KroatienKurs auf die Antike

Die Städte an Istriens Westküste stecken voller archäologischer Schätze. Man entdeckt sie am besten während einer Segelreise im Herbst. von Wolf Alexander Hanisch

Spaziergang in Istrien

Spaziergang in Istrien  |  CC BY 2.0: alestone3/Flickr

Mit einem Mal wurde es dramatisch. Auf einem Hügel in der Nähe des Amphitheaters von Pula sank Uwe auf die Knie. Er schob seine Sonnenbrille auf die Stirn und machte ein Gesicht, als habe er gerade das Bernsteinzimmer entdeckt. Auch Ingrid sah elektrisiert aus, während sie sich über ihren Mann beugte, der in der Erde kratzte und dabei nach und nach eine gesprungene, opak schimmernde Glasflasche zum Vorschein brachte. Als er sie endlich in Händen hielt, blitzte grelle Begeisterung in seinen Augen. Antike! Das Ding stammte aus der Antike, oder etwa nicht? Natürlich, Uwe musste recht haben. In den Regalen des Museums, durch das wir vorhin gewandert waren, lagen schließlich Dutzende ähnlicher Stücke. Unser archäologisch spezialisierter Reiseleiter indes lachte nur und würdigte den Fund kaum eines Blickes. Da begriff ich endgültig, dass die Archäologie nicht nur viel Vorstellungskraft verlangt, sondern auch ein dickes Fell. Aber der Reihe nach.

Als ich im kroatischen Poreč ankomme, ist gleich klar, dass es keinen besseren Auftakt geben kann für meine Reise. Die Stadt ragt auf einer Landzunge ins türkis und ultramarin gefleckte Mittelmeer und ist ein einziger architektonischer Juwelenkasten. Römische Tempel, frühbyzantinische Kunst, venezianische Bürgerpaläste – alles dicht beieinander. Auch der Mastenwald der Marina liegt gleich um die Ecke. Hier startet mein Segeltörn, die »Archäologische Segelreise Istrien«, die der österreichische Verein der Freunde der Archäologie in diesem Herbst zum ersten Mal organisiert hat. Die Reise führt eine Woche lang hinab an der Westküste der istrischen Halbinsel, die in Form einer Traube in der Adria hängt. Es geht darum, die steinalten Städte der einstigen römischen Provinz Illyricum nach Art ihrer Gründer anzusteuern und sie auf Tagestouren mit archäologischem Blick unter die Lupe zu nehmen. Ich habe selbst ein Faible für alte Gemäuer. Mal sehen, ob die Archäologie es noch vertieft.

Anzeige

Die Jachten, die im Hafen von Poreč ankern, nennen sich Diva oder Rubin, The Big White oder Tiger. Unsere Jacht heißt Hansi. Doch der zahnpastaweiße Einmaster wirkt flotter, als der Name klingt. Vom Deck winkt schon unser Reiseleiter. Dr. Wolfram Letzner, Archäologe, steckt in einem zu großen beigefarbenen Blouson und sieht aus wie der Wiedergänger von Heinz Erhardt. Beginnt er aber zu sprechen, hat man gleich das geschäftige Näseln von Theo Lingen im Ohr: Willkommen an Bord, nicht wahr, nicht wahr...

Nach und nach treffen die anderen ein. Alle fünf Mitreisenden sind um die siebzig und nicht nur Hobbyarchäologen, sondern auch passionierte Segler. Vielleicht sehen sie deshalb zehn Jahre jünger aus. So wie Uwe und Ingrid aus Norddeutschland, die so mitreißend lachen können. Wie der brummige Jörg aus Brandenburg im ferrariroten Regatta-Dress und sein immerzu freundlich schweigender Kumpel Franz. Und wie der braun gebrannte Rheinländer Walter, der als Letzter elegant an Bord springt. Seit er den Kindern seine Firma überschrieb, reist er sechs Monate pro Jahr durch die Welt. Mit ihm teile ich mir ein handtuchbreites Stockbett, das die Kajüte fast völlig ausfüllt.

Schon bei unseren Streifzügen durch Poreč sind wir alle per Du. Wir erkunden den römischen Grundriss, bestaunen den Eifer, mit dem die besten Künstler aus Byzanz die legobunten Mosaiken der Euphrasius-Basilika zusammensetzten, trinken Kaffee auf einem mittelalterlichen Wehrturm. Und während die Sonne am Morgen des zweiten Tages noch damit beschäftigt ist, die Promenade aus dem Dunst zu schälen, schiebt uns der Schiffsmotor bereits aus dem Hafenbecken. Wir beobachten die zurückbleibende Stadt beim Schrumpfen und zeigen uns noch einmal gegenseitig ihre Fassaden aus Gotik und Renaissance auf unseren Kameradisplays. Wolfram zuckt nur mit den Schultern. Ihm waren schon die Kruzifixe im Bischofspalast zu modern. Lieber referiert er in epischer Breite den Streit seiner Kollegen darüber, ob auf dem römischen Forum des ehemaligen Parentium nun zwei oder vielleicht doch eher drei Tempel standen. Als Porečs Silhouette endgültig Postkartenformat erreicht hat, drehen wir unsere Köpfe in Fahrtrichtung und schauen aufs offene Meer hinaus. Man meint, geradewegs in die Erdkrümmung hineinzufahren.

Nach dem Vortrag über Stratigrafie ist eine weitere Flasche Wein fällig

»Meine Herrschaften, es wird sportlich. Wir beginnen mit dem Segeln. Darf ich um Mithilfe bitten?« Der galante Ton unseres Skippers wäre auch im Hotel Sacher gut aufgehoben. Unüberhörbar kommt er aus Wien. Ganz in Weiß steht er am Steuer. Ansonsten gleicht Oswald dem Bild, das sich Segelnovizen wie ich von einem Skipper machen: Hemingwaybart, wettergegerbtes Gesicht, schlechte Zähne. Was er mit »sportlich« meint, liegt auf der Hand. Seit einigen Minuten paradieren Wolken am Himmel, und das Meer färbt sich sardellengrau. Jetzt wuseln die Segelveteranen nach Oswalds Kommandos über Deck, und jeder Handgriff sitzt wie bei der Marine. Winden surren, Taue straffen sich, Wind füllt die Segel. Ich bin beeindruckt. Dann nickt die Hansi kurz und zischt los. Weil wir nach Süden wollen und von dort der Jugo bläst, treibt Oswald das Schiff im Zickzackkurs voran, von Schräglage zu Schräglage. Irgendwann beginnt Ingrid wild zu gestikulieren: Delfine! Doch ich mag keinen sehen: Jede Sekunde, in der ich es versäume, den auf und nieder hüpfenden Horizont zu fixieren, tut meinem Magen gar nicht gut.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Segeln | Kroatien | Archäologie | Tourismus | Reise
    Service