Dramaturg Robert Koall"Der Schock ist weg"

Als Wolfgang Herrndorf den Bestseller "Tschick" schrieb, war er bereits schwer krank. Interviews gibt er keine. Hier spricht sein guter Freund, der Dramaturg Robert Koall. von  und

Robert Koall hat zum Gespräch ins Dresdner Staatsschauspiel geladen. Er ist hier der Chefdramaturg – und als solcher verantwortlich für einen der Hits dieser Theatersaison: Die Bühnenfassung des Roadtrip-Romans Tschick von Wolfgang Herrndorf. Mit Herrndorf, der an einem bösartigen Hirntumor leidet und sich aus dem öffentlichen Leben zurückgezogen hat, ist Koall eng befreundet

DIE ZEIT: Herr Koall, die Dresdner Inszenierung von Tschick ist für den Deutschen Theaterpreis nominiert, der am Wochenende vergeben wird. Sie kamen an diesen tollen Stoff, weil der Autor des Romans, Wolfgang Herrndorf, Ihr guter Freund ist?

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Robert Koall: Ja, deshalb hatte ich sein Buch früh in der Hand – als es monatelang noch unentdeckt in den Regalen lag. Daher hat uns der Verlag die Aufführungsrechte überlassen. Wir haben Tschick als Petitesse in den Spielplan genommen. Einfach, weil wir es so schön fanden. Wir hatten ein Jahr Zeit, um die Theaterfassung zu entwickeln. Und in diesem Jahr schoss das Buch sozusagen durch die Decke. Plötzlich hatten wir die Uraufführung eines preisgekrönten Autors: Jugendliteraturpreis und diverse andere Auszeichnungen. Spiegel- Bestsellerliste. Plötzlich las alle Welt Tschick. Da hatten wir einfach Glück.

ZEIT: Man hört, dass bei Ihnen am Staatsschauspiel die Kassenfrauen aufbegehrten. Was war da los?

Koall: Ja, Sie haben recht. Die meldeten sich bei uns im Betriebsbüro und flehten: »Setzt öfter Tschick auf den Spielplan !« Weil sie mit der Nachfrage nicht mehr fertigwurden. Die Leute reagieren aggressiv, wenn die das vierte Mal anrufen und immer nur hören: Ausverkauft! Was nun? Ein Spielplan ist ein kompliziertes Gebilde. Man kann das Stück nicht plötzlich 15 Mal im Monat ansetzen. Die fünf Kollegen, die mitspielen, sind ja auch anderweitig gebunden. Also haben wir probeweise einen größeren Saal genommen.

ZEIT: Mit Erfolg?

Koall: Und wie! Inzwischen läuft das Stück im großen Saal des Kleinen Hauses, trotzdem ist es auf Wochen hin ausverkauft. Und was uns glücklich macht: Es passt da rein wie angegossen. Die Schauspieler müssen zwar akustisch mehr auf die Tube drücken. Aber das Stück verliert nichts von seinem Kammerspiel-Charakter, das war die Überraschung für uns.

ZEIT: Wieso spielen Sie Tschick überhaupt im Kleinen Haus?

Koall: Hinterher heißt es immer: Ihr wart mutlos, das Stück nicht auf die große Bühne zu stellen. Buch-Bestseller sind doch eine sichere Bank. Aber wer das behauptet, ist ahnungslos!

ZEIT: Mittlerweile läuft Tschick an mehr als 30 Theatern in Deutschland, Österreich und der Schweizin der von Ihnen dramatisierten Fassung .

Koall: Ja, das ist echt verrückt. Man müsste mal ein Tschick- Festival machen, wo man alle Inszenierungen zeigt! Für uns ist dieser Erfolg ehrlich gesagt auch beinahe ein Nachteil: Als Tschick rauskam und so bejubelt wurde, dachte ich mir: Super, nun bekommen wir bestimmt ganz viele Gastspielanfragen. Und unsere Schauspieler werden in die ganze Republik eingeladen.

ZEIT: Es kam anders. Die Theater haben gleich selber inszeniert. Was hat das Stück zum aktuell meistgespielten Deutschlands gemacht?

Koall: Meine Antwort darauf ist letztlich banal: Es ist einfach ein super Stoff. Ich kenne niemanden, gleich welchen Alters, der das Buch angeödet zur Seite gelegt hat. Für Theater ist es ein dankbares Werk: eine Art Roadmovie, die Geschichte zweier Jungs auf der Flucht in die Walachei, die man mit wenigen Leuten auf die Bühne bringen kann. Den Erfolg des Dresdner Tschick erkläre ich mir auch mit der tollen Inszenierung von Jan Gehler und großartigen Schauspielern im Mittelpunkt. 

ZEIT: Wolfgang Herrndorf ist seit drei Jahren schwer krank, er leidet an einem Glioblastom, einem bösartigen Hirntumor, es besteht keine Aussicht auf Heilung. Können Sie die Frage »Wie geht es ihm?« noch hören?

Koall: Na gut, das ist ja die Frage, die sich aufdrängt. Man hat ihm schon mehrfach den Kopf aufgebohrt und in seinem Hirn herumgeschnitten, das macht sich bemerkbar. Wenn wir uns in Berlin in einer Kneipe treffen, dann tun wir das irgendwo, wo es ruhig ist. Alles andere wäre zu viel Stress für ihn. 

ZEIT: Seit der Diagnose schreibt Herrndorf in einem bewegenden Blog über sein Leben mit der Krankheit. Wie war das für Sie, als Sie darin zum ersten Mal gelesen haben?

Koall: Der war ja lange Zeit nur im Freundeskreis zu lesen. Wir fanden es gut, dass Wolfgang begonnen hatte zu schreiben. Weil nach der Diagnose seine allergrößte Angst war, dass es kognitiv den Bach hinuntergeht. Da war dieses Tagebuchhafte auch eine Art Training: Kann ich mich erinnern, kann ich noch formulieren, kann ich das noch in eine Kohärenz bringen? Und er merkte, es geht besser und besser, es machte mehr und mehr Spaß. 

ZEIT: Irgendwann beschloss er, den Blog zu veröffentlichen. Öffentlich weiterzuschreiben.

Koall: Ja, er hat das Ding einmal überarbeitet, gebügelt. Und seitdem ist es online. Ich kenne die Klickzahlen nicht. Aber ich treffe erstaunlich viele Leute, die die Seite kennen und sie regelmäßig lesen. Das ist gut. Und es ist wie ein Befreiungsschlag. Dass Wolfgang sagt: Ich gebe keine Interviews, ich mache keine Homestorys oder Porträts, aber ich habe meinen Blog. Und durch diesen Blog behalte ich die Deutungshoheit.

ZEIT: Haben Sie als Freund die Möglichkeit, Wolfgang Herrndorfs Einträge vorher zu lesen?

Koall: Unser Freundeskreis hat ein geschlossenes Forum im Internet. Wir sind da eigentlich im ständigen, im täglichen Kontakt. Wolfgang schreibt dann: »Heute waren wir wieder am Plötzensee und haben dies und jenes gemacht.« Und dann kommt fünf Tage später der Eintrag »Plötzensee, soundsoviel Grad...«. Interessant ist, zu sehen: Was erzählt er, was nicht? Die komplette Theatergeschichte von Tschick kommt beispielsweise nicht vor. Der Leipziger Buchpreis kam nie vor. Kürzlich, zur Frankfurter Buchmesse , gab es aber einen kleinen Spuk auf dem Blog, für vielleicht zehn Minuten. Eine Stunde nach der Verleihung des Buchpreises – für den er ja nominiert war, den er aber nicht bekam – hat Wolfgang ein 15 Sekunden langes Video eingestellt: er in seiner Wohnung, wie er eine Dankesrede hält. »Danke, danke, danke.« Das hat er leider nach ein paar Minuten wieder rausgenommen. Das war nur so als Bonbon.

Leserkommentare
  1. Nur leider stimmt es einen traurig zu sehen, dass eben jenes tbc - to be continued - nun nicht mehr unter den neuen Einträgen seines Blogs zu sehen ist ...

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    und mich stimmt traurig, wenn andere nach dem Tod eines solchen Schriftstellers die Gelegenheit nutzen, um von sich selbst, in diesem Fall ununterbrochen von dem Erfolg des Theaterstückes (das der Interviewpartner nach dem Roman geschrieben hat) zu reden und sich dabei total zu ereifern. Der Interviewpartner erzählt überhaupt nichts über den Schriftsteller. Auch solche Sätze wie "das macht und glücklich" oder "ja, das ist verrückt" verbirgt nicht die Eitelkeit, in der in meinen Augen hier geschwelgt wird. Da geht es dann darum, wer alles den Blog lesen darf und durfte, und der Redakteur hat keine Scham, noch eins nachzulegen: "Hatten Sie als Freund die Möglichkeit..." und sich dann weiter darin zu suhlen, wer in der Nähe des großen Künstlern sein durfte. Sehr peinlich, sehr peinlich vor allem in Anbetracht der Liebenswürdigkeit des Schriftstellers, der so was von nicht arrogant war, sondern einfach nur Schutz brauchte - daher eine gewisse Einschränkung in der Veröffentlichung seiner Person. Aber gerade nach Öffentlichkeit verlangen so viele drumherum, deshalb sind oft überhaupt erst drumherum, so auch in meinen Augen der Interviewpartner.

  2. "8. 11. 15:30

    Wenn C. mich besucht, fragt sie immer, ob ich was brauche. Heute brauchte ich Klopapier und bekam die ZEIT."

    http://www.wolfgang-herrndorf.de/2012/10/dreiunddreissig/

  3. 4. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Beleidigungen und äußern sich sachlich zum Inhalt des Interviews. Danke, die Redaktion/ff

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    • FamVogt
    • 27. August 2013 22:05 Uhr

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde entfernt. Danke, Die Redaktion/ff

    • FamVogt
    • 27. August 2013 22:05 Uhr
    5. [...]

    Entfernt. Der Kommentar, auf den Sie kritisch Bezug nehmen, wurde entfernt. Danke, Die Redaktion/ff

    Antwort auf "[...]"
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  4. 6. [...]

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  5. die Art, wie der Dramaturg sich hier in den Vordergrund spielt, passt nicht zu "guter Freund". Herrndorf hatte Klasse. Viel mehr Klasse als dass sie "Petitesse" genannt werden könnte.

    2 Leserempfehlungen
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    • Sidar
    • 29. August 2013 8:04 Uhr

    geht mir genauso

    • Sidar
    • 29. August 2013 8:04 Uhr

    geht mir genauso

    Eine Leserempfehlung

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