Burgenland : Es lebe die Gans!
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 Auf 420.000 Quadratmetern weiden wieder über 4.000 Gänse

Die wilde Schwester der Hausgans – Anser anser – gab es natürlich schon, bevor der Mensch sein erstes Schilfzelt am Neusiedler See aufstellte. Und dort sind sie noch immer. Zwischen Kiebitzen, Großen Brachvögeln und Silberreihern rasten im Winter bis zu 40.000 Grau-, Bless- und Saatgänse auf dem See und den kleinen und großen salzigen Lachen in der flachen Steppe. Tagsüber weiden sie auf den Wiesen. Wenn die Sonne wie eine rote Qualle in den grauen Dunst sinkt, kehren sie zurück als »Gänsestrich«, wirbelnde schwarze Lappen und breite flatternde Bänder, in der Luft gestrafft und wieder zusammengeknüllt. Quackelnd lassen sie sich auf dem Wasser nieder, über das der Wind ihre Flaumfedern treibt. Das Schilf leuchtet golden. Noch eine kleine Besprechung, dann stecken sie den Schnabel unter den Flügel, und Ruhe ist.

»Bis in die sechziger Jahre hatte bei uns jeder Bauer eine kleine Gänseherde«, erzählt Brunhilde Wachter, Wirtin und Winzerin, beim Gänseessen im Ratschen, dem Restaurant der Familie Wachter-Wiesler, das hoch über Deutsch Schützen in den Weinbergen liegt. »Das war ein Schnattern und Pritscheln, wenn die morgens zum Dorfteich zogen.« Sie ist 74 und bückt sich immer noch nach der Serviette, die ein halb so alter Gast neben den Tisch fallen gelassen hat. »Und abends sind sie wieder zurückgewatschelt; jede Gans wusste, wo sie hingehörte.«

Im Winter trafen sich die Frauen im Dorf zum Federnschleißen. Dabei wurde der Flaum von den Federn gezupft und in Kissenhüllen gestopft. Die halbwegs kahlen Kiele flochten sie zu »Federwischerln« zusammen, mit denen Herdfeuer angefächelt wurden. Junge Nichtsnutze hätten beim Federnschleißen gern die Türen aufgerissen und die Hühner ins Haus gescheucht. »Das war ein Gestöber«, erzählt Brunhilde Wachter und lacht. »Wir waren wie gefedert.« Dann widmet sie sich aufmerksam dem Blaufränkischen im Glas und der Gans auf dem Teller: ein Stück Brust, ein Stück Keule, Weißkraut, gedämpfte Quittenschnitze und Dörrpflaumen.

Mit dem Geschnatter und Gepritschel im Teich war es vorbei, als es mit der kleinteiligen Landwirtschaft bergab ging. Gänse wurden in Mastanlagen produziert mit künstlichem Licht über dem Kopf und Gittern unter den Watschelfüßen. Doch seit 2002 hat die burgenländische Weidegans neue Freunde. 19 Züchter, die ihre Vögel im Freien halten, haben sich zusammengeschlossen, sechs davon wirtschaften nach biologischen Richtlinien. Auf 420.000 Quadratmetern weiden wieder über 4000 Gänse.

Wenn man sie lässt, werden sie sehr viel älter als 28 Wochen. Die älteste Gans, von der Erich Stekovics gehört hat, wurde mit 98 Jahren in den USA überfahren. Stekovics, Obst- und Gemüsebauer und ehemaliger Religionslehrer, ist für zwei Erzeugnisse seiner Scholle berühmt: 120 Sorten Tomaten und drei Sorten Gänse. Im Norden, wo er wirtschaftet, ist es weniger pittoresk als im Südburgenland. Der Blick fliegt ungehindert über endlose abgeerntete Maisfelder, Strohwalzen, schwarze Ackerböden und Rebzeilen. Halden von Zuckerrüben säumen die Feldwirtschaftswege, auf denen enorme Traktoren ihre Gerätschaften ausfahren.

Doch »so schön wie bei mir haben sie es nirgends«, sagt der Gänsezüchter Stekovics. Er steht auf einer acht Hektar großen Weide, die von einem Obstbaumhain gesäumt ist: Aprikosen und Weinbergpfirsiche, kleine gelbe Maschansker Äpfel und Maulbeerbäume. Der Saum ihres Blätterkleids ist so weit abgefressen, wie die Hälse reichen. Gänse lieben Maulbeeren. Acht Tonnen verfüttert Erich Stekovics an die kleinen Gössel in ihren ersten sechs Lebenswochen. Danach gibt es Gras, ein bisschen Stroh, Weizen, Hafer, Blätter und Fallobst. Aber nur die süßen Äpfel; die sauren lassen sie liegen. Gänse stopfen? Herr Stekovics ist entsetzt. »Das ist die Tragödie der Gänse«, eine unsägliche Qual, an deren Ende der Vogel an der Leber, die ein Drittel seines Körpergewichts ausmacht, zu ersticken droht.

Der Züchter betrachtet seine Vogelschar wie ein Erholungssuchender das Meer

Auf seiner Weide wogen weiß und grau gescheckte Pommerngänse, stattliche weiße Emdener, fränkische Landgänse und dazwischen eine kleine Lockengans mit ausgerollten Federn wie ein skandalisiertes Premierenpublikum durcheinander. Jede Gans hat eine Meinung zu dem, was hier gespielt wird, und trompetet sie unverzüglich hinaus. Keine will den Anschluss an ihre Clique verpassen. »Sie schreien sich zusammen«, sagt Erich Stekovics. Er betrachtet seine Gänse wie ein Erholungssuchender das Meer. Alle gehören einer alten Haustierrasse an, die vom Aussterben bedroht ist. Er schätzt »die treuen Liebschaften« der Vögel, die ruhigen, mütterlichen Gänsetypen und die streitbaren Gänseriche mit dem langen Hals und der hellen Stimme.

Unter den Apfelbäumen besteigt einer aus der Pommernsippschaft gerade eine Gans, ein von den Umstehenden heftig bekakelter Akt. Herr Stekovics behält ihn im Auge. »Das ist ja ein ganz ein Ungeschickter! Er soll sein Spiel machen und fertig, nicht eine halbe Stunde auf der Gans treten.« Das heißt? Dieser Ganter wird nicht alt.

Und wenn es ihn gelüstete, dem Tod davonzufliegen, wie Martin, der weiße Gänserich, der mit Nils Holgersson auf dem Rücken den Wildgänsen folgt? »Er weiß nicht, wie das geht«, sagt Stekovics. Hausgänse können nur flügelschlagend ihr Gewatschel beschleunigen, sie kommen über keinen 30 Zentimeter hohen Zaun. Allerdings ist in seiner Schar eine Graugans gelandet, die weiß, wie es geht. Darüber gab es eine lautstarke Erregung, aber nur eine von 400 hat es der wilden Schwester nachgemacht und das Fliegen gelernt.

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Allesfresser?

Es sterbe die Gans!

Wir töten Lebewesen im Wasser, zu Land und in der Luft, nicht weil wir sonst nicht überleben könnten, das können wir sehr wohl, sondern weil es uns Spass macht. Die grösste Befriedigung für den Menschen ist das Töten, das umgebrachte Lebewesen hinterher auch noch fressen ist sekundär, sozusagen der gesellschaftsfähige Ausklang des Mordens. Positiv anzumerken ist, dass wir den Kannibalismus inzwischen aufgegeben haben...

"Mitleid mit den Thieren hängt mit der Güte des Charakters so genau zusammen, daß man zuversichtlich behaupten darf, wer gegen Thiere grausam ist, könne kein guter Mensch seyn." - Arthur Schopenhauer, Grundlage der Moral, §19