ZEIT: Wird Ihnen das nie zur Bürde?

Wolff: Es ist eine logistische Herausforderung. Aber wir sind gesegnet mit sehr guten Kirchnern. Miserabel bezahlt, aber stolz auf ihre Aufgabe.

ZEIT: Worauf sind Sie selbst denn stolz?

Wolff: Dass wir es zum 800. Jubiläum der Thomana geschafft haben, den Bildungscampus »forum thomanum« zu eröffnen. Er besteht aus Kindertagesstätte, Grundschule, Alumnat des Thomanerchores, Thomasschule. Wir nutzen das Erbe des Chores für ein modernes Bildungsprojekt, das auf Glauben, Singen und Lernen beruht.

ZEIT: Eine christliche Kaderschmiede?

Wolff: Nein. Wir wollen zeigen, dass Kinder nicht nur Freude haben am Ententanz, sondern auch an klassischer Musik. Unsere Gesellschaft braucht mehr kulturell gebildete, religiös gebundene, sozial kompetente, demokratisch gesinnte Menschen.

ZEIT: Wie finanzieren Sie sich?

Wolff: Die Kita mit hundert Plätzen finanziert sich in freier Trägerschaft über Elternbeiträge, städtische Zuschüsse, Eigenmittel et cetera. Die Musikpädagogik funktioniert über Sonderbeiträge der Eltern. Aber wir vergeben auch Stipendien. Das Klischee von der Eliteschule stimmt weder für die Schule noch für den Chor, was die soziale Zusammensetzung angeht.

ZEIT: Und wie steht es um die Kirchenfinanzen?

Wolff: Als 1996 die Westförderung wegfiel, hatte der Haushalt der Kirchgemeinde St. Thomas plötzlich ein Minus von 400000 Mark. Da war mir klar, so kann das nicht weitergehen. Es gab ja fast keine Einnahmen außer den Kollekten. Heute haben wir eine Stiftung, einen Verein Thomaskirche-Bach 2000, der in seiner 15-jährigen Geschichte sechs Millionen Euro an Spenden akquiriert hat, einen Thomasshop und eine GmbH. Wir werben offensiv um Spender und Sponsoren.

ZEIT: Was war schwierig in den letzten 20 Jahren?

Wolff: Ich rede nicht gern über Schwierigkeiten. Ich will sie lieber überwinden.

ZEIT: Momentan kämpfen Sie gegen eine Glaswand, die den Neubau der Universitätskirche St. Pauli im Herzen Leipzigs verschandeln soll.

Wolff: Sie ist ein architektonischer, akustischer und klimatischer Unsinn. Das weiß jeder. Aber Einsicht und tatsächliches Handeln klaffen gerade im universitären Bereich auseinander. Deshalb kämpfe ich weiter.

ZEIT: Warum so hartnäckig?

Wolff: Weil die Sprengung der Universitätskirche durch die DDR ein verbrecherischer Akt war. Weil Universitätsgemeinde und Universitätsmusik wieder eine Heimat brauchen. Vor allem aber, weil dem modernen Wissenschaftsbetrieb ein Ort guttut, an dem Glaube und Vernunft in einen kritischen Dialog treten. Es geht nicht darum, wissenschaftliche Forschung zu klerikalisieren, sondern den Blick zu weiten. Es geht um Kirche als Ort des freien Wortes. Denken Sie an die Endphase der DDR. Wir müssen solche Orte der Freiheit auch in der Demokratie bewahren.