50. BandJubiläum : Gockel und Piraten

Was bleibt von den Rolling Stones? Die prachtvollsten, wilden und halbwahren Anekdoten.
Die Rolling Stones mit Brian Jones, Keith Richards, Mick Jagger, Bill Wyman und Charlie Watts 1968 während einer Fotosession zu ihrem neuen Album "Beggars Banquet" © Keystone/Getty Images

In jenen Tagen, als die Rolling Stones noch die gefährlichste Band der Welt waren, begab es sich, dass die Herren Richards und Wood samt Entourage in das 4.000-Seelen-Städtchen Fordyce, Arkansas, einfielen. Es war der 5. Juli des Jahres 1975, das Wochenende nach Independence Day, ideale Bedingungen für einen Abstecher ins Bluesterritorium. Um der ewigen Fliegerei zu entgehen, hatte man sich anlässlich der kleinen Spritztour selbstständig gemacht vom Rest der Truppe, und entsprechend gut war die Stimmung, als der knallgelbe Chevy Impala am frühen Nachmittag vor dem lokalen Hamburgerschuppen zum Stehen kam. Was keiner auf der Rechnung hatte, waren die »Ureinwohner«.

Arkansas ist nämlich gottesfürchtig, und was es heißt, in einem gottesfürchtigen Staat unangenehm aufzufallen, wurde den beiden schlagartig bewusst, als sie nach 40 Minuten, die sie auf dem Klo damit verbrachten, sich nach allen Regeln der Kunst zu bedröhnen, zum Wagen zurückkehrten: Keine 20 Meter weiter wurde die Delegation mit Blinklicht, Sirenengeheul und vorgehaltener Knarre gestoppt. Wäre es damals nach den Gesetzen des amerikanischen Südens gegangen, die gefährlichste Band der Welt hätte die nächsten Jahre ohne ihre Gitarristen bestreiten müssen. Doch Chuzpe, Charme und ein guter Anwalt halfen, die Situation nicht nur zu meistern, sondern als Sieger vom Platz zu gehen. Statt in den Knast zu wandern, wurde das Duo per Motorradeskorte aus der Stadt geleitet.

Schöner als mit dieser filmreifen, von Richards überlieferten Anekdote lässt sie sich nicht erzählen, die Geschichte der britischen Blues Brothers, die wir unter dem Namen Rolling Stones kennen. Keine Band hat so viel für ihren Ruf als böse Buben des Pop getan, keine hat die Altvorderen so hartnäckig und direkt herausgefordert. Wo immer sie auftauchten, glänzten sie in ihrer Paraderolle als unerschrockene, ganze Landstriche verheerende Sympathisanten des Teufels. »Die Beatles wollen deine Hand halten, die Stones wollen deine Stadt niederbrennen«, lautet das Bonmot, mit dem Tom Wolfe die historische Mission der Gruppe auf den Punkt brachte. Mehrmals schafften sie es so, zumindest mit einem Bein im Gefängnis zu landen, und doch: Als könnte einen rollenden Stein nichts aufhalten, gingen sie aus jeder geschlagenen Schlacht gestärkt hervor. Am Ende war immer Motorradeskorte.

Es ist eine Spur des Triumphs, die Keith, Mick, Charlie und ihre Mitstreiter hinter sich herziehen: Jeder kennt sie, manche fürchten sie, doch inzwischen betteln die stolzesten Städte darum, von ihnen in Schutt und Asche gelegt zu werden. In den Jahrzehnten ihres Wirkens haben sie die Welt so gründlich zu den Lehren von Sex, Drugs und Rock’n’Roll bekehrt, dass man sich heute, nachdem der Pulverdampf verzogen ist, fragt, wie es jemals anders sein konnte. Dass die Helden selbst über ihrem Erfolg entschwunden scheinen – das letzte Album liegt sieben Jahre zurück, die letzte Tour fünf –, dass sie längst nur noch zu den Bekehrten predigen und anlässlich ihres 50-jährigen Bühnenjubiläums nichts Besseres zustande brachten als diverse Coffee-Table-Produkte, eine Single und die Ankündigung von vier Konzerten im November und Dezember, stört nicht weiter. Die Stones des Jahres 2012 sind weniger Band als Weltkulturerbe. Man muss sie nicht spielen sehen. Es reicht, sie anzuschauen.

Was für Charakterdarsteller! Mick, der ewige Gockel. Keith, der lustige Pirat. Charlie, der Schweiger im Jazz-Anzug, und Ron, der Kumpel von nebenan. Wie in einem Superheldencomic hat jeder seine definierte Rolle, doch erst zusammen ergeben sie die Rolling Stones, eine Instanz des modernen Lebens, die sich länger an der Macht gehalten hat als jeder Papst oder Politiker. Wir ehren sie als Apostel eines zur Weltreligion aufgestiegenen Hedonismus und zugleich als Veteranen, in deren Gesichtern ein ganzes Zeitalter Falte geworden ist. Nach all den Jahren gehören sie auf so unverzichtbare Weise zum Mobiliar der Gegenwart, dass jeder ein bisschen Rolling Stone ist. Nur verständlich, dass die Originale inzwischen das gröbste Getümmel meiden. Es hat auch was, sie in der Gestalt älterer Echsen zu erleben, die in der Wärme einer Südseeinsel ihren Vorruhestand genießen und höchstens dann von sich reden machen, wenn eine von ihnen sich noch mal eine 19-Jährige schnappt oder in Überschätzung der eigenen Kräfte von der Kokospalme fällt.

Sie spielten den Blues nicht einfach. Sie gaben ihm ein aktuelles Gesicht

Dabei hätten die Anfänge nicht konsensferner ausfallen können. Als die Keimzelle der Band, die sich nach einem alten Muddy-Waters-Titel benannte, im Juli 1962 ihren ersten Gig spielte, konnte niemand im Publikum ahnen, dass das Geschehen auf der Bühne des Londoner Marquee Club einmal in einen Aufstand münden würde, am wenigsten das Trio selbst: Keith Richards, unehrenhaft von der Kunsthochschule entlassen, notorisch ein Schallplatten sammelnder Vorstadtrüpel. Mick Jagger, ein leicht aus der Bahn geratener Student der Wirtschaftswissenschaften. Brian Jones, der Einzige, der einigermaßen Gitarre spielen konnte und sich dementsprechend als Anführer des Stoßtrupps verstand. Die Ur-Stones waren Männer des Blues, und den Blues zu haben hieß in jenen Tagen, sich als Angehörige einer Minderheit zu fühlen, deren Elitebewusstsein im umgekehrten Verhältnis zu ihren Karrierechancen stand. Eines allerdings hatten sie den Proselyten um sie herum voraus. Sie spielten den Blues nicht nur, sie gaben ihm ein aktuelles Gesicht.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

klasse

"Während die Welt auf eine Weise liberal geworden ist, die die Exzesse der Sechziger und Siebziger wie Jugendstreiche wirken lässt, verkörpern sie eine Vergangenheit, in der der Fortschritt noch jung und schön war."

Klasse Formulierung, um ein damals gebrächliches Wort zu gebrauchen. Überhaupt ein freundlicher Artikel. Ohne die üblichen, nicht mal kritischen (im Sinnen der Aufklärung) Zynismen, die bei der Betrachtung aus heutiger Sicht oft Tenor sind. Ein Beitrag wie er sich für ein Jubiläum gehört. Dankeschön.

@ 4 saxuburgotski

Puritaner oder vielleicht Talibanese der das Zerstören von Buddhastauen gutheisst?

Glauben Sie in den 1960iger Jahren wäre der Kindesmissbrauch erfunden worden? Staatliche und kirchliche Heime sowie Angehörige der Bourgeosie hatten das schon immer drauf.

Und wenn für Sie die Welt ein Jammertal ist, da leider keine Perfektion und moralische Reinheit herrscht, tuts mir leid.