Sachbuch "Vermächtnis"Alt und klug

Was kann der Westen von traditionellen Gesellschaften lernen? Jared Diamond, Autor des Bestsellers "Kollaps", stellt sein neues Buch "Vermächtnis" vor. Eine Begegnung. von 

© S. Fischer Verlag

Ein bärtiger, halb nackter Mann sitzt auf dem Boden und weint bitterlich. Die Augen suchen in der Verzweiflung nach Hilfe, der Mund steht vor Entsetzen weit offen, etwas Grauenerregendes muss ihm gerade erschienen sein. Das Foto, das ihn zeigt, ist im Jahr 1933 entstanden, als dieser Mann aus dem Hochland Neuguineas zum ersten Mal in seinem Leben einen Europäer sah, der ihn soeben, wie man sagt, »entdeckte«. Ihn und eine Million weiterer Menschen, die bisher mit Steinäxten und Vogelfederschmuck durchs kurze Leben gekommen waren. Und die 1.000 verschiedene Sprachen sprachen, zum Teil weiter voneinander entfernt als etwa Russisch und Deutsch.

Jared Diamond, der Autor des Buchs Vermächtnis, in dem das Foto des Weinenden abgebildet ist, sitzt nun sehr gerade auf einem Biedermeiersofa in Berlin und erzählt. Der zierliche alte Herr mit dem sorgfältig gepflegten Bart trägt eine Art roten Janker mit einem leicht bayerischen Flair, der gut zu Diamonds Studienzeit in München passt. Er will den Blick auf das Lernen von Gesellschaften lenken: Die Szene dieser »Entdeckung« habe sich sozusagen gestern erst zugetragen, in allerjüngster Vergangenheit, nur einen historischen Augenblick vom Heute entfernt. Noch gibt es lebende Zeugen, die berichten können, wie es war, »entdeckt« zu werden, Diamond kennt sie persönlich. Einige seiner Freunde, erzählt er im Buch, hätten, noch zehn Jahre bevor sie ihm begegnet seien, die letzten Steinäxte hergestellt.

Anzeige

Der Geograf, Evolutionsbiologe und Anthropologe, der als Professor in Los Angeles lehrt, seit Jahrzehnten ein Kenner der traditionellen Gesellschaften nicht nur Neuguineas und Verfasser des internationalen Bestsellers Kollaps, kann sich heute noch wundern, wie viel und wie schnell die Stämme dieser Gesellschaften lernen mussten: Sie lernten unfreiwillig durch die Gesetze der Australier, den Krieg und den Kannibalismus hinter sich zu lassen, dann entdeckten sie eher freiwillig die Vorteile von Metallen, Streichhölzern und Regenschirmen, und vor allem: das Schulwesen, den Staat und seine Rechtsgarantien, aber auch die bahnbrechende Neuerung, Fremde nicht mehr als tödliche Gefahr anzusehen. Sodass man heute, wie Diamond mit der bleibenden Verwunderung des Anthropologen erzählt, in der Abfertigungshalle eines neuguineischen Flughafens am Schalter neben Neuguineern stehe, unter lauter einander Fremden, die an ihrem Handy rumfummeln, in Jeans und Baseballkappe, Kreditkarte in der Tasche, bis einer mit Pilotenmütze und Aktentasche an den Wartenden vorbeigehe, um ins Cockpit zu steigen und das Flugzeug zu steuern. Jared Diamond stellt fest: Der junge Pilot könnte ohne Weiteres der Enkel jenes weinenden Mannes sein, der befürchten musste, die weißhäutigen Europäer seien Ahnen, deren Geister auf die Erde zurückgekehrt seien.

»Kann eine des Lesens und Schreibens unkundige Gesellschaft einen solchen Wandel wirklich innerhalb von einer Generation bewältigen?«, fragt Diamond nun zur Einführung in sein jüngstes Werk. Das Lernen interessiert diesen Forscher seit Langem, er hat zuletzt für sein Buch Kollaps, erschienen 2005, an zahllosen Beispielen von Kulturen der Weltgeschichte erforscht, welche von ihnen untergegangen sind, welche überlebt haben, aus welchen Gründen – und ob sie sich zu ihrem eigenen Schutz lernfähig gezeigt haben. Manche seiner Beispiele sind aufgrund ihrer Eingängigkeit inzwischen fast Schulbuchwissen: die Bewohner der Osterinsel, die ausstarben, als sie den letzten Baum abgehackt hatten, der es ihnen ermöglicht hätte, ein Kanu zum Fischfang zu bauen. Oder die Wikinger vor 600 Jahren in Grönland, die sich weigerten, sich das Fischessen anzugewöhnen, und also verhungerten.

Diamond hat stets mit dem ökologischen Hintergedanken geforscht, ob sich durch seine Studien die Lernfähigkeit der ressourcenverschlingenden Amerikaner befördern lasse: die Fähigkeit, zu verstehen, dass der amerikanische Lebensstil selbstzerstörerisch ist, mit irreversiblen Folgen. Jetzt will Diamond wissen, was die westliche Welt von den traditionellen Gesellschaften lernen kann, bevor diese aus dem Gedächtnis verschwinden. Unter »traditionell« versteht er all jene Kleingesellschaften, die vom Jagen und Sammeln, von Ackerbau und Viehzucht gelebt haben und sehr selten auch heute noch leben.

Jared Diamond wollte das Interview nur führen, wenn es auf Deutsch stattfindet. Kein Wort Englisch in solchen Situationen, das ist bei ihm eine bewährte Methode, er kommt sonst mit den zwölf Sprachen durcheinander, die er spricht. Er hat sein Deutsch extra wieder ein paar Tage mit Freunden im Rheinland geübt, bevor er mit dem neuen Buch auf Lesereise geht. Die Gedächtniskirche wollte er hier in Berlin als Erstes wiedersehen, sagt er, und der Scharzhofberger trockene Moselwein von Egon Müller ist für ihn noch immer der beste Wein der Welt, auch wenn er aufgrund des Klimawandels immer süßer wird, »zu süß, um ihn noch zum Essen zu trinken«.

Diamond kennt Deutschland, man könnte sich jetzt mit ihm auch über Thomas Mann unterhalten, und während des Gesprächs schleicht sich in seine bedächtigen Sätze tatsächlich fast kein Fehler ein. Auf Diamond passt das überstrapazierte Wort vom Universalgelehrten genau, dazu gehört auch, dass er Autodidakt geblieben ist, um Wissenslücken bald zu schließen, wenn die sich neu öffneten. Er ist die Lernfähigkeit selbst.

Leserkommentare
  1. Nicht immer gehen traditionelle Gesellschaften sorgsam mit ihrer Umwelt um. Das klassische Beispiel hierzu ist die Osterinsel vor der südamerikanischen Pazifikküste. Ursprünglich war die Osterinsel sehr stark bewaldet. Als die Insel dann von den Polynesiern besiedelt wurde, begannen diese nach kurzer Zeit mit der Entwaldung, teilweise zur Holzgewinnung für ihre Hütten. Größtenteils aber wurden die Baumstämme gebraucht um die massiven Steinstatuen zu errichten, die sog. "ahu". Da die Nahrungsgewinnung einfach war (Hühner und Süßkartoffeln) waren die Osterinsulaner vor allem in religiöse und zeremonielle Aktivitäten engagiert. Im Laufe der Zeit wurden immer mehr "ahus" errichtet, und die Insel verlor immer mehr von ihren ursprünglichen, ausgedehnten Wäldern. Die Konsequenzen waren Bodenerosion, Mangel an Nutzholz, Mangel an Fasern für Fischernetze. Daraufhin kollabierte die Osterinsel-Kultur innerhalb weniger Jahrzehnte.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...haben die unangenehme Eigenschaft, dass man die richtige Antwort nicht kennt. Jared Diamond ist ein sehr intelligenter Mann, der ausgezeichnet Geschichten erzählen kann. Aber es gibt auch andere Versionen dieser Geschichte.

    http://www.welt.de/wissenschaft/article2368519/Das-Raetsel-der-Osterinse...

    Google-Suche: Kein Kollaps auf der Osterinsel? Spektrum der Wissenschaft

  2. Das "gute Zusammenleben" mit der Natur, wie es z.Bsp. seit Neuestem in der ekuadorianischen Verfassung verankert ist (mit der "Mutter Natur" als juristischer Person)

  3. Also, ich persönlich halte weder das staatliche Gewaltmonopol noch die Sozialversicherungen für eine wahre Errungenschaft, denn beide sind letztlich nur eine Folge des Kapitalismus:
    Ersteres existiert, um das Eigentum derer zu schützen, die sich innerhalb des Systems bereichert haben, letzteres deshalb, weil durch den puren Kapitalismus eine dermaßen große Ungleichheit entstünde, dass sie schnell zum Sturz des Systems führen würde. Beide Einrichtungen dienen also letztlich nur dem Erhalt eines inhärent ungerechten und unmenschlichen - aber auch irrationalen - Systems. Das dann als "Errungenschaften" zu bezeichnen, hat schon etwas Tragikomisches.

    Wer behauptet, dass Sozialversicherungen oder sonstiges ein wahrer "Erfolg" wären, dass es also etwas Erstrebenswertes sein soll, dass Menschen vom Staat (NB: es existiert ein Unterschied zwischen Gesellschaft und Staat) abhängig sind, der hat den Gedanken von Freiheit nicht wirklich verstanden.

    Aber zum Rest: Beeindruckender Mann mit sehr klugen Ansichten. Ich habe neulich eine Dokumentation über die Entstehung der Zivilisation gesehen, die äußerst interessant war und etwas von dem sonst üblichen - wenn auch meist in dieser Form unausgesprochenen - Dogma abweicht, der Westen sei so erfolgreich geworden, weil wir ja hier alle so klug seien; für die Interessierten:
    http://www.youtube.com/watch?v=xbItkfE7GK4

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    den Gedanken des absoluten staatlichen Gewaltmonopoles gab es durchaus schon in vorkapitalistischer Zeit (man denke etwa an Hobbes).

    Ansonsten gebe ich Ihnen Recht; vieles, was wir als Errungenschaften moderner Zivilisation gegenüber früheren Kulturen ansehen, machen nur im momentanen Kontext Sinn und waren zuvor schlicht nicht notwendig, da andere Systeme die entsprechenden Bereiche abdeckten.

  4. den Gedanken des absoluten staatlichen Gewaltmonopoles gab es durchaus schon in vorkapitalistischer Zeit (man denke etwa an Hobbes).

    Ansonsten gebe ich Ihnen Recht; vieles, was wir als Errungenschaften moderner Zivilisation gegenüber früheren Kulturen ansehen, machen nur im momentanen Kontext Sinn und waren zuvor schlicht nicht notwendig, da andere Systeme die entsprechenden Bereiche abdeckten.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    schrieb Hobbes in einer Phase des, wenn man so will, Proto-Kapitalismus. Viele der Muster einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung entstanden zu jener Zeit oder waren bereits aktiv, so z.B. die Veräußerlichkeit von Boden.

  5. ...haben die unangenehme Eigenschaft, dass man die richtige Antwort nicht kennt. Jared Diamond ist ein sehr intelligenter Mann, der ausgezeichnet Geschichten erzählen kann. Aber es gibt auch andere Versionen dieser Geschichte.

    http://www.welt.de/wissenschaft/article2368519/Das-Raetsel-der-Osterinse...

    Google-Suche: Kein Kollaps auf der Osterinsel? Spektrum der Wissenschaft

    Antwort auf "Osterinsel"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Danke für den Link.

  6. Danke für den Link.

    Antwort auf "Geheimnisse..."
  7. schrieb Hobbes in einer Phase des, wenn man so will, Proto-Kapitalismus. Viele der Muster einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung entstanden zu jener Zeit oder waren bereits aktiv, so z.B. die Veräußerlichkeit von Boden.

    Antwort auf "kleine Anmerkung:"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Sachbuch | Buch | Literatur
Service