In jenen Tagen, als die Rolling Stones noch die gefährlichste Band der Welt waren, begab es sich, dass die Herren Richards und Wood samt Entourage in das 4.000-Seelen-Städtchen Fordyce, Arkansas, einfielen. Es war der 5. Juli des Jahres 1975, das Wochenende nach Independence Day, ideale Bedingungen für einen Abstecher ins Bluesterritorium. Um der ewigen Fliegerei zu entgehen, hatte man sich anlässlich der kleinen Spritztour selbstständig gemacht vom Rest der Truppe, und entsprechend gut war die Stimmung, als der knallgelbe Chevy Impala am frühen Nachmittag vor dem lokalen Hamburgerschuppen zum Stehen kam. Was keiner auf der Rechnung hatte, waren die »Ureinwohner«.

Arkansas ist nämlich gottesfürchtig, und was es heißt, in einem gottesfürchtigen Staat unangenehm aufzufallen, wurde den beiden schlagartig bewusst, als sie nach 40 Minuten, die sie auf dem Klo damit verbrachten, sich nach allen Regeln der Kunst zu bedröhnen, zum Wagen zurückkehrten: Keine 20 Meter weiter wurde die Delegation mit Blinklicht, Sirenengeheul und vorgehaltener Knarre gestoppt. Wäre es damals nach den Gesetzen des amerikanischen Südens gegangen, die gefährlichste Band der Welt hätte die nächsten Jahre ohne ihre Gitarristen bestreiten müssen. Doch Chuzpe, Charme und ein guter Anwalt halfen, die Situation nicht nur zu meistern, sondern als Sieger vom Platz zu gehen. Statt in den Knast zu wandern, wurde das Duo per Motorradeskorte aus der Stadt geleitet.

Schöner als mit dieser filmreifen, von Richards überlieferten Anekdote lässt sie sich nicht erzählen, die Geschichte der britischen Blues Brothers, die wir unter dem Namen Rolling Stones kennen. Keine Band hat so viel für ihren Ruf als böse Buben des Pop getan, keine hat die Altvorderen so hartnäckig und direkt herausgefordert. Wo immer sie auftauchten, glänzten sie in ihrer Paraderolle als unerschrockene, ganze Landstriche verheerende Sympathisanten des Teufels. »Die Beatles wollen deine Hand halten, die Stones wollen deine Stadt niederbrennen«, lautet das Bonmot, mit dem Tom Wolfe die historische Mission der Gruppe auf den Punkt brachte. Mehrmals schafften sie es so, zumindest mit einem Bein im Gefängnis zu landen, und doch: Als könnte einen rollenden Stein nichts aufhalten, gingen sie aus jeder geschlagenen Schlacht gestärkt hervor. Am Ende war immer Motorradeskorte.

Es ist eine Spur des Triumphs, die Keith, Mick, Charlie und ihre Mitstreiter hinter sich herziehen: Jeder kennt sie, manche fürchten sie, doch inzwischen betteln die stolzesten Städte darum, von ihnen in Schutt und Asche gelegt zu werden. In den Jahrzehnten ihres Wirkens haben sie die Welt so gründlich zu den Lehren von Sex, Drugs und Rock’n’Roll bekehrt, dass man sich heute, nachdem der Pulverdampf verzogen ist, fragt, wie es jemals anders sein konnte. Dass die Helden selbst über ihrem Erfolg entschwunden scheinen – das letzte Album liegt sieben Jahre zurück, die letzte Tour fünf –, dass sie längst nur noch zu den Bekehrten predigen und anlässlich ihres 50-jährigen Bühnenjubiläums nichts Besseres zustande brachten als diverse Coffee-Table-Produkte, eine Single und die Ankündigung von vier Konzerten im November und Dezember, stört nicht weiter. Die Stones des Jahres 2012 sind weniger Band als Weltkulturerbe. Man muss sie nicht spielen sehen. Es reicht, sie anzuschauen.

Was für Charakterdarsteller! Mick, der ewige Gockel. Keith, der lustige Pirat. Charlie, der Schweiger im Jazz-Anzug, und Ron, der Kumpel von nebenan. Wie in einem Superheldencomic hat jeder seine definierte Rolle, doch erst zusammen ergeben sie die Rolling Stones, eine Instanz des modernen Lebens, die sich länger an der Macht gehalten hat als jeder Papst oder Politiker. Wir ehren sie als Apostel eines zur Weltreligion aufgestiegenen Hedonismus und zugleich als Veteranen, in deren Gesichtern ein ganzes Zeitalter Falte geworden ist. Nach all den Jahren gehören sie auf so unverzichtbare Weise zum Mobiliar der Gegenwart, dass jeder ein bisschen Rolling Stone ist. Nur verständlich, dass die Originale inzwischen das gröbste Getümmel meiden. Es hat auch was, sie in der Gestalt älterer Echsen zu erleben, die in der Wärme einer Südseeinsel ihren Vorruhestand genießen und höchstens dann von sich reden machen, wenn eine von ihnen sich noch mal eine 19-Jährige schnappt oder in Überschätzung der eigenen Kräfte von der Kokospalme fällt.

Sie spielten den Blues nicht einfach. Sie gaben ihm ein aktuelles Gesicht

Dabei hätten die Anfänge nicht konsensferner ausfallen können. Als die Keimzelle der Band, die sich nach einem alten Muddy-Waters-Titel benannte, im Juli 1962 ihren ersten Gig spielte, konnte niemand im Publikum ahnen, dass das Geschehen auf der Bühne des Londoner Marquee Club einmal in einen Aufstand münden würde, am wenigsten das Trio selbst: Keith Richards, unehrenhaft von der Kunsthochschule entlassen, notorisch ein Schallplatten sammelnder Vorstadtrüpel. Mick Jagger, ein leicht aus der Bahn geratener Student der Wirtschaftswissenschaften. Brian Jones, der Einzige, der einigermaßen Gitarre spielen konnte und sich dementsprechend als Anführer des Stoßtrupps verstand. Die Ur-Stones waren Männer des Blues, und den Blues zu haben hieß in jenen Tagen, sich als Angehörige einer Minderheit zu fühlen, deren Elitebewusstsein im umgekehrten Verhältnis zu ihren Karrierechancen stand. Eines allerdings hatten sie den Proselyten um sie herum voraus. Sie spielten den Blues nicht nur, sie gaben ihm ein aktuelles Gesicht.

Stones und Beatles schöpfen aus denselben Quellen

Zieht man das Anekdotische für einen Moment ab, verdankt sich der Aufstieg der Rolling Stones zu Leitfiguren der Sechziger einer Reihe denkbar nüchterner Entwicklungen: dem Niedergang der Schwerindustrie, dem Aufkommen neuartiger Unterhaltungsmedien, der Emanzipation des Teenagers vom gegängelten Nachwuchs zum konsumfähigen Subjekt. In den Revolten des Pop gelangt ein Lebensgefühl zum Durchbruch, das nicht mehr vom Verzichtsdenken der Nachkriegsgesellschaft geprägt ist und zur Mitte des Jahrzehnts hin mit Macht an die Oberfläche drängt: I can’t get no satisfaction. Erst vor dem Hintergrund dieses Strukturwandels lässt sich die Tat eines Mannes namens Andrew »Loog« Oldham angemessen würdigen. Das Rebellen-Image, das er seinen Schützlingen als Manager verpasste, hat uns eine Reihe wunderbarer Revolutionsszenarien beschert – und blieb in historischer Perspektive doch vor allem eins: ein geschicktes Manöver. Längst war das Establishment sturmreif geschossen. Die Stones versetzten ihm bloß noch den Gnadenstoß.

Time is on my side: Die Wucht, mit der Oldhams Vision einschlug, hat ihren tieferen Grund in dem Umstand, dass die vermeintlichen Drop-outs mit dem Strom der Modernisierung schwammen. Der erste Höhepunkt ihrer Karriere zeigt sie als umschwärmte Wunderkinder, in deren Songs sich sämtliche Energien der Swinging Sixties vereinen: der künstlerische und der soziale Aufbruch, die wirtschaftliche Potenz ebenso wie die Technik moderner Menschenführung. Der Blues von gestern, ein Erfolgsmodell wie Elvis, nur breiter aufgestellt und scheinbar schwerer zu domestizieren. Es war das Autorenteam Jagger/Richards, das der an die Macht strebenden Protestgeneration die Hymnen lieferte, darunter einige Evergreens und mindestens ein Jahrhundertsong. Trotzdem blieben die Rolling Stones stets eine wertkonservative Band. You can’t always get what you want: Warum nach den Sternen greifen, wenn man mit einem Bein in der Erde des Blues verwurzelt ist? Das wenigstens haben sie ihren großen Konkurrenten, den Beatles, voraus.

Viel ist über den vermeintlichen Antagonismus Stones versus Beatles geschrieben worden, die Braven gegen die Wilden, die echten Revoluzzer gegen die angepassten Lieblinge der Queen. Alles Quatsch, in Wahrheit verkörperten sie nur die zwei Seiten derselben Geschmacksentscheidung. Beide Bands schöpfen aus denselben Quellen, beide interpretierten sie so neu und zwingend, dass in kürzester Zeit selbst die letzten Vertreter der alten Mächte auf ihre Seite wechselten. Die Beatles wie die Stones haben das Kunststück fertiggebracht, den Amerikanern ihre eigene Musik als letzten Schrei zurückzuverkaufen, der Unterschied liegt im Detail: Während die Stones immer mal wieder zurückblickten, preschten die Beatles in ihren besten Tagen dem Zeitgeist voraus, der Kunstanspruch, mit dem sie ihr Schaffen betrieben, blieb Richards und Co. nicht nur fremd, er zwang sie in eine Konkurrenz, die ihrem romantizistischen Wesen widersprach. Im Rückblick allerdings erweist sich der vermeintliche Malus als Vorteil im Kampf um die Zukunft.

Der Drogenrausch wurde nicht zelebriert, sondern diente der Leistungssteigerung

Hätten die Rolling Stones sich Ende der Sechziger aufgelöst, sie wären eine große Band, nicht aber jene Giganten, als die sie aus den Wirren des Heldenzeitalters hervorgingen. Ihr eigentlicher Siegeszug beginnt just in dem Moment, in dem der Glanz der Sechziger verblasst und der lange Marsch der Babyboomer durch die Institutionen seinen Lauf nimmt. Das Bandgefüge hat erste Risse bekommen, Jagger verabschiedet sich für Monate in den Jetset. Richards bleibt es vorbehalten, die Getreuen durch einen Schleier reinsten Merck-Kokains hindurch zu neuen Ufern zu führen, und er nimmt die Aufgabe wahr, indem er im südfranzösischen Steuerexil ein Heerlager errichtet, zu dem immer neue Söldner hinzustoßen. Auf den ersten Blick befinden wir uns in einer Phase der Dekadenz: Brian Jones hat das Rock-’n’-Roll-Leben bereits niedergestreckt, die Glückskinder von einst lernen die Mühen der Ebene kennen. Dazu gehört, dass der Drogenrausch nicht mehr zelebriert wird, sondern der Leistungssteigerung gilt. Doch noch einmal bewegen die Stones sich ganz auf der Höhe der Zeit.

Mit der Wahrheit verhält es sich wie mit den Rolling Stones selbst

Die Klassizität der beiden Meisteralben Sticky Fingers und Exile On Main Street liegt in dem Stoizismus, mit dem sie die Protestgeneration auf zukünftige Aufgaben einstimmen. Sämtliche Momente, die später zum Tragen kommen, haben hier ihren Ursprung: die Verwendung einfacher Muster, das Anknüpfen an archaische Rhythmen, die Bevorzugung offen gestimmter Gitarren, mit denen der Stones-Sound zu seiner bis heute gültigen Form fand. In den frühen Siebzigern kehren die Rolling Stones für immer zu ihren Anfängen im Blues zurück, doch anders als damals ist es ein Blues, der seine kapitalistische Lektion offen vor sich herträgt: Mick, Keith, Charlie und der Rest, ein aufstrebendes kleines Familienunternehmen. Letzter Schritt in diesem Prozess der Konsolidierung ist die Einführung des von John Pasche entworfenen Zungen-Logos. Einerseits Mick Jaggers Schlauchbootlippen nachempfunden, macht es sich andererseits über den Antiautoritarismus der Gründertage lustig: Ätsch, alles nur Spaß! It’s only rock ’n’ roll, but I like it.

Ein paar weitere Scharmützel später sind die Rolling Stones eine Marke wie McDonald’s oder Coca-Cola, erfolgreich, aber nur noch von betrieblichem Interesse. Längst sind die letzten Bastionen geschleift: Rock ist inzwischen die Musik der älteren Semester und Koks die Droge des mittleren Managements. Die Zukunft von gestern hat sich auf ihrem Weg in die Mitte zu Tode gesiegt, was bislang fehlt, ist eine akklamationsfähige Idee der Zukunft von heute. Im Internet scheint sie sich anzudeuten, doch bislang bleibt die Vision so flüchtig, dass den meisten der Kopf schwirrt. Da trifft es sich gut, dass Mick, Keith, Charlie und Ron immer noch da sind, ein bisschen verwittert, doch eisern entschlossen, ihren Stiefel durchzuziehen, bis dass der Tod sie scheidet. Die objektive Ironie der späten Stones besteht in der kompletten Umkehrung ihres Verhältnisses zur Innovation: Während die Welt auf eine Weise liberal geworden ist, die die Exzesse der Sechziger und Siebziger wie Jugendstreiche wirken lässt, verkörpern sie eine Vergangenheit, in der der Fortschritt noch jung und schön war.

Das Heldenzeitalter ist vorbei, die Geschichten von einst aber überleben

Der Rest ist Recycling: Hier eine Greatest-Hits-Sammlung, dort ein Bildband, kurz vor dem Ausklingen ihres Jubeljahrs haben die vier es gerade noch geschafft, die Retrospektive GRRR! auf den Markt zu bringen. Kunden, die sich bereits die brandneue Single Doom And Gloom gekauft haben, werden auch dieses Produkt erwerben, selbst wenn es mit One More Shot dann nur noch einen einzigen neuen Titel enthält, denn niemand erwartet mehr anderes als eine solide Verwaltung des Erbes. »Im Grunde sind die Stones seit über zwei Jahrzehnten auf einer einzigen großen Ehrenrunde«, schreibt der Blueshistoriker Elijah Wald. Man könnte sogar noch einen Schritt weiter gehen und behaupten: Die einstmals gefährlichste Band der Welt wirkt inzwischen wie eine Parodie ihrer selbst. Doch einfach abtreten kommt nicht infrage. Die alten Fans plagt die Nostalgie, die jüngeren der Phantomschmerz: Wenn das Heldenzeitalter schon vorbei ist, müssen die Geschichten es richten.

Es sind die Schnurren von damals, die das Publikum diesen Überlebenden der großen Kulturrevolution in allen Darreichungsformen aus den Händen reißt. Noch einmal will man erzählt bekommen, wie sie die Bigotten in die Flucht schlugen, was sie in den Armen schöner Frauen empfanden und wie das eigentlich genau war, als Marianne Faithfull bei einer Polizeirazzia bloß mit einem Flokatiteppich bekleidet vorgefunden wurde. Sage keiner, sie seien in der Hinsicht Dienstverweigerer! Alle außer Mick Jagger haben bereits ihre Memoiren abgeliefert, auf Pressekonferenzen spendieren sie freizügig Anekdoten, und wenn Richards, der einen begnadeten Märchenonkel abgibt, gerade unabkömmlich ist, springt eben Wood in die Bresche. Die Stones der Gegenwart sind ein wandelnder Memorabilienhandel. Dass die Erinnerung sie ein ums andere Mal im Stich lässt, gehört dazu.

Im vergangenen Jahr hat ein Lokalreporter aus Arkansas dem Fordyce-Abenteuer der Mittsiebziger hinterherrecherchiert. Sein Befund: Das Klosett im Hinterzimmer des lokalen Hamburgerrestaurants ist viel zu klein, um sich dort zu zweit 40 Minuten aufzuhalten. Auch kann sich in ganz Fordyce niemand daran erinnern, an den beiden berühmten Gästen Spuren von Drogenmissbrauch festgestellt zu haben. Wahr sei vielmehr, dass Richards zu einer Ordnungsstrafe von 162,50 Dollar wegen »rücksichtslosen Fahrens« verurteilt wurde. Aber wer hat denn gesagt, dass altgediente Märchenonkel ihre Geschichten im Lauf der Jahre nicht ein bisschen ausschmücken dürfen? Mit der Wahrheit verhält es sich wie mit den Rolling Stones selbst. Der Krieg ist vorbei. Die Legenden leben weiter.