PolenWarum glauben so viele Polen, ihr Präsident sei umgebracht worden?

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Es wurden 96 Menschen ermordet«, sagte Jarosław Kaczyński vor einigen Tagen. »Darunter der Präsident der polnischen Republik und andere herausragende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.« Jarosław Kaczyński war noch bis vor fünf Jahren Chef der polnischen Regierung, heute führt er die Opposition an, die unaufhörlich die jetzige Regierung für den Absturz der Tupolew 154M am 10. April 2010 verantwortlich macht. Damals war sein Zwillingsbruder Lech mit einer hochrangigen Staatsdelegation unterwegs ins russische Smolensk, um der Opfer von Katyn zu gedenken; 70 Jahre zuvor waren an diesem Ort Tausende polnische Offiziere vom sowjetischen Geheimdienst hingerichtet worden. Um 8.41 Uhr stürzte die Maschine beim Landeanflug ab. Jarosław Kaczyński ist sich sicher, dass es kein Unfall, sondern ein Anschlag war.

Mit seiner Meinung steht er nicht allein da; dem Umfrage-Institut CBOS zufolge, halten 26 Prozent aller Polen es für denkbar, dass der Absturz ein Anschlag war.

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Die Verschwörungstheorien sind in den letzten zwei Jahren nicht blasser geworden, im Gegenteil: Sie ziehen immer mehr Menschen an. Beflügelt werden die Fantasien von geschichtlichen Erfahrungen: Beide Länder, Polen und Russland, teilen eine traumatische Geschichte. Anfang des 17. Jahrhunderts eroberten polnische Truppen Moskau; zwei Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs schlug ein polnischer General sowjetische Truppen vor Warschau zurück; im Zweiten Weltkrieg handelten Hitler und Stalin heimlich aus, Polen aufzuteilen.

Eine Zeitung behauptet, es seien Sprengstoffspuren im Wrack aufgetaucht

Doch schuld ist nicht nur die Geschichte; ebenso sind die polnische und die russische Regierung verantwortlich: Von Anfang an befeuerten eine Menge Ungereimtheiten die Verschwörungstheoretiker. »Der Regierung fehlt bis heute eine Informationspolitik«, sagt Edmund Klich. Der Oberst im Ruhestand vertrat bis zu seiner Entlassung die polnische Seite in einer polnisch-russischen Untersuchungskommission, die in einem gemeinsamen Bericht die Ursachen für den Absturz darlegen sollte. Klich reiste nach Russland, doch ihm wurde der Zugang zu den Aufzeichnungen verweigert. Militärische Dokumente wurden nicht freigegeben, das Flugzeugwrack liegt bis heute in Smolensk und darf nicht nach Polen gebracht werden. Russland veröffentlichte schließlich einseitig einen Bericht, der dem Piloten die alleinige Schuld zuwies.

Klich ist fest davon überzeugt, dass es sich um ein klassisches Flugzeugunglück handelt, verursacht durch eine Kette von Fehlentscheidungen. »Doch von Anfang an wurde die Öffentlichkeit nicht angemessen informiert. Die Regierung und die Miller-Kommission haben nichts gesagt.« Die Miller-Kommission war von der polnischen Regierung nach dem Desaster mit den Russen berufen worden, um das Unglück aufzuklären. »Dadurch entstand diese Atmosphäre.«

In »diese« Atmosphäre schlägt die jüngste Meldung der konservativen Tageszeitung Rzeczpospolita ein, die sich zum Medienskandal entwickelt hat. Journalisten der Zeitung haben auf ihrer Titelseite verkündet, es seien Spuren von Sprengstoff an dem Flugzeugwrack gefunden worden, Nitroglycerin und Trotyl; die Staatsanwaltschaft habe Premierminister Donald Tusk über den Fund informiert.

Es sind erfahrene Redakteure, die für den Bericht verantwortlich zeichnen. Aber sie nennen keine Quellen. Der zuständige Militärstaatsanwalt lässt schließlich jeglichen Fund dementieren. Übrig bleibt dann aber doch dieser Satz: »Erst Laboruntersuchungen können die Grundlage für die Aussage sein, ob Sprengstoffspuren vorhanden sind oder nicht.«

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