KanzlerkandidatPower sucht Frau

Der Kanzlerkandidat der SPD hat ein Problem: Umfragen zufolge können Wählerinnen mit Peer Steinbrück nicht viel anfangen. von 

Kein anderer Spitzenpolitiker hat weibliche Macht so lange aus der Nähe kennengelernt wie Peer Steinbrück. Er war Angela Merkels wichtigster Minister, ihr Verbündeter und Ratgeber in den härtesten Wochen der Finanzmarktkrise. Und schon in den neunziger Jahren gehörte Steinbrück zur ersten Landesregierung, die je von einer Frau geführt wurde: Fünfeinhalb Jahre war er in Schleswig-Holstein Finanzminister unter Heide Simonis.

Steinbrück hat sozusagen Chefinnen-Kompetenz, wie seine Vertrauten ungefragt erzählen. Für den Fall, dass irgendjemand auf die Idee kommt, der SPD-Kanzlerkandidat nehme Frauen und ihre Anliegen nicht ernst. Denn Umfragen zeigen, dass Steinbrück vor allem jüngere Frauen bisher nicht fasziniert, bei Frauen in allen Altersgruppen fällt Steinbrück im Vergleich zur Kanzlerin zurück. Kompetenz schreiben ihm zwar alle zu, Männer wie Frauen – hier liegt er fast gleichauf mit der Kanzlerin. Aber in der Frage, wer sympathischer ist, schneidet Merkel bei den Frauen besser ab. Hinzu kommt: Es gibt mehr SPD-Wählerinnen, die sich vorstellen können, Merkel zu wählen, als umgekehrt Unionsmänner, die zu Steinbrück wechseln würden. Und so muss sich Steinbrück, zusätzlich zur Debatte über seine Vortragshonorare, noch mit einer mindestens ebenso komplizierten Frage beschäftigen: Wie spricht man weibliche Wähler an? Dabei hat der Wahlkampf noch nicht einmal richtig begonnen.

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Schröder fand im Fernsehduell Zeit für eine Liebeserklärung. Das kam an

Am Donnerstag dieser Woche kann Steinbrück seine Wirkung auf Frauen bei einem »Frauensalon« in der SPD-Zentrale an etwa zweihundert Zuhörerinnen ausprobieren. Mit geladenen Gästen und drei Genossinnen – Generalsekretärin Andrea Nahles, der Vizeparteichefin Manuela Schwesig und der Chefin der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), Elke Ferner – wird er über Gender-Themen sprechen, Geschlechterfragen also, über Pflege und ungleiche Bezahlung. Auch für einen wie ihn, der gewohnt ist, große und kleine Säle im In- und Ausland zu füllen, ist das eine Bewährungsprobe.

Gemeinhin gilt der Absturz bei den Wählerinnen als ein Grund für das schlechte Abschneiden der SPD in der vergangenen Wahl: 20 Prozent verloren die Sozialdemokraten bei Frauen unter 25, fast ebenso viel bei denen, die jünger als 34 waren. Streng genommen gibt es also kein Steinbrück-Problem, sondern eher ein SPD-Problem: zu wenige Wählerinnen.

Doch wenn Meinungsforscher ermitteln, wem mehr Kompetenz bei Frauen- und Familienthemen zugetraut wird, liegt die Partei mittlerweile wieder vor der Union. Hier glaubt die SPD-Führung die Union schlagen zu können, eher als etwa bei Europa- oder Energiefragen. Schon im nordrhein-westfälischen Landtagswahlkampf half kein anderes Berliner Thema der SPD so sehr wie der Regierungsstreit um das Betreuungsgeld. Diesen Streit zu führen und zuzuspitzen, traut man in der SPD dem Kanzlerkandidaten auch ohne Weiteres zu. Als Finanzminister der Großen Koalition, heißt es, habe Steinbrück die Einführung etwa von Elterngeld und Vätermonaten erst möglich gemacht. Vorrang für Bildungsausgaben, mehr und bessere Kitaplätze, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf – diese Politik hat Steinbrück tatsächlich seit Jahren vertreten. Die skandinavischen Gesellschaften, in denen mehr Kinder geboren werden, aber auch mehr Frauen berufstätig sind, galten ihm schon immer als Ideal.

Nur wählen Frauen nicht unbedingt Politiker, deren Frauenpolitik ihnen gefällt, und auch nicht zwangsläufig denjenigen, der ihren Interessen nützt. Gerhard Schröder hat Familienpolitik als »Gedöns« abqualifiziert und war dennoch für Wählerinnen attraktiv. Viele Frauenherzen gewann Schröder, als er 2002 im Fernsehduell mit Edmund Stoiber plötzlich direkt in die Kamera blickte und erklärte, er liebe seine Frau Doris, »weil sie lebt, was sie sagt«. So etwas steht in keinem feministischen Lehrbuch, aber es funktioniert.

Wer Meinungsforscher und erfahrene Wahlkämpfer nach der richtigen Strategie im Umgang mit Wählerinnen fragt, erhält ein diffuses Bild. Einig sind sich alle, welche Fehler man nicht machen darf: Der Kandidat darf sich nicht zu sehr verstellen, schon gar nicht anderen nach dem Mund reden. Frauen sei noch wichtiger als Männern, dass ein Politiker »authentisch« sei, heißt es. Angeblich, so einer von Steinbrücks Vertrauten, haben sie ein besseres Gespür dafür. Als missglückt gilt im Nachhinein der Versuch Stoibers, mit der Berufung der jungen ostdeutschen CDU-Frau und Mutter Katharina Reiche Wählerinnen anzusprechen. Das habe eher verzweifelt gewirkt und die eigenen Defizite unterstrichen. Stoiber lag am Ende bei den Wählerinnen fünf Prozentpunkte hinter Schröder.

Schwieriger ist schon die Frage zu beantworten, wie wichtig weibliche Gesichter im Wahlkampf sind – und ob es hilft, wenn eine Frau an der Spitze steht. Frauen wählen nicht unbedingt Frauen – eher im Gegenteil. Hätten bei der Bundestagswahl des Jahres 2005 nur Frauen wählen dürfen, wäre Angela Merkel nicht Kanzlerin geworden. Vier Jahre später hingegen lag Merkel bei den Frauen klar vorn.

Möglicherweise urteilen Frauen besonders skeptisch über die Fähigkeiten und vor allem die Erfolgschancen ihrer Geschlechtsgenossinnen – um es dann aber desto mehr zu honorieren, wenn eine Frau sich trotzdem durchsetzt. Für Frauen wiegt der Amtsbonus schwerer als für Männer – wer regiert, den werden sie seltener unterschätzen. Im Fall Merkels kommt vermutlich hinzu, dass ihr Wandel von einer wirtschaftsliberalen Oppositionspolitikerin hin zu einer großkoalitionären Kanzlerin gerade Frauen besonders gut gefiel.

Peer Steinbrück, so scheint es, hat es nicht leicht: Der ideale Kanzlerkandidat der SPD soll ein ganzer Kerl sein, aber trotzdem die Quote mögen, er soll Sinn für Frauenthemen haben, sich dabei aber keinesfalls verbiegen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Steinbrück im kommenden Jahr gegen eine Frau antreten muss, in Wahlkämpfen aber unausgesprochen die Schulhof-Regel gilt, wonach es für Jungen uncool ist, Mädchen zu verdreschen. Steinbrück soll Angela Merkel, seine frühere Chefin, in die Opposition vertreiben – aber allzu hart anpacken darf er sie dabei nicht.

Vermutlich wird Steinbrück von seiner strengen Großmutter erzählen

Der Peer habe es nicht leicht, sagt selbst die ASF-Chefin Elke Ferner. Kürzlich hat sie im Bundestag der Familienministerin Kristina Schröder laut »Zickenkrieg« zugerufen, nachdem diese sich mit Arbeitsministerin Ursula von der Leyen einmal mehr in der Öffentlichkeit beharkt hatte. »Wir hätten das jetzt niemals sagen dürfen, da hättet ihr von der ASF euch doch sofort beschwert«, klagten zwei männliche Abgeordnete von der Nachbarbank. Das sei schon richtig, sagt Ferner, früher sei von Frauen mehr Zurückhaltung erwartet worden als von Männern. Heute sei es oft umgekehrt: Frauen könnten sich mehr erlauben.

Gegenüber Steinbrück, ihrem ehemaligen Minister, wird Merkel das allerdings kaum tun. Als Kanzlerin muss sie nicht zuspitzen und angreifen, Merkel wird einen eher präsidialen Wahlkampfstil pflegen. Beide, Merkel und Steinbrück, dürften eher versuchen, das Umfeld des Gegners zu treffen. Steinbrück wird versuchen, Merkel als Chefin einer Chaoten-Koalition zu karikieren. Die Kanzlerin wird ihrerseits weniger auf Steinbrück zielen als auf seine Partei, die sich von den Reformen der Agenda 2010 immer mehr entferne.

Drei Strategien haben sich die SPD-Wahlkämpfer überlegt, um darüber hinaus möglichst viele Wählerinnen zu überzeugen. Bisher sei Steinbrück einer breiteren Öffentlichkeit nur als Finanzexperte und Bankenregulierer bekannt – beides Felder, die Frauen gemeinhin weniger interessieren als Männer. Das aber werde sich im Wahlkampf ohnehin ändern, heißt es in der SPD. Steinbrück soll viel über den Zusammenhalt der Generationen sprechen, von der Kindererziehung bis zur Pflege. Das Gender-Thema, das Steinbrück am meisten interessiert, sei die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern – im internationalen Vergleich ist der Abstand in Deutschland besonders hoch. Schon seit Längerem, berichtet Generalsekretärin Nahles, kämen zu Veranstaltungen zu diesem Thema viel mehr Besucher als etwa bei Einladungen zum Internationalen Frauentag.

Andere Wahlkampfformate – kleine Bühnen, Zuschauer, die wechselweise einen freien Platz auf der Bühne einnehmen dürfen – sollen ebenfalls Frauen überzeugen. Außerdem haben Tests ergeben, dass Frauen mit klassischen Großveranstaltungen weniger anfangen können als Männer. Von Malu Dreyer, der designierten neuen rheinland-pfälzischen Regierungschefin (sie soll im Januar Kurt Beck ablösen), will die SPD ein Wahlkampfkonzept übernehmen, das vorsieht, dass die Person an der Spitze möglichst viele kleine Wählergruppen trifft.

Schließlich soll Steinbrück daran erinnern, dass er die Familienpolitik der Großen Koalition offensiv vertreten hat. Seine eigene Frau Gertrud, Lehrerin und Mutter von drei Kindern, war nicht nur stets berufstätig, sie hat in den siebziger Jahren sogar einige Monate lang allein das Haushaltseinkommen verdient. Vermutlich erzählt Steinbrück im Wahlkampf nicht nur von ihr, sondern auch von seiner starken, strengen dänischen Großmutter, die ihm als Jungen das Schachspiel beigebracht hat. Sie ließ ihn dabei nie absichtlich gewinnen, sagt er. Zumindest diese Frau hat er am Ende doch besiegt.

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Leserkommentare
  1. letztendlich bleibt es zufällig,wer spitzenkandidat einer partei wird oder nicht.mitverantwortung trägt auch eine nicht immer informieren wollende medienpräsenz,die wichtiges vom unwichtigen nicht in der lage ist, zu trennen.so ensteht bisweilen ein diffuses bild der politiker,die als kandidaten in frage kommen.bei steinbück drängt sich der verdacht auf,dass neben seiner unbestrittenen kompetenz ,die andere,origineller wirkende art,sich darzustellen,ausschlaggebend war,ihn zum spitzenkandidaten zu machen.ganz abgesehen davon,ob der sogenannte mündige bürger visionäre politiker sich wünscht oder nicht, bleibt im unbewussten das gefühl ,sich mit einem kandidaten identifizieren zu wollen.die der objektiven information verpflichtenden medien scheinen manchmal den eindruck zu erwecken,dass ein spitzenkandidat eine mischung aus mandela,adenauer,brand,manchmal auch bismarck sein müsse.auch ein kandidat ist ,wie wir alle ,fehlbar.diese erkenntnis etwas mehr zu berücksichtigen, würde uns allen gut tun,weniger elfenbeinturmoptik auch.

    • gorgo
    • 26. November 2012 20:46 Uhr

    Steinbrück gehört einfach zu einer aussterbenden Spezies - wer will denn noch - männlich oder weiblich - diesen Typus Alphatiere, die andere mal eben runtertrampeln, wenn's Ihnen gerade selbst nützt oder nach der Nase geht.
    Früher hat man/frau solche vielleicht bewundert - aber heutzutage, ernsthaft???

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