Leipziger ThomanerchorThomaner gibt es nur einmal

Leipzigs berühmter Kirchenchor wird 800 Jahre alt. Ein Gespräch mit dem Pfarrer der Thomaskirche, Christian Wolff. von 

DIE ZEIT: Herr Pfarrer, singen Sie gern?

Christian Wolff: Ja. Zuletzt mit meinen Konfirmanden im Unterricht.

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ZEIT: In welchem Jahrhundert wären Sie am liebsten Chorknabe bei den Thomanern gewesen?

Wolff: Bestimmt nicht im 17. Jahrhundert! Im Dreißigjährigen Krieg und in der nachfolgenden Pestzeit stand der Chor auf der Kippe. Die Knaben hungerten und bettelten. Ähnlich furchtbar muss es während der Völkerschlacht gewesen sein.

ZEIT: Der Chor wurde von Markgraf Dietrich dem Bedrängten im Jahr 1212 gegründet und gehört heute zu den berühmtesten Chören der Welt. Seine geistliche Heimat ist die Leipziger Thomaskirche, deren Pfarrer Sie seit 20 Jahren sind. Wann war die beste Zeit der Thomaner?

Wolff: Vom kompositorischen Ertrag her sicher die Zeit unter Johann Sebastian Bach, der von 1723 bis 1750 als Thomaskantor wirkte. Von der Ausstrahlung her vielleicht die heutige Zeit. Wichtiger finde ich aber, dass zu allen Zeiten ehemalige Thomaner ihre neun Jahre im Chor als etwas ganz Wertvolles und Wesentliches angesehen und das weitergetragen haben.

ZEIT: Warum sind Chor und Thomasschule so populär auch bei Nichtchristen?

Wolff: Weil dort etwas gelebt wird, wonach man sich im Innersten sehnt.

ZEIT: Erfolg? Ansehen?

Wolff: Nein, viele Eltern wünschen sich, dass ihre Kinder durch Musik in ihrer Persönlichkeit reifen und diszipliniert zu leben lernen.

ZEIT: Kritiker nennen das Drill.

Wolff: Ja, aber das sind billige Vorurteile. Als Beweis wird dann das Klingeln genannt, mit dem die 90 Thomaner im Alumnat zusammengerufen werden. Sie werden aber nicht gedrillt, vielmehr lernen sie, achtsam miteinander umzugehen. Sie haben schlicht und einfach Manieren. Die Ästhetik des Gesanges ordnet das Leben und bildet Werte. Natürlich kommt im Chor auch alles vor, was das Leben bietet – wie in jeder Familie.

ZEIT: Trotz der Klagen über das gottlose Ostdeutschland zieht die Thomaskirche immer mehr Menschen an. Ist geistliche Musik für die säkulare Gesellschaft attraktiv, weil sie mal niveauvolles Event bietet?

Wolff: Nein. Es liegt eher am christlichen Glauben, der nach wie vor drei Dinge leistet. Erstens gibt er eine belastbare Antwort auf die Sinnfrage, indem er jeden Menschen als ein gewolltes Geschöpf Gottes beschreibt. Zweitens setzt er Leitplanken für das Leben. Und drittens bietet er eine Perspektive über den Tod hinaus. Diese drei Dinge werden in fast jedem Choral durchbuchstabiert.

Leserkommentare
  1. wenn es um die Einordnung des Thomanerchors geht, also ELite die sich durch entsprechende Leistungen definiert, woraus sich die Zugehörigkeit - das liegt in der Natur der Sache - ergibt. Und Elite deshalb, weil sie mühelos andere bildungspolitischen/pädagogischen Weltbilder regelrecht vorführen und zwar durch Bildungserfolg und moralisch/menschliche Reife gleichermaßen.

    Es dürfte wohl nicht zuletzt die Musik sein, die dafür sorgt und die den Motetten-Besuchern regelmäßig "Hier und Jetzt"-Erlebnisse beschert, die auf Dauer regelrecht weltbildverändernd wirken.

    Herr Wolff hat diesen Kontext erkannt. Es bleibt ihm dennoch zu wünschen, dass er gemessen daran weniger Energie in Nebenkriegsschauplätzen der Stadt Leipzig (evtl mit Ausnahme der UniKirche) verliert, sondern den allgemeinen Erkenntnisgewinn mittels gesprochenem (geistlichem) Wort nicht so sehr von guten und schlechten Tagen abhängig macht...

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