AuktionenDie Kunst des guten Geschäfts

Christie’s darf den gesamten Nachlass von Andy Warhol verkaufen. Das Ende seiner unglaublichen Kunstmarktkarriere? von Tobias Timm

Eine Besucherin vor dem Gemälde "Statue of Liberty", die im Aktionshaus Christie's ausgestellt ist.

Eine Besucherin vor dem Gemälde "Statue of Liberty", die im Aktionshaus Christie's ausgestellt ist.  |  © Bertrand Guay/AFP/Getty Images

Um das Kunstmarktereignis dieses Jahres richtig einordnen zu können, muss man sich noch einmal Andy Warhols berühmte Worte in Erinnerung rufen: »Making money is art, and working is art and good business is the best art.« Jetzt verkauft die Andy Warhol Foundation for the Visual Arts über Christie’s den gesamten noch in ihren Händen befindlichen Nachlass von Andy Warhol. Am 12. November werden in New York insgesamt 356 Fotografien, Gemälde, Zeichnungen und Drucke von Andy Warhol versteigert. Und das ist erst der Anfang, denn insgesamt umfasst der Nachlass rund 20.000 Stücke. In den kommenden Jahren sollen sie in Online-Auktionen und auf anderen Wegen ihre Käufer finden.

Ist dieser Megadeal von Christie’s – es sollen auch zwei Gruppen von Händlern am Nachlass interessiert gewesen sein – nun beste Kunst im Warholschen Sinne? Oder ist er ein Ausverkauf, der ein Archiv zerstört und die Preise verdirbt? Der Anfang vom Ende einer unvergleichlichen Kunstmarktkarriere?

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Unvergleichlich ist diese Karriere, weil sie in der Rückschau listig geplant wirkt und trotzdem allen Marktgesetzen zuwiderzulaufen schien. Gut 71 Millionen Dollar (inklusive Aufpreis des Auktionshauses) kostete am 16. Mai 2007 bei Christie’s das Bild Green Car Crash von 1963, auf das mehrfach das Foto eines verunglückten, brennenden Autos gedruckt ist. Die Summe ist der aktuell gültige Rekordpreis für ein Werk Warhols – eventuell wurden im diskreten Kunsthandel schon höhere Preise gezahlt. Während nach dem Fall von Lehman Brothers 2008 etwa die Preise für Bilder von Damien Hirst einbrachen, konnte die Kunst von Warhol weiter lässig im zweistelligen Millionenbereich verkauft werden. Ausgerechnet der teilweise in inflationär hohen Auflagen arbeitende Andy Warhol schien in den Zeiten der globalen Finanzkrise als die Goldwährung des Kunstmarktes zu gelten.

Am 11. November 2009 wurde bei Sotheby’s in New York eine gut zwei mal zwei Meter große Leinwand mit 200 One Dollar Bills (1962) für knapp 44 Millionen Dollar versteigert. Und so ging es weiter: Im Mai 2010 versteigerte Sotheby’s für 32 Millionen Dollar eines der unzähligen Selbstporträts, Phillips de Pury verkaufte sechs Monate später Men in Her Life (1962) für gut 63 Millionen Dollar, es folgten weitere Selbstporträts für 15, 24 und 34 Millionen Dollar. Und das waren nur die Spitzenergebnisse.

Die Datenbank Artprice verzeichnet über 17.000 Auktionsergebnisse für Andy Warhol seit Beginn der Aufzeichnungen vor gut drei Jahrzehnten – Gerhard Richters Werke wurden nur gut 3.000 Mal aufgerufen, und die Albrecht Dürers, zu Lebzeiten ebenfalls ein Vermarktungsgenie, zählen nur 6.000 Ergebnisse. Aber auch auf Kunstmessen und in Galerien wechseln Warhols Werke den Besitzer, Hunderte Millionen Euro werden mit seiner Kunst umgesetzt. Mit seinen Bildern könnte man nicht nur einen Supermarkt, sondern alle Filialen einer ganzen Supermarktkette bestücken. Der Markt für diesen Künstler ist eine Liga für sich.

Kunst und Kommerz – das waren vor Warhol strikt getrennte Welten

Dabei fing es für den 1928 als Sohn armer russischer Immigranten in Pittsburgh, Pennsylvania, geborenen Andrej Varchola Jr. nicht gut an auf dem Kunstmarkt. Zwar war er nach einem Kunststudium schon in den fünfziger Jahren in New York ein kommerziell äußerst erfolgreicher Werbeillustrator, doch die ersten Ausstellungen mit seinen künstlerischen Zeichnungen 1953 und 1956 blieben ohne jeden Erfolg. Kunst und Kommerz, das waren damals noch zwei strikt getrennte Welten. Doch genau das wollte und sollte Warhol, der sich für seine Illustratorenhonorare Werke von Picasso, Klee und Braque kaufte, ändern. 1962 lieferte er für seine erste Ausstellung in Los Angeles keine Zeichnungen mehr, sondern Gemälde ohne sichtbaren Pinselstrich, ohne Nuancen in den Farben, mit den banalsten Dingen aus dem Alltag Amerikas als Motiv: Coca-Cola-Flaschen und Campbell-Suppendosen. Es ging nicht mehr darum, ein Unikat zu schaffen. Der begnadete Zeichner Warhol produzierte Siebdrucke nach Fotografien, gerne von den berühmtesten Gesichtern seiner Zeit: Marilyn Monroe, Liz Taylor, Elvis Presley.

Leserkommentare
    • Mari o
    • 12. November 2012 23:47 Uhr

    Francis Bacon meinte:" Die Sujets hat Warhol sehr gut gewählt, aber sonst ist es nichts weiter als einfacher Realismus."

    charmant interessant,die Zeichnungen,aber begnadet..?
    technisch kann sich jeder seine Warhol-Zeichnung selber machen
    Einfach eine Glasplatte auf ein Sujet legen,mit Tuschefeder
    nachzeichnen (durchpausen)und ein Papier drauf,und abdrucken.
    fettisch.
    aber darum gehtet sich auch nicht,sondern um die Geschäfte
    der Kunstmafia.

    • pikeey
    • 16. November 2012 7:29 Uhr

    DIe Einfachheit dieser Drucke sind ja genau das, was Andy Warhol ausmachen. Er Die moderne Streetart vorweg genommen und das so grandios das man sich leider kein Bild kaufen kann.

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