KroatienKurs auf die Antike
Seite 2/2:

 Es gibt keine bessere Art, sich Istriens Küstenstädten zu nähern

Stunden später laufen wir in den Hafen von Vrsar ein, und ich fühle mich wie nach einem Speed-Metal-Konzert – erschöpft und ohne weitere Fragen. Unter einem silbrig schäumenden El-Greco-Himmel klammert sich der Ort an einen Berg. In den Gassen sitzen alte Frauen, Wäsche flattert an Leinen wie zur Zierde hingehängt. Doch ich kann meinen Blick kaum vom marzipanfarbenen Kopfsteinpflaster lösen. Der berühmte istrische Marmor glänzt so delikat, dass ich fast hineinbeißen möchte. Er entstammt dem Steinbruch von Vrsar, den schon die Römer betrieben. Die Städte der istrischen Riviera, viele Kirchen Venedigs und sogar Teile des Dogenpalastes hat er bestückt. Selbstverständlich besuchen wir ihn. Doch zu sehen gibt es dort ebenso wenig wie im ganzen Ort. Meinen Segelkameraden gefällt’s trotzdem. Voller Beobachtungsgier stürzen sie sich auf jedes Detail und münzen es in Fragen um. Womit wurden die Steine gesägt? Wie kamen sie auf die Schiffe? Und was ist das eigentlich für ein Vogel dort drüben? Manchmal muss Wolfram in einem Reiseführer blättern. Aber das macht nichts. »Da ham wa wieder was gelernt« ist einer von Jörgs Lieblingssätzen. Er wird ihn an diesem Tag noch häufiger sagen. Denn am Abend hält Wolfram an Bord einen Vortrag über die archäologische Methode der Stratigrafie, mit der sich das Alter von Ablagerungen bestimmen lässt. Danach ist eine weitere Flasche Wein fällig. Freizeitjäger Walter erzählt dazu Geschichten von der Wildsau im Westerwald.

Bitte klicken Sie auf die Grafik, um die Karte zu vergrößern.

Bitte klicken Sie auf die Grafik, um die Karte zu vergrößern.  |  © ZEIT-Grafik

Istriens KüstenstädtenJakobsmuscheln

Die schönste Erkenntnis unserer Segelreise aber steht längst fest: Es gibt keine bessere Art, sich Istriens Küstenstädten zu nähern. Kein Gewerbegebiet ernüchtert den ersten Kontakt, kein sozialer Wohnungsbau, kein Kreisverkehr. Immer geht es frontal auf die Schauseite zu. Heute ist es die von Rovinj. Bei strahlendem Wetter sitze ich vorn auf dem Bugspriet und zoome mich in den pastellfarbenen Steinhaufen von einer Stadt hinein. Dass er wirkt wie eine Spiegelung Ravennas oder Venedigs, ist kein Wunder. Die Venezianer hatten hier jahrhundertelang das Sagen. Und Italienisch ist in Istrien heute noch zweite Amtssprache. Umständlich und doch majestätisch legen wir in der Marina an und glauben nicht, dass Rovinj schöner sein kann als sein Panorama. Ist es aber doch. Das Gassenlabyrinth präsentiert sich so vollendet verschachtelt, dass es fast beengter wirkt als unser Boot. Unter einem Relief des venezianischen Markuslöwen bestellen wir teerschwarzes Tintenfischrisotto, gegrillte Jakobsmuscheln und Carpaccio von der Goldbrasse. Wir trinken den kühn schmeckenden Malvasier und schwelgen in der unwillkürlichen Schönheit alter Dinge.

Für Archäologen interessant sind sie aber nur dann, wenn schon einmal Erde darüberlag. Also geht es mit dem Bus ins Hinterland, zu einer Siedlung aus der Bronzezeit. Wolfram nennt Monkodonja das Mykene Istriens und sagt, es habe Busladungen voller Touristen verdient. Wir allerdings durchstreifen die Anlage von hüfthohen Mauerresten mit Durchbrüchen, Korridoren und verschieden großen Räumen ganz allein. Immer wieder fegen Böen über die Hügelkuppe und wirbeln Wolframs Loseblattsammlung durcheinander, aus der er mit zahlenklirrender Exaktheit Bauphasen und Mauerstärken referiert. Es ist, als trage er anstatt eines Haupttextes nur die Fußnoten vor. Irgendwann wird mir vom Datenwust ganz schwindelig. Ich setze mich auf eine Stufe zwischen Wänden, die Menschenhände vor knapp 4000 Jahren aufschichteten und die nun als erratische Blöcke in die Gegenwart ragen. Rieche den harzigen Duft der Zypressen, fahre mit der Hand über das knochenbleiche, akribisch gemauerte Kalkgestein. Und spüre, wie poetisch diese Ruinen sein können. Wenn man sie lässt.

Wir lernen: Mit Rosenöl bekämpfte man im Amphitheater den Gestank des Blutes

Einen halben Segeltag später ist unser Reiseleiter wie ausgewechselt. Das Amphitheater von Pula scheint ihn so sehr zu euphorisieren wie uns. Im Innern des riesigen Runds legen wir die Köpfe in den Nacken und stellen uns vor, wie 23000 Menschen auf den Rängen der sechstgrößten römischen Arena krakeelten. Wir hören, dass die Armee viel Geld an den Bären verdiente, die sie aus Germanien für die Spiele herbeischaffte. Dass der Bedarf an Tieren ganze Arten wie den nordafrikanischen Löwen ausrottete. Oder dass man die Sitze mit Rosenöl besprengte, um den Gestank des Blutes zu bekämpfen. Und als wir über die Notdurft im istrischen Kolosseum sprechen und Ingrid nach dem Klopapier der Antike fragt, erfahren wir auch, dass Archäologen in diesem Punkt seit Langem über die Alternative »Wasser oder Stockschwamm« streiten. Das Verzückungstalent Uwe hätte den Tag krönen können, als er jene Flasche mit dem trompetenförmigen Hals aus der Erde scharrte. Aber da sauste schon Wolframs Verdikt auf das gute Stück herab: »Das ist nichts. Noch nicht einmal Mittelalter.« Bestimmt hat er recht. Doch manchmal will man es so genau gar nicht wissen.

Anreise

Zum Beispiel mit Germanwings nach Pula oder Rijeka; dann weiter per Bus oder Mietwagen nach Poreč.

Buchung

Nächste Termine für die »Archäologische Segelreise Istrien«: 21. bis 28. September und 28. September bis 5. Oktober 2013.

Im Herbst gibt es genügend Wind, und es ist beständig mild. Der Preis von 1380 Euro schließt sieben Nächte an Bord mit einem Kojenplatz pro Person sowie Exkursionen inklusive Eintrittsgebühren ein.

ARGE Archäologie, Löfflergasse 56, 1130 Wien, Tel. 0043-664/5717021

Informationen

Tourismusverband Istrien, Tel. 00385-52/452797

Tourismusverband Poreč

Tourismusverband Pula

Nationalpark Brioni, Tel. 00385-52/525888

Skipper Oswald findet, dass Segeln und Altertumsforschung prächtig zusammenpassen. Beides verlange Disziplin und Demut vor Dingen, die größer sind als wir. Aber die Kombination hat noch einen weiteren Vorteil: Das scharfe Gleiten übers Wasser ist ein erfrischender Kontrast zur Erdenschwere der Archäologie. Ich genieße die See auf der Fahrt zu den Brioni-Inseln gegenüber der Bucht von Pula. Wieder sitze ich ganz vorn und fühle mich dabei wie ein König während der Inspektion seines Reichs. Als der Gebieter hier noch Josip Broz Tito hieß, war der Archipel Sperrgebiet und die Hauptinsel der Garten Eden des jugoslawischen Diktators und seiner Nomenklatura. Heute kann jeder unser letztes Etappenziel besuchen.

Kaum haben wir es erreicht, rückt die Gruppe schon zum Ruinenfeld einer römischen Villa aus. Ich aber habe genug. Ich miete mir ein Fahrrad und radle mutterseelenallein in der penibel getrimmten Landschaft herum. Sie gipfelt in einem Safaripark auf einer Anhöhe. Viele Staatsgäste machten Tito Tiere zum Geschenk, die auf Brioni ein neues Zuhause fanden. Der Seewind hat hier die Pinien platt gedrückt, sodass sie aussehen wie Schirmakazien in der Serengeti. Gnus glotzen mich an, Elefanten trompeten, Zebras stehen wie riesige Spielzeuge auf der Wiese. Und als ob das alles nicht reichte, weht auch noch eine Oper laut durch die Luft. Sie kommt aus der Stereoanlage eines Freiluftlokals, das direkt an der Klippe liegt. Es ist so menschenleer wie der ganze Park. Ich setze mich in einen Lehnstuhl vor den Sonnenuntergang und lausche Plácido Domingo. Der Wirt kommt und fragt mich, ob ein junger Weißwein recht wäre. Aber gewiss. Vor allem weil er jung ist.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio

Zur Startseite
 
Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    • Artikel Auf einer Seite lesen
    • Schlagworte Segeln | Kroatien | Archäologie | Tourismus | Reise
    Service