Kita-AusbauGutes tun – und sich dafür schämen

Die Kita-Politik der Regierung ist erfolgreich. Aber sie wird schlecht verkauft. von 

Janine Vocke hat ihre acht Monate alte Tochter Emily bei 15 Kitas angemeldet, 13 davon haben schon abgesagt, die beiden letzten lassen sich Zeit. Frau Vocke, die demnächst wieder arbeiten möchte, findet das »für unsere Planung ziemlich schlecht«. Es ist nicht sicher, warum Nachrichtensender Fernsehbeiträge wie diesen ständig neu produzieren, statt sie einfach aus dem Archiv zu ziehen, aber Recherchen der ZEIT ergaben, dass es Janine Vocke wirklich gibt, dass ihre Tochter vor Kurzem ihren ersten Geburtstag gefeiert hat und dass sie auch fünf Monate nach Ausstrahlung der fraglichen Nachrichtensendung noch ohne Kita-Platz ist.

Ehe an dieser Stelle erörtert wird, was Staat und Politik tun können, um Familie Vocke ihre Lage zu erleichtern, noch eine kleine Frage: Wie müsste eine Welt beschaffen sein, in der Eltern ihre Kinder kurz vor deren erstem Geburtstag im Kindergarten ihrer Wahl anmelden und dort auch zum gewünschten Zeitpunkt einen Platz bekommen könnten? Naheliegende Antwort: Es wäre eine Welt mit einem gewaltigen Überangebot an Kindergartenplätzen. Wie jeder weiß, sind Kita-Plätze aber knapp, weshalb Eltern kleiner Kinder seit Menschengedenken ein Problem bekommen, wenn sie nach einer Erziehungsauszeit an ihren Arbeitsplatz zurückkehren wollen.

Anzeige

Am Dienstag dieser Woche hat das Statistische Bundesamt bekannt gegeben, wie viele Kita-Plätze in Deutschland noch fehlen, gemessen an einem angenommenen Bedarf von 780.000, und ist auf die Zahl 220.000 gekommen. Wer das für skandalös hält, sollte die Statistik genauer betrachten. Binnen fünf Jahren hat sich der Anteil der ganz kleinen Kinder, die in Kindergärten oder von Tagesmüttern betreut werden, nahezu verdoppelt. In den in dieser Hinsicht rückständigen westdeutschen Bundesländern war der Zuwachs besonders groß. Von den größeren Kindern, den über Dreijährigen, gehen ohnehin fast alle in Kindergärten.

Auch Emily Vocke ist ein Teil dieser Erfolgsgeschichte. Ihre Eltern haben inzwischen eine Tagesmutter für sie gefunden, die teilweise vom Jugendamt bezahlt wird. Sie sei mit dieser Lösung sehr zufrieden, sagt Frau Vocke. An einem Kita-Platz für Emily sei sie nicht mehr interessiert.

Mehr gute Nachrichten? Ungefähr zwei Drittel aller Frauen in Deutschland im Erwerbsalter arbeiten, und dieser Anteil wächst schneller als fast überall sonst in Europa. Die Teilzeitquote ist hoch, aber unter den teilzeitbeschäftigten Müttern möchte nur eine kleine Minderheit mehr arbeiten, als sie es tut.

Insgesamt ist das ein erstaunlicher Erfolg, der sich einer bemerkenswert brutalen Strategie der Großen Koalition verdankt. Sie hat Eltern kleiner Kinder unter fünf Jahren einen Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz verschafft. Von August kommenden Jahres an können sie die Städte und Gemeinden, in denen sie leben, auf Schadensersatz verklagen, wenn diese ihnen keine Betreuungsmöglichkeit anbieten. Diese Drohung war es, die Kommunen dazu bewegte, zuletzt binnen dreier Jahre fast 150.000 neue Kita-Plätze zu schaffen.

Wäre mehr möglich? Wohl kaum – es fehlt an Erziehern; deren Ausbildung dauert Jahre, und angesichts der kläglichen Bezahlung in diesem Beruf und der leeren Kassen in den Kommunen ist mit einer Welle von Bewerbungen um Ausbildungsplätze in absehbarer Zeit nicht zu rechnen.

Bleibt die Frage, warum die zuständige Familienministerin Kristina Schröder nun, statt die Erfolge zu feiern, über die Bundesländer schimpft, die angeblich den Kita-Ausbau verzögern, ja »verschlafen« würden. Zwei Gründe gibt es: Die Klagewelle, die ausgerechnet im kommenden Sommer auf die Kommunen zurollt, wird sich mitten im Bundeswahlkampf brechen, und die Ministerin wird zumindest einige Spritzer abbekommen. Der andere Grund ist das Betreuungsgeld, auf das sich die Koalition am Wochenende endlich verständigt hat. Theoretisch soll es die Wahlfreiheit der Eltern vergrößern; in der Praxis wird es nun ein Schmerzensgeld für Eltern, die trotz Rechtsanspruch auf Betreuung nur die Wahl haben, vor Gericht zu ziehen oder sich mit dem Betreuungsgeld zu begnügen.

Da die konservativ-liberale Bundesregierung über den richtigen Einsatz ihrer etatistischen Steuerungsinstrumente zu zerstritten ist, um auf den Beitrag der freien Wirtschaft zur Kinderbetreuung hinzuweisen, muss es hier erwähnt werden: Janine Vockes Arbeitgeber trägt sich mit Plänen zur Gründung eines Betriebskindergartens, zögert aber noch, weil am Ort erst gerade ein anderer Betriebskindergarten aufgemacht hat. Man wisse nicht genau, meint ihr Chef, wie groß der Bedarf nun noch sei.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Dem Artikel lässt sich hinzufügen, dass es zahlreiche Kindergärten ohne Garten gibt, dass Kinder mehrerer Gruppen in nach Plastik stinkenden Turnhallen ihren Mittagsschlaf halten müssen, dass Gruppenräume wegen des gemeinsamen Mittagessens mit Möbeln voll gestellt wurden (im Gegensatz zu früher essen nahezu alle Kinder Kindermenus einer oftmals dürftigen Qualität) und dass der Bewegungsdrang der Kinder zu kurz kommt. "Zum Ausgleich" finden Krankheitskeime in der feucht-warmen Atmosphäre der Gruppenräume ideale Bedingungen vor. Kinder werden aufgrund der Enge unnötig krank. Manche Kinder erhalten mehrfach im Jahr Antibiotika.
    Viele Erzieherinnen legen keine Wert darauf, ein eigenes Kleinkind in eine Krippe oder Kita zu bringen. Sie kennen die Mängel und schweigen, weil nach ihren Meinungen selten gefragt wird. Erzieherinnen werden drangsaliert zugunsten des Betreuungssystems "wertschätzend" zu dokumentieren. Die Kindheit wird immer bürokratischer und die Grundbedürfnisse von Kindern werden der Schaumschlägerei geopfert.

    Schade, dass Bildungswissenschaftler, Journalisten und Politiker so selten in Eltern- und Erzieherforen lesen, worüber Eltern und Erzieherinnen sich ärgern oder Sorgen machen.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Schlagworte Kindertagesstätte | Bundesregierung
Service