NSU-TerrorZeigen, was war

Das Deutsche Historische Museum will den NSU-Terror zum Teil seiner Ausstellung machen. Wie soll das gehen? von Raoul Löbbert

Kaum ein Wort haben die Deutschen so gern wie das kleine Wort "historisch". Ob die letzte Ausgabe Wetten, dass..? mit Gottschalk, ob der erste grüne Oberbürgermeister in Stuttgart oder der verdaddelte Sieg der deutschen Nationalelf gegen die Schweden – fast alles scheint heute für das Museum zu taugen. Davon abgesehen gibt es noch die wahrhaft historischen Ereignisse. Da glaubt man zu spüren, wie aus Gegenwart Geschichte wird. Bei der Euro-Krise etwa.

Oder als feststand, dass in diesem Land ein "Nationalsozialistischer Untergrund" existierte. Vor einem Jahr wurde der NSU rein zufällig enttarnt. Der Terror von rechts hat sich, so scheint es, seitdem fest ins deutsche Langzeitgedächtnis gegraben. Dabei tagen die Untersuchungsausschüsse weiterhin; und der Prozess gegen Beate Zschäpe, die einzige noch lebende mutmaßliche NSU-Terroristin, hat nicht einmal begonnen. Vielleicht trügt ja der Schein. Vielleicht ist das Trio, das über zehn Jahre mordend durch die Republik zog, weit weniger historisch relevant, als man gemeinhin glaubt – trotz aller Traumata, die diese finstere Bande über das Land gebracht hat. Trotz allen Leids, dass sie ihren Opfern zufügte.

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Vielleicht wirkt dieser "Untergrund" nur historisch, weil er an so viele Traumata der deutschen Geschichte erinnert – an die kollektive Verdrängung der Naziverbrechen in den Fünfzigern, den Linksterror der Siebziger oder den abgehängten Osten der Neunziger. Man muss wohl in Museen nachfragen, um zu erfahren: Bedeutet das, was Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt getan haben, eine historische Zäsur – wie einst die Taten der RAF in den Siebzigern?

"Brandaktuelles" gehöre eben in sein Museum, sagt ein Direktor

Alexander Koch ist davon überzeugt. Er will den Untergrund ausstellen. Das hat der Präsident des Deutschen Historischen Museums in Berlin jüngst in einem Interview gesagt. "Brandaktuelles" wie das Terror-Trio gehöre in sein Museum – vielleicht, so Koch, gekoppelt an die NS-Zeit. Wie die "brandaktuelle" Zelle sich genau in den Organismus der deutschen Geschichte – 2000 Jahre davon werden in Berlin gezeigt – integrieren lässt, sagte Koch nicht. Auch auf Nachfrage bleibt er unspezifisch. Es tue ihm leid, mailt er, er habe so viel mit der Geschichte seines Museums zu tun (es ist jüngst 25 Jahre jung geworden), dass er sich zum NSU nicht mehr äußern könne. Bleibt nur die Vorstellung: Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe in Nachbarschaft zum Diktator Adolf Hitler – das hätte den dreien sicherlich gefallen.

Möglicherweise ist die deutsche Historie im Deutschen Historischen Museum etwas zu groß für die Zwickauer Zelle. Vielleicht wäre das Bonner Haus der Geschichte (HdG) ein passenderer Ort für die Auseinandersetzung mit dem Trio. Der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl ließ ihn in den Neunzigern errichten, um an die Wende, den Sieg der Bonner Republik über die DDR und den Rest zu erinnern.

Doch im Haus der Geschichte fehlen die Namen Zschäpe, Mundlos, Böhnhardt. Dabei will man dort Geschichte bis zur Gegenwart erzählen. Dieser Ansatz, das wissen die Verantwortlichen, droht mehr und mehr zu scheitern, je näher man dem Jetzt kommt. Denn ein Museum braucht Distanz zu der Epoche, die es behandelt. Dass man dem Zwickauer Terror-Trio oder dem Versagen des Verfassungsschutzes nicht gleich einen Raum freigeräumt hat, ist also verständlich. Auch andere Feinde der Demokratie fehlen. Es bleiben selbst Osama bin Laden und Mohammed Atta unerwähnt. Beinahe wirkt das auch tröstend: Im Haus der Geschichte ist das 21. Jahrhundert noch in Ordnung. Da denkt man nicht an Hamburger Schläfer, an den 11. September. Okay, die Bundeswehr kämpft in Afghanistan, davon zeugt kaputtes Kriegsgerät. Doch warum und wofür sie kämpft, ist den Ausstellern wohl so schleierhaft wie vielen Deutschen. Immer noch spiegelt das HdG die bundesrepublikanische Geschichte, wie Helmut Kohl sie sah: mit 1945 als Anfang und der Wende als Happy End. Was soll danach noch kommen?

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