Krimiautorin Donna Leon"Die heimliche Rache der Machtlosen"

Die Krimiautorin Donna Leon war als junge Frau Lehrerin in Saudi-Arabien. Sie litt an dem Land – und machte sich darüber lustig. von Herlinde Koelbl

Krimiautorin Donna Leon

Krimiautorin Donna Leon  |  © Getty Images

ZEITmagazin: Frau Leon, in einer Ihrer Kurzgeschichten beschreiben Sie Ihre Mutter als verrücktes Huhn. Steckt ein wenig von Ihrer Mutter in Ihnen?

Donna Leon: Ja, eine Menge. Meine Mutter liebte Witze und Wortspiele. Sie war aktiv und abenteuerlustig. Ich vermisse sie immer noch. Genau wie sie bin ich ein eher glücklicher und unbekümmerter Mensch. Ich wache morgens auf und denke: Klasse, ich habe noch einen weiteren Tag! Einen Tag mehr zum Spielen, Spaßhaben und Glücklichsein. Meine Eltern verlangten von mir nie Ehrgeiz, aber sie legten Wert auf eine akademische Ausbildung.

Anzeige

ZEITmagazin: Sie haben einen Doktortitel in Englischer Literatur?

Leon: Nein, ich wollte, aber... Als ich in den siebziger Jahren im Iran unterrichtete, arbeitete ich fleißig an meiner Doktorarbeit über Jane Austen. Und dann kam 1979 die Revolution, und wir mussten evakuiert werden. Ich dachte mir: Oh mein Gott, meine Bücher, meine Notizen, meine Entwürfe! Ich habe dann die fast 200 Seiten, die ich bereits geschrieben hatte, noch zweimal kopiert und jedes Exemplar in einen Extrakoffer gepackt. Alles wurde in die Staaten verschifft. Allerdings kam nie etwas davon an, außer der Benachrichtigung, dass die iranische Regierung alles beschlagnahmt habe. Ich fragte mich: Donna, kannst du den Gedanken ertragen, deine Dissertation noch mal komplett neu zu schreiben? Und ich merkte, nein, das kann ich mir nicht antun. Also ließ ich es sein.

ZEITmagazin: Alles weg? Waren Sie da nicht verzweifelt?

Das war meine Rettung
Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen

Alle Interviews aus der Serie des ZEITmagazins zum Nachlesen   |  © qsus/photocase

Leon: Nein. Als ich erfuhr, dass alles, was ich zu diesem Zeitpunkt besessen hatte, weg war, verspürte ich als Allererstes eine unglaubliche Erleichterung. Ich war das ganze Zeug los! Ich war frei!

ZEITmagazin: Bevor Sie sich 1981 in Italien niederließen, unterrichteten Sie an amerikanischen Schulen im Iran, in China und Saudi-Arabien. Sind Sie eine mutige Frau?

Leon: Nein, ich bin nicht mutig, ich bin nur schlecht darin, Konsequenzen vorherzusehen. So funktioniert mein Denken nicht. Mein Handeln ist geleitet von dem Gedanken: Oh, das habe ich noch nicht gemacht, und da bin ich noch nie gewesen. Das mache ich jetzt! Ich hatte, bis ich 50 wurde, nie längere Zeit einen festen Job, ich habe nie fürs Alter vorgesorgt. Finanzielle oder berufliche Sicherheit hatte für mich keine Priorität.

Schreiben Sie den ersten Kommentar!

    Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

    Service