JazzfestHerzenswarm beschwingt

Das Jazzfest Berlin findet zu neuer Kraft. von 

Man durfte gespannt sein, wie der stille Ostdeutsche Bert Noglik und sein Programm aus Tradition und Moderne in der Reizhauptstadt ankommen würden. »Das Jazzfest Berlin 2012 trägt kein alles vereinnahmendes Motto«, hatte er als neuer künstlerischer Leiter ins Programmheft geschrieben, als sei ein Pardon der Eventkultur zu erbitten. Gleichwohl versprach er »Magnetpunkte, zwischen denen sich spielererisch Verbindungslinien ziehen lassen«.

Als magnetisch erwies sich Deutschlands wichtigstes Jazzfestival an jedem der vier Abende. 19 Auftritte, vier Spielstätten und vor den Türen immer noch Hörer, die auf eine Eintrittskarte hoffen. Krise des Jazz?

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Die Verbindungslinien: Da tritt der 83-jährige Klarinettist Rolf Kühn, der einst bei Benny Goodman spielte, mit dem 28-jährigen Schlagzeuger Christian Lillinger auf, dessen Schmalztolle eine Spritztour durch die goldenen Fünfziger annonciert. Im Quintett mit Julia Hülsmann am Klavier, Joe Lovano am Saxofon und Greg Cohen am Bass erinnern sie an die Leipziger Swingpianistin Jutta Hipp, die 1955 nach New York auswanderte, wo sie elend scheiterte und dann ihr Leben als Näherin in einer Textilfabrik auf Long Island verbrachte.

Ein zweites ambitioniertes Projekt gilt dem griechischen Dorf Kommeno, in dem Wehrmachtssoldaten 1943 ein Massaker anrichteten. Der deutsche Perkussionist Günter Baby Sommer mit vier Griechen auf großer Bühne: Darf man, wenn es um 317 Morde geht, gelungene Soli beklatschen? Taugt Jazz zur Geschichtsbewältigung? Ist das nun peinlich oder mutig oder beides? Darüber wird hernach auf den Gängen des Festspielhauses gestritten.

Zu einem Höhepunkt des Festes gerät die zweitägige Werkschau des Posaunisten Nils Wogram mit vier seiner Bands. Herzenswarm, virtuos, beschwingt – welch ein Genuss deutscher Jazz doch sein kann.

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    • Schlagworte Jazz | Fest | Festival | Berlin | Musikrichtung
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