SaunaritualGekonnt abdampfen

In der Moskauer Astrachanskaja Banja schwitzt man noch wie zu Sowjetzeiten. Unsere Autorin hat sich unter die Saunagängerinnen gemischt. von Diana Laarz

Ich bin nackt. Ich schwitze. Ich fege. Bei dieser Erkenntnis kann man schon mal den Schwung verlieren. Aber Tatjana Dmitrowna ist auf der Hut. Ihre Brummstimme rollt durch die feuchtschwangere Luft: »Schön fegen, Kindchen. Alle Blätter müssen weg.« Ich packe den Besenstiel fester und schrubbe weiter Birkenlaub vom Holzfußboden. Der Schweiß fließt in Sturzbächen. Im Vorübergehen wirft Tatjana mir einen amüsierten Blick zu. Einen, der sagt: »Das hast du jetzt davon.«

Recht hat sie. Ich war es, die unbedingt wissen wollte, wie es in einer öffentlichen russischen Sauna, der Banja, zugeht. Und ich habe Tatjana gefragt, ob sie es mir zeigt: Sie entscheidet jeden Freitagabend in der Astrachanskaja Banja in Moskaus Norden über Dampf und Gloria.

Anzeige

Öffentliche Saunen wie die Astrachanskaja sind selten geworden in der russischen Hauptstadt. Ein Teil schloss Anfang der neunziger Jahre, ein anderer Teil wurde privatisiert und gleicht nun eher dem Spa-Bereich eines Luxushotels – mit entsprechenden Eintrittspreisen. In der Astrachanskaja Banja aber fühlt man sich in Sowjetzeiten zurückversetzt. Hier hat garantiert seit 25 Jahren kein Handwerker vorbeigeschaut. Etliche Fliesen fehlen, aus dem Holzfußboden sind fingerdicke Splitter gerissen; und zwischen den Banja-Gängen wird die Schwitzkammer von Freiwilligen gefegt oder Zwangsrekrutierten wie mir. Tatjana Dmitrowna pflegt eine Freundlichkeit im Feldherrenstil: »Vergiss die Ecken nicht!« Erst als mein Gesicht eine ähnliche Farbe annimmt wie die Glut im Ofen, hat sie ein Einsehen: »Los jetzt, schnell unter die kalte Dusche! Und dann komm wieder.«

Dass ich es hier nicht leicht haben würde, ahnte ich, als ich eine halbe Stunde zuvor die Umkleide betrat. Die Banja besteht aus vier Räumen: Schwitzraum, Duschraum, eine Art Schönheitssalon – und die Umkleide, die vielmehr ein Tratschtempel ist. Hier ruhen sich die Frauen zwischen den einzelnen Banja-Gängen aus, in Viererabteilen, ähnlich denen in einem Zug. Bei sauren Gurken und eingelegtem Fisch diskutieren sie über die Karrieren ihrer Enkel und Russlands Präsidentenqual. Die Frauen, die sich regelmäßig hier treffen, nennen sich kompanija – Mannschaft. Heute, am Freitag, ist also die Freitagabend- kompanija an der Reihe. Eine Art Sauna-Verschwörungsrunde, die jeden erst mal auf Herz und Nieren prüft, bevor sie ihn in ihrer Mitte aufnimmt.

Als ich eintrat, gab es ein großes Hallo. Ein paar Worte mit schwerem Zungenschlag und wenige naive Fragen später war ich als Deutsche und Banja-Neuling enttarnt. Drei nackte Frauen bauten sich vor mir auf, eine stemmte die Hände in die Hüften, vor Schreck schlang ich mein Handtuch noch ein wenig fester um mich. Ob es denn stimme, dass in Deutschland Männer und Frauen gemeinsam schwitzten? Man habe da so ein Gerücht gehört. Ich musste das zwangsläufig bestätigen. Die drei schüttelten den Kopf, dann sah ich nur noch ihre gut gepolsterten Rücken, die sich wackelnd entfernten.

Jetzt stehe ich unter der Dusche, während ein paar besonders Mutige nebenan in einen schrankhohen Kübel mit eiskaltem Wasser steigen. Und nicht nur mein Körper, auch mein Gemüt kühlt ab: Irgendwie hatte ich mir das alles anders ausgemalt. Warum widmen wir uns nicht den spannenden Lektionen? Zum Beispiel den Bündeln aus eingeweichten Birkenzweigen, den Weniki, mit denen sich die Banja-Gänger angeblich verprügeln. Und was ist mit meinen Mitbringseln? Der Befehl von Tatjana am Telefon klang dringend, Maisgrieß und Kaffeepulver solle ich unbedingt dabeihaben. Jetzt wüsste ich gern mal, wofür.

Zum Fragen bleibt keine Zeit. Tatjanas Großmuttergesicht erscheint im Spalt der massiven Holztür zur Schwitzkammer. »Fertig zum Dämpfen?« Ich sehe schon wieder ihre listigen Lachgrübchen – und bin mir nicht ganz sicher. Doch wer zaudert, eckt an in einer russischen Banja: Einem oft und genüsslich wiederholten Gerücht zufolge wurde der »falsche Dmitri«, ein Hochstapler aus Polen, der sich Anfang des 17. Jahrhunderts bis auf den Zarenthron hochschwindelte, nur entlarvt, weil er der Banja nichts abgewinnen konnte. Ein Herrscher, der nicht gern schwitzte – das kam den Untertanen irgendwie unrussisch vor.

Schleunigst geselle ich mich zu den etwa 25 anderen Frauen, die auf Einlass in die Schwitzkammer warten. Wie sie trage ich eine Filzmütze und sonst nichts: Ohne Kopfbedeckung, so erklären mir die altgedienten Banja-Gängerinnen, hielte ich die Hitze keine Minute aus. Als die Frau mit dem Piratenhut neben mir, Natascha, die Beine aller Frauen mit einem Kübel kalten Wassers übergießt, bekomme ich einen extragroßen Schwaps ab. Ein paar Nachbarinnen kreischen solidarisch mit mir. Vielleicht haben sie mich doch schon ein bisschen ins Herz geschlossen.

Leserkommentare
  1. und am Leben des Gastlandes teilzunehmen.

    Eine Leserempfehlung

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Artikel Auf einer Seite lesen
  • Schlagworte Moskau | Russland | Tourismus
Service