Mutter mit Tochter in Berlin © Adam Berry/Getty Images

Ja, sagt Mark Schieritz. Ein wenig mehr Schulden schaden nicht, sondern nutzen. Auch unseren Kindern

Die Griechen zum Sparen verdonnern und selbst das Geld mit beiden Händen ausgeben – darf man das? Ja, das darf man. Weil es hilft, die Krise in Europa zu bekämpfen. Die Griechen müssen sparen, weil sie in der Vergangenheit zu wenig gespart haben und ihnen deshalb niemand mehr Geld leihen will. Die Deutschen hingegen bekommen Kredite derzeit fast umsonst, weil sie in der Vergangenheit sehr viel gespart haben. Deshalb können sie auch mehr davon ausgeben. Das ist gut für die Deutschen, weil es die heimische Wirtschaft in einer Zeit stützt, in der die Konjunktur mehr und mehr an Schwung verliert – und es ist gut für die Griechen, weil sie mehr Waren nach Deutschland exportieren können.

Die Krise wird sich nur besiegen lassen, wenn Deutschland gerade nicht das tut, was es von den Partnern in Europa einfordert. Diese Logik mag gewöhnungsbedürftig sein, sie ist im Rest der Welt aber allgemein anerkannt. So sind die im Inland als Wahlgeschenke verteufelten Beschlüsse der schwarz-gelben Koalition im Ausland positiv aufgenommen worden. Dort sähe man es sogar gerne, wenn die Deutschen noch mehr Geld ausgäben, um die globale Konjunktur am Laufen zu halten.

Zumal es ja nicht so ist, dass Finanzminister Wolfgang Schäuble bislang über die Stränge geschlagen hätte, auch wenn ihm das immer wieder vorgeworfen wird. In diesem Jahr wird er, das haben die führenden Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrem Herbstgutachten ausgerechnet, das Staatsdefizit um einen halben Prozentpunkt zurückfahren, im kommenden Jahr noch einmal um denselben Anteil. Dabei sind die Mehreinnahmen, die allein die gute Konjunktur in die Kassen spült, schon herausgerechnet. Schäuble spart also, aber er spart mit Augenmaß. Wem das zu wenig ist, der darf sich nicht darüber beschweren, dass die Bundesregierung angeblich ihrer Verantwortung für Europa nicht gerecht wird.

Nun kann man lange und trefflich darüber streiten, ob sich in den Entscheidungen zur Rente, zur Praxisgebühr und zur Kinderbetreuung ein politischer Gestaltungswille manifestiert oder ob sie lediglich das Resultat des konfusen Versuchs sind, möglichst viele Klientelinteressen unter einen Hut zu bringen, um eine marode Koalition noch irgendwie über die letzten Monate ihrer Legislaturperiode zu retten. Wahrscheinlich beschreibt Letzteres die Lage besser als Ersteres – und ganz sicher gibt es effizientere und gerechtere Maßnahmen als die jetzt beschlossenen, um der Konjunktur einen Schub zu verpassen.

Was aber am Ende zählt, ist, dass ausgerechnet eine konservative Regierung den Versuchungen des Rotstifts widersteht und eine Politik betreibt, die im Ergebnis den Lehren des linken Ökonomen John Maynard Keynes folgt. Dass dabei die Sozialdemokraten die Sparkommissare geben, ist eine interessante Ironie.

Von den Zusatzausgaben profitieren übrigens auch künftige Generationen. Wir hinterlassen unseren Kindern ja nicht nur die Schulden, sondern auch die mit diesen Schulden finanzierten Errungenschaften. Und wenn es gelänge, durch ein wenig mehr Schulden heute den Zerfall Europas aufzuhalten, dann wäre das keine geringe Errungenschaft.

Damit es so kommt, muss die Koalition den von ihr eingeschlagenen Weg nun aber auch konsequent zu Ende gehen. Sie darf sich das Geld für die Mehrausgaben nicht durch Kürzungen an anderer Stelle wieder hereinholen – und schon gar nicht bei Geringverdienern oder anderen Bürgern, die einen hohen Anteil ihres Einkommens ausgeben. Wahlgeschenke zeichnen sich normalerweise dadurch aus, dass sie populär, aber ökonomisch unsinnig sind. Was der Koalitionsgipfel hervorgebracht hat, ist unpopulär, aber ökonomisch potenziell segensreich. Passt doch!