Martenstein"Ich bin, im weitesten Sinne, eher ein Anhänger der Sexualität"

Harald Martenstein über Sex als politisches Thema. von 

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen

Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen  |  © Nicole Sturz

Eine Dozentin des Berliner Instituts für Sexualpädagogik hat mir eine Mail geschrieben. Das Institut für Sexualpädagogik wolle zukünftig auf seiner Homepage Texte über Sexualität veröffentlichen, die von sogenannten »Promis« verfasst wurden, einem Personenkreis, dem mich die deutsche Sexualpädagogik irritierenderweise zurechnet. Sie schreibt: »Wir sind Fans Ihrer Meinung zur Sexualität. Sie liegt genau auf unserer Linie!«

Das verwirrt mich. Bisher ist mir nicht bewusst gewesen, dass ich zum Thema Sexualität so etwas wie eine Meinung habe. Sollte man sich in der Sexualität denn nicht eher auf Gefühle verlassen als auf eine politische Linie? Nun, das Institut für Sexualpädagogik kennt sich da gewiss besser aus als ich.

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Meiner Meinung nach ist Sexualität , ähnlich wie der Euro oder das Fernsehen, mit gewissen Einschränkungen politisch zu befürworten. Ich bin eher ein Anhänger der Sexualität. Der durch Sexualität verursachte Schaden (Überbevölkerung, Krankheiten, Verbrechen) wird durch den Nutzen mehr als aufgewogen. So sehe ich das im Grundsatz. Nun die politische Feinarbeit.

Die Einführung eines freiwilligen sexuellen Jahres als Alternative zur ehemaligen Wehrpflicht lehne ich ab. Wer Sexualität zu anstrengend findet, frauenfeindlich, schlecht für die Karriere, klimaschädlich oder unhygienisch – meinetwegen. Ganz falsch ist das alles ja nicht. Es wird bei der Sexualität, wenn der Mensch sie mit Engagement betreibt, zum Beispiel eine Menge Wärme erzeugt. Für das Eis an den Polen kann das unmöglich folgenlos bleiben. Wenn ich mir vorstelle, dass wegen jedes Sexualaktes, oder vielleicht auch nur wegen jedes zehnten, irgendwo in der Arktis ein Eisbärbaby sterben muss, ja, sicher, das würde mich schon sehr, sehr nachdenklich machen. Ich glaube allerdings nicht, dass ich, also ich persönlich, mein Verhalten deswegen ändern würde. Ich wäre lediglich vor und nach dem Sexualakt sehr nachdenklich. Falls die Regierung aber eine Quotierung der Sexualität ins Auge fassen sollte oder, was ich für wahrscheinlicher halte, die Einführung einer Sexualitäts-Ertragsteuer, von Bußgeldern für Raser, EU-Normen für die Dauer des Nachspiels, einer nach sexuellen Vorlieben gestaffelten Praxisgebühr oder einer Solidaritätsabgabe für europäische Staatsoberhäupter, die sich aus sexuellen Gründen verschuldet haben, dann, liebes Institut für Sexualpädagogik, werden Sie auch mich auf den Barrikaden finden. Ist das schon eine Meinung?

Der französische Dichter Michel Houellebecq , zweifellos ein Promi, sagt, dass in unserer Gesellschaft die Sexualität extrem ungleich und ungerecht verteilt ist. Manche Leute haben viel Sex, vor allem gut aussehende, charmante oder reiche Menschen. Andere haben gar keinen. Faktoren wie Hässlichkeit, Armut, Dummheit oder ein abstoßender Charakter scheinen sich auf dem sexuellen Markt extrem ungünstig auszuwirken. Houellebecq behauptet, dass nur die Prostitution solchen Individuen – beiderlei Geschlechts – eine Chance biete, dieses menschliche Urbedürfnis irgendwie zu befriedigen. Houellebecq ist folglich ein lebhafter Befürworter der Prostitution. Und es ist ja wirklich erstaunlich, dass unser Sozialstaat in seinem Bemühen um gerechte Verteilung aller Güter ausgerechnet die relativ wichtige und stark nachgefragte Sexualität bis heute ausgespart hat. Also, wenn Sie mich fragen, da wäre Luft für noch eine weitere Partei, wo jetzt sogar schon das Internet eine eigene Partei hat.

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Leserkommentare
  1. gab's schon mal, sie hatte 1972 die Anmeldung zur Bundestagswahl vergessen.
    Weshalb wohl?

    • Behh
    • 08. November 2012 14:26 Uhr

    Wer sich für die Gründung einer Sexpartei interessiert, sollte versuchen, Ilona Staller (Cicciolina) als Frontfrau oder Beraterin zu gewinnen. Sie ist mit ihrer "Liebespartei" schon 1987 in das italienische Parlament gewählt worden. Mit ihren fast 61 Jahren ist Cicciolina heute auch glaubwürdig bei zukunftsträchtigen Themen wie Altersbedürftigkeit.

  2. Hmmm, wir brauchen ein Gesetz welches das Recht auf die sexuelle Grundsicherung festschreibt. Vielleicht ließe sich da auch was machen in Verbindung mit dem Bundesfreiwilligendienst? Nur so Gedanken..:-)

  3. immer wieder köstlich.

    Wahrscheinlich ist es mit Martenstein wie mit der Politik: Nur eine konservative Regierung kann die Wehrpflicht aussetzen und nur eine rot/grüne die Harz-Gesetze beschließen und nur einer aus der Alterskohorte der politisch korrekten 68er (die Geißel der Demokratie) darf die "Gutmenschen" so entlarven - ja gerade zu vorführen.

    Einfach köstlich!

    2 Leserempfehlungen
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    Köstlich fand ich die Kolumne auch. Dennoch frage ich mich, welches Demokratieverständnis bei Ihnen,schulzholger, zugrundeliegt.

    Mir fallen da doch andere Bedrohungen der Demokratie ein als 68er.

  4. Wofür werden diese Kanaillen wohl als nächstes ein Institut erfinden? Das für "Sexualpädagogik" kannte ich noch gar nicht. Das erinnert mich daran, dass ich einmal in einer Dokumentation zum Geschlechtsakt eine Frau sah, die sie mit "Expertin für Analverkehr" untertitelt hatten. Die Sexualität - ein Thema für objektive Wissenschaftler und verkopfte Pädagogen? Vorbei die Zeit, in der sexuelle Expertise höchstens noch unter Freunden ausgetauscht, zum größten Teil aber selbst "erarbeitet" wurde? Ich wundere mich. Nun denn: Auf, Herr Martenstein, schreiben sie denen was Schönes!

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    Sexualpädagogen sind gar nicht so unnütz. Sie sitzen zum Beispiel bei Pro Familia und klären auf, beraten und stehen Jung und Alt bei jeglichen Fragen, Ängsten, Entscheidungen und Untersuchungen bei.

  5. Da fällt mir spontan der wunderbare neue Song von Bernadette La Hengst ein "Gib mir Grundeinkommen Liebe heute Nacht..." :)

    Aber ich muss sagen, dieses ist das erste Mal, dass mir die Kolumne ZU albern und zu unfokussiert war um mich so zu erfreuen wie sonst jede Woche. Na gut, vielleicht wurde Harald Martenstein durch das Thema abgelenkt und er war mit Anderem beschäftigt, hatte keine Energie mehr für goldene, klare Kolumnengedankengespinste... das wäre die einzige für mich schöne Erklärung. Ansonsten freue ich mich wieder auf die nächste Woche! :)

  6. Sexualpädagogen sind gar nicht so unnütz. Sie sitzen zum Beispiel bei Pro Familia und klären auf, beraten und stehen Jung und Alt bei jeglichen Fragen, Ängsten, Entscheidungen und Untersuchungen bei.

    Eine Leserempfehlung
  7. Köstlich fand ich die Kolumne auch. Dennoch frage ich mich, welches Demokratieverständnis bei Ihnen,schulzholger, zugrundeliegt.

    Mir fallen da doch andere Bedrohungen der Demokratie ein als 68er.

    Antwort auf "Köstlich "
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    Es gibt in der Tat einige Bedrohungen der Demokratie - Islamismus & NeoNazis beispielsweise - gegen diese wehrt sich unsere Demokratie und daher befürchte ich bei beiden nicht wirklich, dass sie unsere Demokratie im Kern gefährden können (jedenfalls nicht als alleinige Ursache).

    Die 68er haben der deutschen Gesellschaft (und damit der Demokratie) einen großen Schub gegeben - wir haben uns positiv weiterentwickelt. Aber:

    1) Wie jede Generation ist auch diese von der eigenen Wahrheit überzeugt dummerweise werden wir alle immer älter und wir zeugen weniger Nachwuchs, womit effektiv der Generationswechsel (und somit die Möglich die Fehler dieser Generation zu benennen und zu ändern) hinausgezögert wird (um 2-3 Jahrzehnte?).

    2) Die 68er haben die mit der politische korrekten Sprache etwas geschaffen, das uns zu einer in vielen Bereichen sprachlosen Gesellschaft gemacht hat. Probleme auch nur zu benennen ist extrem mühsam, das es fast nicht möglich diese zu beschreiben, ohne dass die Diskussion sich anschließend nur noch um die Wortwahl dreht oder um die Politische Ausrichtung des Sprechers/Schreibers dreht. Sehen können Sie daran, dass sich große Teile der Bevölkerung von politischen Diskussionen fernhalten, da sie befürchten müssen von einer kleinen Clique als sexistisch, rassistisch oder schlimmeres gebrandmarkt zu werden.
    Die "Öffentlichkeit" also das ca. eine Prozent Politologen, Soziologen und Publizisten die unser Land lenken missversteht die Stille aus Zustimmung.

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  • Serie Martenstein
  • Schlagworte Michel Houellebecq | Armut | Bußgeld | Praxisgebühr | Prostitution | Sexualität
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