Kinderpsychologie : Ich sehe nichts, was du nicht siehst

Warum glauben kleine Kinder, sie wären unsichtbar, wenn sie sich die Augen zuhalten? Forscher haben das jetzt ergründet.

Kuckuck! Kinder lieben das Versteckspiel, und die kleineren unter ihnen lieben eine besondere Variante davon: Sie halten sich die Augen zu – und glauben, dass sie dann niemand sehen kann. Glauben sie das wirklich? Und wenn ja, woher kommt diese Fehlwahrnehmung? Britische Psychologen haben nun mit einer pfiffigen Serie von vier Versuchen gezeigt, dass die Kleinen nicht einfach dumm sind, sondern nur eine etwas andere Vorstellung von Sehen und Gesehenwerden haben als wir Erwachsene.

Die Forscher um James Russell von der Universität Cambridge wollten zunächst einmal wissen, ob sich die Kinder tatsächlich für unsichtbar halten, wenn ihre Augen verdeckt sind. Im ersten Experiment kamen zwei Brillen zum Einsatz, eine völlig durchsichtige und eine völlig undurchsichtige, wie sie die Kandidaten bei Wetten, dass..? manchmal tragen. Die Kinder wurden von der Versuchsleiterin gefragt: »Kann ich dich sehen?« Trugen sie die undurchsichtige Brille, dann antworteten 24 von 25 der getesteten Kinder zwischen zweieinhalb und vier Jahren: »Nein!«

Hielten die Kinder sich für total unsichtbar, wenn sie diese Brille trugen? Interessanterweise antworteten vier Fünftel von ihnen auf die Frage »Kann ich deinen Kopf sehen?« mit »Ja«. Ähnlich war die Reaktion, als man die Brillen einer dritten Person, nennen wir sie Sandy, aufsetzte. Wenn Sandy die undurchsichtige Brille trug, bestätigten die Kinder, dass sie ihren Körper sehen konnten. Auf die Frage »Kannst du Sandy sehen?« antwortete die große Mehrheit jedoch mit »Nein«. Diese Versuche werteten die Forscher als erstes Anzeichen dafür, dass die Augen des anderen für die Kinder bei ihrer Vorstellung von Sehen eine wichtige Rolle spielen.

So weit deckten sich die Ergebnisse des Teams mit Ergebnissen, die Psychologen der Stanford University schon in den achtziger Jahren veröffentlicht hatten. Die Forscher bohrten nun weiter: Woran machen die Kinder »Unsichtbarkeit« fest? Daran, selbst nichts sehen zu können? Oder geht es um die Tatsache, dass ihre Augen vor dem Blick des anderen verborgen sind?

Das wollten die Forscher mit einem zweiten Experiment herausfinden, das allerdings ein bisschen zu ambitioniert war. Diesmal wurden nämlich zwei verspiegelte Brillen eingesetzt, die beide die Augen verbargen. Durch die eine konnte der Träger selbst aber hindurchsehen. Die Kinder konnten eine Weile mit den verschiedenfarbigen Brillen spielen und ihre Unterschiede erforschen. Allerdings ergaben Kontrollfragen, dass nur 7 von 37 Kindern den Unterschied wirklich verstanden und den anschließenden Test mitmachen konnten. Von denen antworteten auf die Frage »Kann ich dich sehen?« sechs mit »Nein«, egal, welche der beiden Brillen sie trugen. Das werteten die Forscher als ein klares Zeichen dafür, dass es den Kindern beim Sehen nicht auf die eigene Sehfähigkeit ankommt, sondern auf die Sichtbarkeit der Augen: Ich »sehe« einen anderen Menschen nur, wenn ich ihm in die Augen schauen kann.

Augenzuhalten zum Verstecken

Diese Überzeugung ist so stark, dass viele Kinder das Augenzuhalten als eine gute Strategie fürs Verstecken ansehen. Das wurde im dritten Experiment der Forscher offenbar, in dem sie zwei Handpuppen das beliebte Kinderspiel spielen ließen. Mehr als ein Drittel der zuschauenden Kinder fand, dass eine Handpuppe, die ihre Augen verdeckt, sich in dem Spiel vernünftig verhält.

In ihrem letzten Experiment wollten Russell und seine Kolleginnen noch genauer herausfinden, was denn nun für die Kinder das »Sehen« ausmacht. Muss ich nur die Augen des anderen sehen, oder muss der mich auch anschauen?

Um das zu testen, setzte sich die dritte Person dem Kind gegenüber, schaute ihm aber nicht in die Augen, sondern an ihm vorbei. Gefragt wurde: »Kannst du Sandy sehen?« Anschließend wurde das Kind aufgefordert, an Sandy vorbei auf ein Auto im Regal zu schauen. Hier wurde gefragt: »Kann Sandy dich sehen?« Ein großer Teil der Kinder, die an die Unsichtbarkeit mit geschlossenen Augen glaubten, antworteten auch hier mit »Nein«. Man sieht in ihrer Vorstellung nur jemanden, der einen selbst auch anschaut.

Die Forscher räumen selbst ein, dass insbesondere beim letzten Test nicht alle Kinder dieselbe Vorstellung vom Sehen und Gesehenwerden zeigten. Es gab eine Tendenz zu der allgemeingültigen Vorstellung, je älter die Kinder waren. Trotzdem sind die Forscher da auf ein Phänomen gestoßen, das einer genaueren Erklärung harrt. »Schau mir in die Augen, Kleines« scheint für kleine Kinder sehr wichtig zu sein. Sie machen einen Unterschied dazwischen, ob sie lediglich den Körper ihres Gegenübers sehen oder seine Person – durch die Augen. Zweijährige sind offenbar schon kleine Philosophen.

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Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

"Gesehen werden" bei Tieren

Interessante Frage, und ich meine ja, daß Tiere ebenfalls wie Kleinkinder vorgehen. Ich habe es selbst schon erlebt, daß Hühner und Kaninchen ihren Kopf bei vermeintlicher Gefahr in eine Hecke versenken, der Rest des Körpers bleibt aber sichtbar. Dennoch waren die Tiere mit ihrem Unterschlupf scheinbar zufrieden, möglicherweise, weil sie selbst die Bedrohung nicht mehr sehen konnten?
Unser Hund spielt übrigens gerne verstecken mit uns, bloß bleiben dabei auch oft Teile des Körpers sichtbar, auch ihm genügt es, wenn er uns nicht mehr sieht und der Kopf bedeckt ist. (Aber freut sich ja auch jedes Mal wahnsinnig, wenn man ihn zuerst findet und er dann die anderen mit einem suchen darf. Vielleicht ein ganz besonders schlauer Hund, der sich aus Berechnung nur "halb" versteckt? ;-))

Feiner Artikel mit Sinnverdreher im Titel?

Nach wiederholtem Lesen glaube ich immernoch, dass es hier um
"Du siehst mich nicht, wenn ich dich nicht sehe" handelt und nicht wie verwendet "Ich sehe nichts, was du nicht siehst". Das ist doch was anderes, oder?

Sollte das hier ein redaktioneller Kunstgriff ist um Aufmerksamkeit zu erzielen, dann habe ich das verpasst.