50 Jahre Rolling StonesSeit’ an Seit’ mit der Troika

Der SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier schreibt über sein Leben mit den Rolling Stones. von Frank-Walter Steinmeier

Beatles oder Rolling Stones? Das war die Kernfrage meiner Generation. Mir selbst hat sich die Frage nie gestellt. Let It Bleed war meine allererste LP. Ich war gerade 15, es gab nichts anderes als die Stones. Gut, danach kam bald Mad Dogs And Englishmen von Joe Cocker hinzu, aber da hatte ich Let It Bleed schon gefühlte hundertmal gehört. »Seinen Verein kann man sich nicht aussuchen, der Verein sucht dich aus«, schreibt der englische Schriftsteller Nick Hornby in seinem Fußball-Roman Fever Pitch. So ähnlich war es bei mir und den Rolling Stones. Emotion erschließt sich nicht rational, egal ob im Fußball oder in der Musik.

Die Rolling Stones feiern dieses Jahr ihren 50.Geburtstag. 1962 als Sextett in London gegründet, begann mit Let It Bleed schrittweise ihr Weg zur Troika. Nur in zwei Songs ist noch der schwer drogenkranke Brian Jones zu hören. Seinen Part übernahm auf der Platte bereits weitgehend Mick Taylor. Der sollte immer »der Neue« bleiben, egal wer später noch kam: Die Achse der Gründungsmitglieder hat die Stones bestimmt und jeden anderen wie einen Gastmusiker wirken lassen. Ronnie Wood ergeht das seit 36 Jahren so.

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Nach dem, was man so hört und liest, ist es auch bei den Rolling Stones nicht immer friedlich zugegangen. Was Keith Richards in seiner lesenswerten Autobiografie Life berichtet, ist starker Tobak. Trotzdem haben es die Troikaner irgendwie geschafft, seit 50 Jahren die erfolgreichste Band der Welt zusammenzuhalten. Ich glaube: Das Geheimnis liegt in der plausiblen Rollenverteilung. Mick Jagger steht an der Rampe und bedient alle Klischees des lebenshungrigen Frontmanns. Keith Richards ist der exzessive und anarchistische Kreative. Charlie Watts hält, spätestens seit dem Ausstieg von Bill Wyman, von hinten alles zusammen. Natürlich sind eventuelle Ähnlichkeiten mit anderen lebenden Troikas rein zufälliger Art!

Die Rollenbesetzung ist aber nicht das ganze Geheimnis. Auf fast unerklärliche Weise gelingt es den Stones seit 50 Jahren, ihre Botschaft zu halten. Und die lautet: »Aufbruch!« Als junge Männer fanden sie ein Großbritannien vor, das vor allem mit der Vergangenheit beschäftigt war. Sie kopierten nicht den allgegenwärtigen amerikanischen Rock’n’Roll, versuchten sich auch nicht im Beat als dessen englischer Spielart, sondern zogen ihre Kraft und Energie aus ursprünglichem und archaischem Blues. Wenn Jagger vom Street Fighting Man sang, war das der musikalisch ausgedrückte Wille, etwas anders zu machen und an die Wurzeln zu gehen. Das ist das eigentlich Politische der Rolling Stones, und das hält ihre Fans zusammen, damals wie heute.

Erst Mitte der neunziger Jahre habe ich die Band erstmals live erlebt, das Publikum war bunt gemischt. Aber mir fiel schon auf, dass meine Generation dominierte. Die Stones haben es geschafft, dass wir – anders als unsere Eltern – der Musik unserer Jugend treu geblieben sind. Mögen mit den Jahren auch bei dem einen Klassik und dem anderen Jazz im heimischen Plattenregal dazugekommen sein: Sie haben nicht den Rock abgelöst, den die Rolling Stones für uns definiert hatten. Unser kultureller Kanon hat sich damit insgesamt erweitert, allein das ist eine historische Leistung.

Sechs Jahre lang haben die Rolling Stones schon keine neuen Songs mehr veröffentlicht. Aber endlich, bevor es eine Hit-Sammlung namens Grrr! zum Geburtstag geben wird, ist jetzt die Single Doom & Gloom erschienen. Ronnie Wood und Keith Richards spielen harte, klare Blues-Riffs, Charlie Watts einen ungemein genauen, aber nahezu minimalistischen Rhythmus. Und über allem röhrt Mick Jagger wie eh und je. Der Text, in dem es um die vielen schlechten Nachrichten geht, mit denen wir täglich konfrontiert werden, ist nach Mick Jaggers Aussage durchaus politisch gemeint: Der musikalische Wille, den Blues und die Energie walten zu lassen, ist ungebrochen. Die Rolling Stones wollen noch immer auf- und mitmischen. Das ist die Botschaft ihrer Single.

Meinen alten Dual-Plattenspieler habe ich schon vor zwei Jahren aus dem Keller geholt. Es wäre schön, wenn auch das Best-of-Album auf Vinyl erscheinen würde. Let It Bleed höre ich auch nach 43 Jahren immer noch sehr gern knistern.

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Leserkommentare
  1. verschaffen.

    LEider gescheitert. Die Hipness, die hier den Grünen und Spezialdemokraten zugeschrieben wird, ist amüsant und verrät einiges über die Intention der Zeitung.
    Gut, dass nicht Steinbrück interviewt wurde. Der hätte 25 K abgezockt.
    Die Stones sind dennoch klasse.

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    Die Tatsache, dass Sie diese putzige Glosse bereits für eine Kampagne halten und Ihr ungelenk-neidvoller Seitenhieb auf Steinbrück, enttarnen Sie leider als verbrämten "Wutbürger" - und diese scheinen tatsächlich noch biederer zu sein als Steinmeier.

    Die erwartbaren und immergleichen Reaktionen auf Harmlosigkeiten wie diesen Gastartikel eines Politikers, sind der Beweis für die engstirnige Politikkultur in diesem Land.

    Nebenbei: Ob Rolling Stones-Hörer wirklich zur "hippen" Avantgarde gezählt werden dürfen, sei einmal dahin gestellt...

    • Kelhim
    • 17. November 2012 21:31 Uhr

    Und auf die engstirnige Parteibrille des ersten Kommentators gibt sowieso niemand etwas.

  2. Die Tatsache, dass Sie diese putzige Glosse bereits für eine Kampagne halten und Ihr ungelenk-neidvoller Seitenhieb auf Steinbrück, enttarnen Sie leider als verbrämten "Wutbürger" - und diese scheinen tatsächlich noch biederer zu sein als Steinmeier.

    Die erwartbaren und immergleichen Reaktionen auf Harmlosigkeiten wie diesen Gastartikel eines Politikers, sind der Beweis für die engstirnige Politikkultur in diesem Land.

    Nebenbei: Ob Rolling Stones-Hörer wirklich zur "hippen" Avantgarde gezählt werden dürfen, sei einmal dahin gestellt...

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    die vornehmlich grün , ist nicht nur der FAZ bekannt
    http://www.faz.net/aktuel...

    Ich bin nicht neidisch, auch wenn sich das ein Spezialdemokrat nicht vorstellen kann. ICh finde nur Heuchelei nicht sehr sexy und Gerechtigkeitsfanatiker, die sich von klammen Kommunen mit Wucherlöhnen bezahlen lassen, sind halt immer für einen Witz gut.

    • wawerka
    • 17. November 2012 19:10 Uhr

    ...von Helmut Schmidt über die "Comedian Harmonists", dann wird es noch so richtig kuschelig hier....

  3. die vornehmlich grün , ist nicht nur der FAZ bekannt
    http://www.faz.net/aktuel...

    Ich bin nicht neidisch, auch wenn sich das ein Spezialdemokrat nicht vorstellen kann. ICh finde nur Heuchelei nicht sehr sexy und Gerechtigkeitsfanatiker, die sich von klammen Kommunen mit Wucherlöhnen bezahlen lassen, sind halt immer für einen Witz gut.

    Antwort auf "Überempfindlich?"
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    • Sirisee
    • 17. November 2012 23:17 Uhr

    ... ich will darin erinnern, dass sich die Herrschaften intern-schmunzelnd als "die Stones" benannten; was heute nur noch zum kalauern ("Steinreich" oder "Peer Duck") einlädt.

    Falls die SPD mitliest: Liebe Genossen, es kommt einfach nicht gut rüber, das muss besser werden. Anbiederungen machen keinen sinn, klare Kante zeigen, sagte einst der Franz...

  4. "Natürlich sind eventuelle Ähnlichkeiten mit anderen lebenden Troikas rein zufälliger Art!"

    Nein. Sie sind Wunschdenken.

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    • wawerka
    • 17. November 2012 19:46 Uhr

    ...wenn Sie die Namen Frank-Walter, Peer und Sigmar hören, dann haben Sie doch auch quasi Rebellion pur vor Augen, oder?

    • wawerka
    • 17. November 2012 19:46 Uhr

    ...wenn Sie die Namen Frank-Walter, Peer und Sigmar hören, dann haben Sie doch auch quasi Rebellion pur vor Augen, oder?

    Antwort auf "Wunschdenken"
  5. Lieber Herr Steinmeier,

    mich freut es, dass Sie hier schreiben! Ich finde den Artikel sympathisch.

    Die Beschreibung der Troika werde ich schmunzelnd im Kopf behalten!

    • docere
    • 17. November 2012 21:07 Uhr

    sollte man einfach mal wertfreier sehen.
    Würde da stehen " ich mag auch mal ein leckeres Borschtsch", würde in den Kommentaren wohl stehen "klar das der keine Schwarzwurzeln mag, typisch für den Sozi"
    Ich mag den Satz:
    " Die Stones haben es geschafft, dass wir – anders als unsere Eltern – der Musik unserer Jugend treu geblieben sind."

    Solch ein Statement ist überparteilich.
    Gut so - wie die Stones

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  • Schlagworte Rolling Stones | Musiker | Band | Frank Walter Steinmeier
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