut war? Der Blick ins lokale Telefonbuch erhärtet den Verdacht: Einen Bond, James, gibt es zwar nicht – sehr wohl aber einen Nikolaj Bondarenko. Von Liebesgrüße aus Moskau inspiriert, scheint 007 sich einen neuen Namen zugelegt zu haben.

Weitgehend unbehelligt verbringt James Bond, inzwischen 92 Jahre alt, so seinen Lebensabend gemütlich in Wattenscheid. Allerdings: Falls der betagte Herr seinen neuesten Film sehen will, muss er sich auf die beschwerliche Reise nach Bochum machen. Das einzige Kino in Wattenscheid hat Skyfall nicht im Programm. Sondern die Feuerzangenbowle mit Heinz Rühmann.

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Leserkommentare
  1. Vielleicht hätte John Pearson sich den letzten Bondfilm ansehen sollen, dort wird anderes über Bonds Herkunft erzählt...

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    Da hätte der gute Herr Pearson aber ein ziemlich guter Hellseher sein müssen. Oder der MI6 eine Zeitmaschine - selbstverständlich mit eingebauten Martini-Schüttler - haben müssen.

    Zitat:
    "Und weil Fleming mit biografischen Details zu 007 ziemlich geknausert hatte, dichtete Pearson dem Geheimagenten 1973(!) einen umfangreichen Lebenslauf auf den durchtrainierten Leib."

  2. Da hätte der gute Herr Pearson aber ein ziemlich guter Hellseher sein müssen. Oder der MI6 eine Zeitmaschine - selbstverständlich mit eingebauten Martini-Schüttler - haben müssen.

    Zitat:
    "Und weil Fleming mit biografischen Details zu 007 ziemlich geknausert hatte, dichtete Pearson dem Geheimagenten 1973(!) einen umfangreichen Lebenslauf auf den durchtrainierten Leib."

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